AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 29 - 3/2005
   

Studierende Mütter– Situation an Hochschulen

Das Phasenmodell, das ein Nacheinander von Ausbildung, Eintritt ins Erwerbsleben, Festigung der Berufsposition oder Karriere und dann erst eine Familiengründung vorsieht, ist – zumindest in den alten Bundesländern – ein verbreitetes Muster. Für Frauen mit Hochschulausbildung und dem Wunsch nach Kindern ist dieses Lebensmuster allerdings von einiger Brisanz. So sind Akademikerinnen beim Abschluss eines Erststudiums durchschnittlich 27,5 Jahre alt. Mit dem Start ins Erwerbsleben, der unter den gegenwärtigen Bedingungen des Arbeitsmarktes meist nicht nahtlos an den Studienabschluss erfolgt und der anschließenden Festigung der Berufsposition geraten Akademikerinnen mit dem Wunsch nach einem Kind zu Beginn ihres vierten Lebensjahrzehnts in eine Art „Rush-hour“ im Lebensverlauf.

Ein anderes Muster ist die Familiengründung während des Studiums. Bislang wurden Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Studium wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das Thema stand im Schatten der dominierenden Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

In der Bundesrepublik sind nur 6 % der Studierenden Mütter oder Väter. In Baden-Württemberg liegt der entsprechende Anteil bei 4,2 %. Die genaue Zahl lässt sich nicht ermitteln, da in Deutschland bei der Immatrikulation nicht erhoben wird, ob Studierende Eltern sind.

Forschungsprojekt „Familiengründung im Studium“

Das von der Landesstiftung Baden-Württemberg im Rahmen des Programms „Familienforschung“ finanzierte und am Sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsInstitut der Evang. Fachhochschule Freiburg durchgeführte Forschungsprojekt untersucht die Studien- und Lebenssituation baden-württembergischer Studierender, die im Studium Mutter oder Vater wurden oder die ein Kind im Alter von bis zu vier Jahren erziehen. Es geht den Fragen nach:

  Welche Rahmenbedingungen finden studierende Eltern an Hochschulen vor?
  Welche Regelungen erleichtern die Vereinbarkeit von Studium und Familie?
  Wie wird die Doppelbelastung Kind und Studium bewältigt?
  Wie sieht die familiale Arbeitsteilung bei studierenden Paaren aus?
  Hat eine Familiengründung während des Studiums (auch) Vorteile?

In einer ersten Befragungswelle beantworteten 368 Mütter und 211 Väter einen standardisierten Fragebogen schriftlich oder online. Nahezu alle Mütter leben mit ihrem Kind/ihren Kindern zusammen. 54 % sind verheiratet. 35 % sind zwar nicht verheiratet, haben aber eine feste Partnerschaft. 11% sind ohne feste Partnerbeziehung. 17 % der Mütter sind alleinerziehend (definiert als „mit Kind, aber ohne Partner im Haushalt lebend“). Die Studentinnen waren bei der Geburt des ersten Kindes durchschnittlich 25,5 Jahre alt und damit jünger als Mütter bei der ersten Geburt im Bevölkerungsdurchschnitt. Ihre Schwangerschaft ist nicht ausschließlich auf ein Versagen von Verhütung zurückzuführen. Vielmehr war für 35 % der studierenden Mütter die im Studium eingetretene Schwangerschaft – auch zu diesem Zeitpunkt – gewollt. D.h., sie hatten eine bewusste Entscheidung getroffen. Gefragt nach dem günstigsten Zeitpunkt für die Familiengründung von Frauen mit Hochschulabschluss nennen 30 % die Studienphase. 29 % halten den Zeitpunkt für gleichgültig und ebenso viele finden, dass Frauen erst nach Berufserfahrung oder in einer sicheren Berufsposition Kinder bekommen sollten.

Die Hochschulen sind ein weit gehend familienfreier Raum

Der Hochschulbetrieb ist nicht auf den Tagesrhythmus, wie ihn die Betreuung vor allem von Kleinkindern erfordert, abgestimmt. Und die Hochschulen sind ein weit gehend „familienfreier Raum“. Die Atmosphäre an ihrer Hochschule bewerten entsprechend nur 12 % der Mütter als kinderfreundlich. Jeweils 35 % der Mütter findet bei Dozierenden Verständnis für ihre besonderen Belastungen und/oder praktische Unterstützung durch Mitstudierende. Vor dem Hintergrund ihrer teils negativen Erfahrungen fordern die Mütter vielfach mehr Respekt und Sensibilität von Seiten der Hochschule.

25 % der studierenden Mütter fühlen sich durch die Verpflichtungen des Studiums und 19 % durch die Kinderbetreuung sehr stark belastet. Situationen, in denen es besonders große Probleme der Vereinbarkeit gibt, sind die Teilnahme an Exkursionen und Praktika (für 47 %) und Prüfungsvorbereitungen (für 29 %).

Gefragt nach den Bewältigungsstrategien für die Doppelbelastung geben 62 % der Mütter an, dass sie mit halber Kraft studieren oder sich auf die wesentlichen Studieninhalte konzentrieren. Nur 8% widmen sich ganz dem Kind und stellen das Studium hinten an. Immerhin jede Fünfte findet genug Zeit für Kind und Studium.

Das Studium aufzugeben oder zu unterbrechen, wenn ein Kind kommt, halten nur ein Zehntel der Mütter für wünschenswert. 25 % möchten in Vollzeit weiterstudieren. Die ideale Strategie der Vereinbarkeit ist jedoch für 65 % das Teilzeitstudium. Diese Studienform wünscht sich auch die Mehrzahl der Frauen von ihrem studierenden Partner (57 %). Hier wird der Wunsch nach einem Familienmodell mit egalitärer Aufgabenverteilung deutlich.

Nur 11% aller Befragten halten das Betreuungsangebot für ausreichend. 80 % geben an, dass es an ihrer Hochschule Einrichtungen zur Kinderbetreuung gibt. Die überwiegende Mehrzahl hat auch einen Platz bekommen. Aber es mussten Wartezeiten von bis zu 30 Monaten in Kauf genommen werden. Gewünscht werden vor allem mehr Krippen/Krabbelstuben (67 %).

Für 10 % der weiblichen Studienabbrecherinnen in Deutschland war der Grund für den Abbruch des Studiums eine Schwangerschaft oder die Unvereinbarkeit von Kinderbetreuung und Studium. Unsere Studie zeigt, welche Rahmenbedingungen es erleichtern, die Anforderungen des Studienalltags und des familiären Lebens unter einen Hut zu bekommen. Dies kann nicht nur Studienabbrüche verhindern, sondern auch dazu führen, dass sich junge Paare ihren Kinderwunsch erfüllen.

Anneliese Hendel-Kramer
Anneliese Hendel-Kramer M.A.
Sozialwissenschaftliches FrauenForschungs- Institut an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg SoFFI K (Foto)
in Zusammenarbeit mit Nina Wehner M.A. Projektleitung Prof. Dr. Cornelia Helfferich

 

WEBTipp
Familiengründung im Studium: Details zur Studie www.familie-im-studium.de

Landesstiftung Baden-Württemberg www.landesstiftung-bw.de