AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 19 - 1/2003
   

Frauen und Mädchen mit Behinderungen

Von Prof. Dr. Monika Häußler-Sczepan, Roßwein, und Prof. Dr. Cornelia Helfferich, Freiburg

Neue Gesetze haben die Situation von Frauen und Mädchen mit Behinderungen zumindest auf dem Papier verbessert. Schon der erste Paragraf des Rehabilitationsgesetzes (SGB IX) dokumentiert einen allgemeinen Perspektivwechsel der Behindertenpolitik, der auch Frauen und Mädchen zugute kommt. Er endet mit dem Satz: „Dabei wird den besonderen Bedürfnissen behinderter und von Behinderung bedrohter Frauen und Kinder Rechnung getragen.“

Nicht mehr ausgrenzende Fürsorge, sondern uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, nicht mehr abwertendes Mitleid und Bevormundung, sondern völlige Gleichstellung und Selbstbestimmung sind die politischen Ziele. Diese Position ist auch angelegt in dem Begriff der Behinderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (i. d. Fassung v. 1999), der der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit und Behinderung (ICIDH-2) zugrunde liegt. Im Zentrum dieser Definition steht ein Verständnis von Behinderung als eingeschränkter Funktionsfähigkeit in drei Dimensionen, die als wertneutral zu begreifen sind und sich überlappen können: 1. Körperfunktionen und -strukturen, 2. Aktivitäten, 3. Teilhabe an den Lebensbereichen. Das Ziel, Teilhabe herzustellen, tritt an die Stelle des Zieles der „Integration“. Dahinter steht der Anspruch, behinderte Menschen als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger wahrzunehmen, sie nicht in etwas zu „integrieren“, sondern sie gleichberechtigt zu „beteiligen“. An einer offiziellen Übersetzung der aktuellen Fassung des Behinderungsbegriffs der WHO wird noch gearbeitet, das neue Verständnis als politische Zielsetzung hat jedoch bereits Eingang in das bundesdeutsche Recht gefunden.

Das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen in Deutschland (BGG, 2001), das der Umsetzung dieser behindertenpolitischen Zielsetzung dient, würdigt in § 2 explizit die Belange behinderter Frauen: „Zur Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind die besonderen Belange behinderter Frauen zu berücksichtigen (…). Dabei sind besondere Maßnahmen zur Förderung der tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung behinderter Frauen (…) zulässig.“

Beide Gesetzeswerke berücksichtigen somit ausdrücklich die Interessen behinderter Frauen und Mädchen. Nun gilt es, diese gesetzlichen Vorgaben auch im Alltag umzusetzen und einzuklagen. Dazu ist es vor allem erforderlich, dass der Bundesgesetzgebung entsprechende Landesgleichstellungsgesetze folgen, um die neuen Zielvorgaben auch auf Länderebene zu realisieren. Schließlich hat es einen Grund, dass die Belange behinderter Frauen in den neuen Gesetzen als besonders förderungswürdig hervorgehoben werden: Immer noch besteht eine besondere Benachteiligung behinderter Frauen und Mädchen – als behinderte Menschen und als Menschen weiblichen Geschlechts.

Nicht nur die Art und Schwere der Behinderung ist bei behinderten Frauen sehr unterschiedlich. Sie unterscheiden sich untereinander auch bezogen auf das Alter, Ausbildung, Beruf, sozialen Hintergrund, Familienstand, Kinder usw. Man kann sie nicht auf das Merkmal „behindert“ reduzieren (das gilt ebenso für Männer mit Behinderung). Sie sind in erster Linie Menschen und damit sind sie so unterschiedlich wie Frauen allgemein es sind. Vorsicht ist also geboten bei Verallgemeinerungen, wenn man die Lebenssituation von Frauen und Mädchen mit Behinderung beschreiben will.

Für Mädchen mit Behinderung lassen sich einige – nicht nur – positive Veränderungen festhalten. So hat sich die Erziehung von Mädchen mit Behinderung im Laufe der letzten fünfzig Jahre verändert – dies zeigt eine Studie zur Lebenssituation von körper- und sinnesbehinderten Frauen in Deutschland 1. Behinderung wird zunehmend weniger als Stigma vermittelt, und die Mädchen werden weniger sozial ausgeschlossen. „Normalität“ wird ihnen weniger abgesprochen als früheren Generationen – im Gegenteil: Sie wird verlangt. Den Anschluss an die gesellschaftliche Normalität müssen die Mädchen und Frauen durch individuelle Anpassungsleistungen erbringen, d. h., sie müssen im Alltag unter zum Teil großen persönlichen Anstrengungen ihr „Normal“-Sein unter Beweis stellen. Allerdings ist auch zu beobachten, dass Mädchen mit schweren Behinderungen vermittelt wird, sie würden nie als richtige Frauen Anerkennung finden, und daher werden kompensierend eher intellektuelle Bestleistungen von ihnen verlangt, während bei leichteren Behinderungen Mädchen zur Übernahme hausfraulicher Tätigkeiten angehalten oder sie in diesem Bereich ausgebildet werden.

In der Jugend und im mittleren Lebensalter der Frauen mit Behinderung stehen dann die „ganz normalen“ altersspezifischen biographischen Themen im Zentrum ihrer Lebensgestaltung: Ausbildung, Beruf, Partnerschaft, Sexualität und Mutterschaft – typische weibliche Lebensthemen und -muster, die allerdings unter der Bedingung einer Behinderung als Einschränkung und/oder Stigma eine besondere Ausprägung erfahren und besonderer individueller Anpassungsleistungen und Anstrengungen bedürfen. Die Fakten, die zu Ausbildung, Beruf, ökonomischer und familiärer Situation von diesen Frauen bekannt sind, zeigen, dass der verbesserten Gesetzeslage und einer gewandelten Erziehung noch lange nicht automatisch eine Gleichstellung folgt. Für Frauen mit Behinderung im Alter ergibt sich noch einmal eine besondere Situation. Nachdem mit den nach dem Krieg Geborenen das erste Mal eine Generation heranwächst, die nicht mehr von der nationalsozialistischen Vernichtung „unwerten Lebens“ betroffen war, hat sich die Gesellschaft noch nicht darauf eingestellt, dass nun auch mehr Frauen (und Männer) mit Behinderungen ein hohes Alter erreichen.

Leitthema

Dr. Monika Häussler-Sczepan
Dr. Monika Häussler-Sczepan


Prof. Dr. Cornelia Helfferich
Prof. Dr. Cornelia Helfferich

Die drei Schlüsselbegriffe „Teilhabe“ – „Selbstbestimmung“ – „Gleichstellung“ charakterisieren einen Wandel in der Behindertenpolitik, der auch im Rahmen des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen 2003 deutlich wird.

     
Frauen und Mädchen mit Behinderungen machen etwa fünf Prozent der Bevölkerung aus. Die häufigsten Behinderungsarten sind schwere körperliche Behinderungen. Mehr als zwei Drittel der als schwerbehindert gemeldeten Frauen und Mädchen fallen in die Kategorien der vorwiegend körperlich Beeinträchtigten. Zehn Prozent der weiblichen Schwerbehinderten sind sinnesbehindert; der Anteil geistig-seelischer Behinderungen ist ähnlich hoch. Der Anteil der Frauen mit der spezifisch weiblichen Behinderung des Verlusts einer oder beider Brüste – meist infolge einer Krebserkrankung – beträgt fünf Prozent.
     
Frauen mit Behinderung erfahren nach wie vor Diskriminierungen im Bereich der Gründung eigener Familien. Besonderes Augenmerk muss auf die Lebenssituation von Frauen mit geistiger Behinderung und Frauen, die in Heimen leben, gerichtet werden. Bekannt ist, dass geistig behinderte Frauen größere Schwierigkeiten haben, eine Erwachsenenidentität zu finden, als geistig behinderte Männer, weil ihnen die Gründung einer Familie in der Regel verwehrt ist. Der Verzicht auf diesen aus ihrer Sicht zentralen Aspekt weiblicher Identität wird von den geistig behinderten Frauen stark empfunden und er fällt ihnen ungleich schwerer als behinderten Männern, deren Vorstellungen von Erwachsensein eher mit „Autofahren“, „Ausgehen“ oder dem Besitz von technischen Geräten verbunden sind. Dies lässt sie mit als die am stärksten benachteiligte Gruppe von Frauen mit Behinderungen erscheinen2. Fast zwei Drittel der Frauen mit geistiger Behinderung, die in Heimen leben, sind sterilisiert; ein knappes Viertel nimmt die Pille. Fast ein Drittel dieser Frauen wurde bereits in der Jugend (häufig auf Betreiben der Eltern) zwangssterilisiert. Wenn auch nicht in dieser krassen Form, so gilt diese Diskriminierung auch für andere Gruppen von Frauen mit Behinderung. Selbst dann, wenn keine Problematik der Vererbbarkeit vorliegt, raten Ärzte und Ärztinnen häufig davon ab, Kinder zu bekommen. Frauen mit Körper- und Sinnesbehinderungen, die selbstständig in Privathaushalten leben, sind fast zehnmal so oft sterilisiert wie andere Frauen in Deutschland3.
     
Gravierende Defizite sind in den Bereichen Ausbildung und Beruf festzustellen, die von zentraler Bedeutung für die gesellschaftliche Integration von Menschen mit Behinderung sind. Zwar verfügen Frauen mit Behinderung häufiger über einen allgemeinen Schulabschluss als Männer mit Behinderung, die häufiger eine Sonderschule besucht haben. Aber: Deutlich mehr Männer als Frauen mit Behinderung haben eine abgeschlossene Berufsausbildung. Hier zeigen sich typische geschlechtsspezifische Muster der Benachteiligung von Frauen im Rahmen beruflicher Ausbildungswege: Obwohl behinderte Frauen im Bereich der schulischen Ausbildung ebenso qualifiziert bzw. eher schneller und besser als behinderte Männer abschneiden, werden sie im beruflichen Bereich eher ausgemustert. Behinderte Frauen sind häufiger erwerbslos und landen sehr viel häufiger als behinderte Männer nach dem Sonderschulabschluss direkt in der Werkstatt für Behinderte und arbeiten dort für ein Taschengeld oder sie begeben sich gleich in den Bereich der unbezahlten Hausarbeit. Schwer beeinträchtigte Männer zwischen 50 und 64 Jahren sind dann allerdings auch wieder so stark auf dem Arbeitsmarkt ausgegrenzt, dass hier wieder „Gleichheit“ zwischen den Geschlechtern in der schweren Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt herrscht. In der beruflichen Rehabilitation sind behinderte Frauen unterrepräsentiert. Seit mehr als einem Jahrzehnt liegt der Anteil der Frauen an Maßnahmen, die auf die (Wieder-) Eingliederung in das Erwerbsleben zielen, bei rund 30 Prozent. Zwar ist die absolute Zahl der Teilnehmerinnen an berufsfördernden Maßnahmen inzwischen gestiegen, der relative Anteil ist jedoch nahezu gleich geblieben. Ebenso wie bei nichtbehinderten Frauen wird die geschlechtsspezifische Rollenverteilung bei der Berufswahl manifest.  
Mit der mangelnden Schulbildung behinderter Frauen lässt sich die geringe Repräsentanz in Maßnahmen der beruflichen Bildung und Ausbildung allerdings nicht erklären.
     

Das allgemeine monatliche Nettoeinkommen der Haushalte, in dem Frauen mit Behinderung leben, belief sich 1997 auf rund 2.000 DM4. Damit verfügen die Haushalte im Schnitt über weniger als halb so viel Geld wie der durchschnittliche Haushalt mit Kindern in Deutschland und beziehen häufiger Niedrigeinkommen, was auch amtliche Statistiken und der Behindertenreport für die neuen Bundesländer von 1995 bestätigen.

Was brauchen Frauen mit Behinderung im Sinne des Geistes der neuen Gesetze? Sie haben einen so unterschiedlichen Bedarf an Unterstützung für eine aktive Lebensgestaltung und Alltagsbewältigung wie ihre Lebenssituation unterschiedlich ist. Bei Frauen mit Sinnesbehinderungen ist z.B. der „Zugang zur Welt“ beeinträchtigt, sie leben oft isoliert. Sie brauchen besondere Hilfen, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, mit anderen kommunizieren zu können und um „verstanden“ zu werden. Bei Frauen mit körperlichen Bewegungsbeeinträchtigungen ist die Barrierefreiheit der materiellen Umwelt wichtig, bei Frauen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Nierenerkrankungen fehlt eine Aufklärung im sozialen Umfeld über die besonderen krankheitsspezifischen Bedürfnisse. Gerade wenn eine Behinderung nicht sichtbar ist, versteht die Umwelt oft nicht, dass eine besondere Rücksicht angebracht ist, und auch den Frauen fällt es schwer, eine „Sonderbehandlung“ einzufordern. Frauen mit sichtbaren Behinderungen sprechen dagegen von übertriebenen Reaktionen der Umwelt wie Anstarren, Wegschauen etc. Auch für diese Frauen geht der Kontakteinstieg zur nicht-behinderten Welt zu ihren Lasten. Wichtige Aspekte der gesellschaftlichen Integration sind daher Kontakt und Kommunikation mit behinderten Frauen sowie Aufklärung über behinderungs- und krankheitsspezifische Anforderungen.

 
Frauen mit Behinderungen verfügen über sehr viel weniger Geld als der Durchschnitt der Bevölkerung und geraten häufiger in Armut, zumal Behinderungen zusätzliche Kosten verursachen.
     
Ein großes Thema ist immer wieder sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderung. Frauen mit Behinderungen erfahren in ähnlichem Ausmaß sexuelle Gewalt wie Frauen ohne Behinderung, sie befinden sich aber dennoch in einer besonderen Situation einer „Verletzbarkeit“. Geistig behinderte Frauen sind in besonderer Weise gefährdet, Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung zu werden, da sie die schlechtesten Möglichkeiten haben, Sexualität selbstbestimmt zu leben und erleben. Nach Zemp/Pircher (1996) hat mehr als jede zweite Frau in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung einmal oder mehrmals in ihrem Leben sexuelle Gewalt erfahren.
     

Aber auch in den „harten“ Bereichen Arbeitsmarkt und ökonomische Situation gibt es, wie die Zahlen gezeigt haben, viel zu tun, sollen die Schlüsselbegriffe der Teilhabe, Selbstbestimmung und Gleichstellung für Frauen mit Behinderung mit Leben gefüllt werden. Dringend notwendig ist eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt, vor allem flexiblere Möglichkeiten der Berufswahl und -ausübung. Auch im Hinblick auf die mit dem Alter steigende Beeinträchtigung durch die Behinderung und auf die Bedarfe von Müttern mit Behinderung müssen entsprechende flexiblere Arbeitsmarktkonzepte entwickelt werden.

Curricula zu Verhütung, Sterilisation, humangenetischer Beratung, Schwangerschaft und Mutterschaft von Frauen mit Behinderungen für die ärztliche bzw. gynäkologische oder pflegerische Ausbildung fehlen. Aber auch in der Lehrerausbildung ist Aufklärung über die besonderen Bedürfnisse chronisch kranker oder behinderter Schülerinnen notwendig, um Schülerinnen mit Behinderung, die mit hohem Kraftaufwand am Unterricht teilnehmen, tatsächlich „gleichzustellen“.

Generell sind für alle Angebote, die von Frauen allgemein genutzt werden, räumliche Barrierefreiheit, die Verfügbarkeit von Gebärdensprach-Dolmetscherinnen und Fortbildung der Mitarbeiterinnen über die besonderen Bedarfe und Bewältigungsanforderungen von Frauen mit Behinderung erforderlich. Neben dem Ausbau und der Zugänglichkeit von Beratungsstellen für Frauen und Mädchen mit Behinderung – u. a. auch bezogen auf das Thema sexuelle Gewalt – und der Entwicklung von Beratung durch Frauen mit Behinderung (Peer-Counselling) sind spezifische Aspekte zu berücksichtigen. Mütter mit Behinderung benötigen z. B. vermehrt gesellschaftliche Unterstützung und Integration. Für isoliert lebende und ältere Frauen ist eine „zugehende Beratung“ wichtig, z. B. in Form einer Einzelfallbetreuung. Daneben sind besonders offene Kontaktmöglichkeiten zu anderen Frauen mit Behinderung als Austauschforum wichtig, um ein positives Konzept von Leben mit Behinderung zu entwickeln. Schließlich setzen die neuen Gesetze nur „Zeichen“ einer neuen Behindertenpolitik – sie mit Inhalten zu füllen, ist die nun anstehende gesellschaftliche Aufgabe!

   
     
1 Eiermann/Häußler/Helfferich 2000
2 Zemp; Pircher 1996
3 Eiermann et al. 2000
4 Eiermann et al. 2000 (siehe Publikationen)