AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 20 - 2/2003
   

Frauenbildung an den Volkshochschulen

Von Ulrike Rinnert M.A., Fachbereichsleiterin für Frauenbildung an der Volkshochschule Stuttgart

Die Institution Volkshochschule sieht Frauenbildung als Teil von Frauenförderung, wie es auch im 1998 erarbeiteten Frauenförderplan verankert ist. Das Thema „Gender“, mit dem sich der Landesverband in Fortbildungen beschäftigt, ersetzt bei Volkshochschulen weder Frauenbildung noch Frauenförderung, sondern ist Teil einer Doppelstrategie.

Schwerpunkte zu Beginn der Neuen Frauenbildung waren typische Themen der Frauenbewegung wie beispielsweise „Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Mädchen und Frauen in Männerberufen, Teleheimarbeit, Feministische Theologie, Frauen in der Dritten Welt, Frauen in der Politik oder Frauennetzwerke“. Heute bieten nahezu alle Volkshochschulen im Land spezielle Veranstaltungen für Frauen an. Frauenbildung hat sich als Querschnittsaufgabe in allen Fachbereichen etabliert, schwerpunktmäßig in den Fachbereichen: Beruf, Gesundheit, Selbstmanagement und Kommunikation.

Volkshochschulen beschäftigen mehrheitlich Pädagoginnen und Verwaltungsmitarbeiterinnen. Dreiviertel aller Volkshochschul-Besucher/innen sind Frauen. Allerdings geht es bei der Frauenbildung um mehr, als weibliche Teilnehmerinnen zu unterrichten. Frauenkurse zeichnen sich aus durch spezifisch qualifizierte Kursleiterinnen, die einen ganzheitlichen Unterrichtsansatz neben herkömmlicher Methodik und Didaktik umsetzen. Dies ist Voraussetzung für die Arbeit mit der Zielgruppe Frauen. Angesprochen sind Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen und Berufen, verschiedener Herkunftsländer und Altersgruppen.

War zunächst das Bestreben von Frauenbildung, Frauen im beruflichen Bereich nachzuqualifizieren, überwiegt heute der Kompetenz- bzw. der biografische Ansatz in der Frauenbildung. D. h. es wird davon ausgegangen, dass Teilnehmerinnen sowohl über ausreichende Ressourcen als auch Kompetenzen verfügen, die es gilt zu aktivieren und teilweise außerhalb des familiären Kontextes auch einem professionellen Kontext zur Verfügung zu stellen.

Als Beispiel für diese Art der Frauenbildungsarbeit an Volkshochschulen können die mittlerweile an sieben Orten bestehenden Frauenakademien gelten. Entwickelt vor 15 Jahren an der Volkshochschule Ulm ist der Frauenstudiengang mittlerweile etabliertes und fein ausdifferenziertes Lehrgangsmodell an den Volkshochschulen Ulm, Ludwigsburg, Schwäbisch Hall, Reutlingen, Stuttgart, Baden-Baden und Bühl (Stadt). Ziel von Frauenakademien ist

  die Erweiterung der Sach-, Handlungs- und Kommunikationskompetenz,
  die Erweiterung der Allgemeinbildung unter Einbezug frauenspezifischer Forschungsergebnisse,
  das Erkennen der persönlichen Lebenssituation im Zusammenhang gesellschaftlicher Bedingungen,
  die Aktivierung von Ressourcen zum beruflichen Wiedereinstieg sowie
  die Weiterqualifizierung für die Übernahme neuer Aufgaben und Tätigkeitsfelder.

Zusammenfassend besteht die Stärke von Frauenbildung an Volkshochschulen darin, dass

  diese Institution politisch unabhängig und überparteilich arbeitet,
  sie Forum ist für die Zusammenarbeit und Auseinandersetzung unterschiedlichster Frauen und Frauengruppierungen,
  sie Netzwerke initiiert und unterstützt,
  sie über engmaschig über das Land verteilte Kooperationspartnerinnen mit deren institutioneller Infrastruktur verfügt,
  sie der ältesten professionellen Einrichtung der Erwachsenenbildung angehört und somit
  den Zugriff auf bewährtes Erfahrungswissen hat,
  wissenschaftliche Begleitung für Modellprojekte und Unterrichtsevaluation erfährt (DIE – Deutsches Institut für Erwachsenenbildung) und
  von den Innovationen der Gesamtinstitution profitiert.

Ulrike Rinnert
Ulrike Rinnert



     

Carola Rosenberg-Blume (1899–1987), gebürtige Schwäbin und jüngst entdeckte Pionierin1 der Frauenbildung in Deutschland, hat in Stuttgart während der zwanziger Jahre bis 1933 ein Frauenbildungswerk an der Volkshochschule aufgebaut, das in seiner Einmaligkeit und Modernität weit über die Grenzen Deutschlands ausstrahlte. Da sie Jüdin war, wurde Sie fristlos entlassen und emigrierte 1936 in die Vereinigten Staaten.

Es war ihr wacher Spürsinn für die zeitgeschichtliche Situation (Aufbruch der Frauen mit der Gründung der Republik, Wahlrecht, zunehmende Berufstätigkeit …) und die intime Kenntnis der sozialen und rechtlichen Lage der Frauen in jener Zeit, die sie ein Programm entwickeln ließ, das ganz auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Teilnehmerinnen abgestimmt war und sich vor allem an diejenigen Frauen richtete, die „am stärksten in ihrem Frauentum durch die Not der Zeit betroffen werden: die Arbeiterinnen, die weiblichen Angestellten (v.a. die Verkäuferinnen) und die berufstätigen Haufrauen“. „Wenn es uns mit unserer Arbeit ernst war, so mussten wir von unserem hohen Bildungsross herabsteigen und im Kleinsten und am Kleinsten arbeiten“, so Carola Rosenberg-Blume in einem Vortrag zum zehnjährigen Bestehen des Vereins zur Förderung der Volksbildung“ 1928, der von dem sozial engagierten Unternehmer Robert Bosch und dem Stuttgarter Erwachsenenpädagogen Theodor Bäuerle 1918 gegründet und aus dem 1919 die Volkshochschule Stuttgart hervorgegangen war.

Die Hilfe in den bedrängendsten Nöten war für sie der pädagogische Einstieg in die Bewusstseinsbildung der Frauen - die individuelle Situation war der Ausgangspunkt für die Betrachtung der gesamtgesellschaftlichen Lage. Das Kursangebot umfasst folgende Schwerpunkte: die arbeitende Frau; Mutter und Kind, Gymnastik und Körperkultur; Häusliche Krankenpflege; Ärztliche Frauenfragen; Praktische Kunstpflege; Die unverheiratete berufstätige Frau; Reflexionsbezogene Themen „Wege der Frau zu sich selbst“, die die Frauen zum Nachdenken über sich selbst und ihre Lebenssituation anregen sollen. Diese Themen orientieren sich konsequent an der Lebenswirklichkeit und den Bedürfnissen der Frauen, um dann mit Hilfe von Vorbildern aus der Frauenbewegung, aus Literatur und Kunst, Möglichkeiten zu einem selbstbestimmten Leben aufzuzeigen.

Carola Rosenberg-Blume baut in den späten zwanziger Jahren, in Zeiten dramatischer Arbeitslosigkeit, eine zweite große Institution auf: eine Volkshochschule für erwerbslose Frauen, in der diese (mit ihren Kindern) nicht nur betreut und zu Eigentätigkeit aktiviert, sondern auch beruflich geschult und umgeschult werden und in vielen Fällen auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen können. So kann die Frauenabteilung insgesamt im Jahr 1932 mehr als 21.000 Teilnehmerinnen aufweisen. Die Aktualität und Modernität dieses Bildungsprogramms zeichnet sich zusammenfassend durch folgende Merkmale aus: ein hochmotiviertes Team von Mitarbeiterinnen und einen demokratischen Führungsstil; die Dezentralisierung des Kursangebots (die Frauen da abholen, wo sie arbeiten und wohnen; Betriebskurse für Arbeiterinnen in den Fabriken selbst); ein funktionierendes Kooperationsnetz mit Berufsverbänden, Gewerkschaften, Vereinen, Jugendorganisationen, Schulen, städtischen Ämtern, Betrieben; ein Gremium „Kreis für Frauenfragen“, in dem die inhaltliche Programmatik der Frauenabteilung und die allgemeinen Rahmenbedingungen der Arbeit zur Diskussion stehen; weitgehend selbstständig arbeitende Fachgruppen, unter der Führung einer Fachleiterin; Freizeiten mit Lehrkräften und Teilnehmerinnen in Bildungsstätten auf dem Lande (Heimvolkshochschulen im Kloster Denkendorf bei Esslingen und auf der Comburg bei Schwäbisch Hall , Ferienhaus der Frauenabteilung bei Gaienhofen am Bodensee).

Dr. Anne-Christel Recknagel

1 Anne-Christel Recknagel, "Weib, hilf dir selber!" Leben und Werk der Carola Rosenberg-Blume, Hohenheim Verlag Stuttgart 2002