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Techtelmechtel mit der Technik – Schlaglichter aus dem Projekt „Mädchen und Technik“

Einleitung

Viele Projekte widmen sich thematisch den nunmehr exemplarisch gewählten Begriffspaaren „Mädchen und Naturwissenschaften“ oder „Frauen und technische Berufe“. Von den meisten anderen Projekten unterscheidet sich das seit vergangenem Jahr laufende und mit Mitteln des Ministeriums für Arbeit und Soziales Baden-Württemberg finanzierte Projekt „Mädchen und Technik“, das von der Stadt Aalen und der Hochschule Aalen getragen wird. Es wendet sich nicht nur an Mädchen im Alter „von bis“, und es setzt nicht in ausschließlich fokussierten Schularten und Bildungsphasen an. Vielmehr entwickelt es innovative Ansätze entlang der Bildungskette und realisiert diese mit den Kindern und Jugendlichen selbst bzw. mit den vielfältigen Personengruppen, die den Bildungsverlauf von Kindern und Jugendlichen prägen, beeinflussen und vorherbestimmen können. Dazu zählen u.a. ErzieherInnen, Grundschul- und HauptschullehrerInnen ebenso wie SozialpädagogInnen in der außerschulischen Kinder-, Jugend- und Bildungsarbeit sowie die Eltern.

Wunschgedanke ist, dass Mädchen in ihrer Lebens- und Erfahrungswelt häufiger und selbstverständlicher mit Technik und Naturwissenschaften in Berührung kommen sollen. Denn die dahinterstehende These lautet: Je zahlreicher, unmittelbarer und ungezwungener Kontakte entstehen, desto eher dürften Mädchen in der Lage sein, ihre Interessen, Talente und Fähigkeiten in dieser Richtung reell einzuschätzen und sich deutlich intensiver für den MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissen­schaften und Technik) zu erwärmen.

Dieses umfassende Anliegen spiegelt sich naturgemäß auch in den Projektteilen wieder, die zumindest einmal in ihrer Vollständigkeit genannt werden sollen. Die Stadt Aalen und die Hochschule Aalen entwickelten folgende Module: „Faszination Technik schon für die Allerkleinsten – Kindergartenprogramm“; „Techtelmechtel mit der Technik – Außerschulisches Programm für Mädchen“; „Frauen und Technik! – Schulisches Programm für Mädchen“; „Klar kann ich Technik! – Qualipass Technik“ sowie „Technik – nicht ohne meine Tochter! – Elternarbeit“.

Aufgrund des breiten Fächers an Ansatzpunkten können erste Ergebnisse nur schlaglichtartig und in Ausschnitten dargestellt werden. Dies auch, da das Projekt noch „mitten im Laufen“ ist, und erst Teile der projektspezifischen Erhebungen abgeschlossen resp. ausgewertet sind.

Schlaglicht Kindergarten – das Erwachen der kleinen ForscherInnen

Ausgehend von der Initiative „Haus der kleinen Forscher“ wurden und werden in Aalen spezielle Fortbildungen zu naturwissenschaftlichen und technischen Themen angeboten. VertreterInnen von 31 der 34 ortsansässigen Kindertageseinrichtungen besuchten nicht nur die initiierten Veranstaltungen und Fortbildungen, sondern nahmen vielmehr den Impuls zu verstärktem Experimentieren in die Kindergärten mit. Denn nicht vergessen werden darf: Der noch im Herbst verbindlich in Kraft tretende Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen Kindergärten sieht in seinen Einzelteilen verstärkt Naturwissenschaften und Technik vor. Doch nicht nur die anstehenden Rahmenbedingungen und die zunehmende Durchdringung des Alltags mit Technik führen zu einer verstärkten Hinwendung zu Experimenten, sondern auch die deutlich vorhandene Lust der Kindergartenkinder am Forschen und Ausprobieren, am Anpacken und Beobachten.

Projekte zur frühkindlichen Bildung rund um MINT-Themen – z.B. das Projekt TECHNOlino (einem der drei Teilprojekte der Gesamtinitiative Fa.i.B.Le, www.start2000plus.de/de;­vereinbarkeit-von-familie-und-beruf.htm) oder das „Haus der kleinen Forscher“ (www.haus-der-kleinen-forscher.de) - haben ausnahmslos gezeigt, dass sich Kinder unabhängig ihres Geschlechts für erlebbare Angebote zu technischen Themen begeistern.

„Mädchen und Technik“ nahm diese offensichtlich generalisierbare Erkenntnis auf – ohne die Validierung im laufenden Projekt aus den Augen zu verlieren -, rückte aber in der Umsetzung und der wissenschaftlichen Begleitung den möglichen genderspezifischen Umgang mit MINT-Inhalten expliziter und detaillierter in den Blickpunkt. Dazu wurden zum einen die ErzieherInnen in einem ersten Fragebogen gebeten, das technische und naturwissenschaftliche Interesse, das Engagement und die Übertragbarkeit des Erlebten in den Alltag unterschieden nach Jungen und der Mädchen zu „bewerten“. Zum anderen wurde – begleitend zur Durchführung der Experimente im Kindergarten - ein Beobachtungsbogen entwickelt, in welchem die ErzieherInnen Erstimpulse von Jungen und Mädchen zu unterschiedlichen Items dokumentieren sollen.

Bei der Ersterhebung muss beachtet werden, dass die Antworten der Erzieher/innen immer auch vor dem Hintergrund deren jeweiligen Sozialisation zu sehen sind. So sehr sich alle Beteiligten auch bemühen: Geschlechterstereotypen beeinflussen jegliches Handeln, eigene Rollenbilder, -vorstellungen und -erfahrungen prägen das (teilweise auch unbewusste) Verhalten. Ebenso verzerrt ein stringentes Bemühen, solche Stereotypen zu vermieden, den „natürlichen“ Umgang von Personen.

Die reine Beobachtung während des Experimentierens kann die Gefahr der impliziten Rollenzuschreibung zumindest methodisch auflösen. Welche Erkenntnisse die Auswertung der Daten, die entlang verschiedener Kategorisierungen z.B. nach Alter der Kinder und Zusammensetzung der Experimentiergruppen vorgenommen wird, liefern werden, ist noch nicht abzusehen. Noch laufen die Versuche in den Kindergärten, und mit jedem dokumentierten „Fall“ erhöht sich selbstredend die Datenbasis und damit die Validität der Daten.

 

Schlaglicht Schulen – vom Anwachsen und leider auch Welken des Interesses gegenüber MINT-Fächern

Nochmals zur Wiederholung: Kleine Kinder lieben Experimente und Naturphänomene, Mädchen in den Mittelstufen der Schulen fällt dagegen häufig wenig Positives z.B. zum Fach Physik ein. Das Projekt stellte sich daher ausdrücklich auch die Frage, an welchen Aspekten und Settings sich in der Entwicklungs- und Bildungsphase von Mädchen die Punkte festmachen lassen, an welchen das Interesse an technischen und teilweise auch an naturwissenschaftlichen Themen verloren geht bzw. wo sich „Mädchen-Sein“ und die Auseinandersetzung mit MINT-Themen scheinbar widersprechen.

„Mädchen und Technik“ maßt sich nun keineswegs an, innerhalb weniger Monate und mit seinen punktuellen Ansätzen hierzu die Stellschrauben abschließend aufzudecken. Vielmehr wurden ausgehend von den grundlegenden Hypothesen, dass

  • Technik für Mädchen erlebbar gemacht werden muss („Dinge ausprobieren dürfen“),
  • Technik in seiner Faszination dargestellt werden muss („Technik sowohl als Artefakte als auch in der Anwendung mit dem Menschen“) und
  • Technik in der Anwendung und nicht nur in der Theorie vermittelt werden muss („Technik wird von Menschen für Menschen gemacht“)

für den schulischen Bereich zwei innovative Angebote detaillierter erarbeitet, umgesetzt und begleitet: zum einen „Leuchttürme“ – ein Pilotprojekt zum Thema Strom an einer Grundschule, zum anderen „Feuer und Flamme“ – ein Pilotprojekt an einer Hauptschule.

Detailinformationen zu beiden Konzeptionen sind nachzulesen unter http://www.maedchenundtechnik.de/zielgruppe-schule.htm , doch grob zusammengefasst lassen sich folgende erste Erkenntnisse ableiten:

Pilot „Leuchttürme“

  • Die verbindlich vorgeschriebenen Experimente im Fächerverbund MeNuK (Mensch, Natur und Kultur) der Grundschule erfordern von Lehrerinnen und Lehrern gleichermaßen die Notwendigkeit und Bereitschaft, ihre eigene diesbezügliche Kompetenz zum Tragen zu bringen. Dieser Aspekte sollte nicht unterschätzt, geschweige denn abgetan werden. Das Nachhaken bei Lehrkräften, die nun schon seit rund 30 Jahren im Beruf stehen, ergibt doch überaus deutlich, dass Naturwissenschaften und Technik, insbesondere das Experimentieren mit den Kindern, nicht Gegenstand der Studieninhalte in den siebziger Jahren war. Modelle der thematischen Weiterbildung, der Aufbereitung der Experimente im Team sowie das „Verpacken“ der Experimente in speziellen Projekttagen oder interessanten Formen der Wissensvermittlung lassen hier weitreichendere Spielräume zu.
  • Die Grundschulkinder nahmen das Kursangebot mit Feuereifer und großer Motivation auf. Der außerschulische Lernort – hier die ausgedehnte Schulstunde an der Hochschule in Aalen – trug seinen Teil dazu bei. Außerschulische Lernorte stellen dabei nicht nur bereits vom Namen oder den Laboren her äußerst eindrucksvolle Lokationen wie eine Studienstätte dar. Schon weniger prestigeträchtige Ausflüge erlauben eine deutliche Verstetigung von Wissenserwerb und Merkfähigkeit.
  • Rund drei Viertel der Mädchen haben nach eigenen Angaben ihr neues Wissen rund um Strom, Stromkreis und Beleuchtung sofort an Eltern und Geschwister weitergegeben. Jungen taten dies zu weniger als die Hälfte. Stolz waren aber alle Kinder, dass ihre „SchülerInnen“ das Erklärte auch verstanden haben. Auch diejenigen, die noch nicht dazu kamen, den Stoff weiterzugeben, oder dazu einfach noch keine Lust hatten, waren sich darüber im Klaren: Wir hätten es gekonnt – unter einem Stromkreis können wir uns jetzt was vorstellen!
Pilot „Feuer und Flamme“
  • Die etwas andere Art der Wissensvermittlung führte dazu, dass die Mädchen in einer Eigeneinschätzung ihre Unterrichtsbeteiligung höher als normal bewerteten. Positiv empfunden wurde zudem die weitaus höhere Flexibilität, auf schüler/innen-motivierte Aspekte einzugehen und Sachverhalte, die sich aus dem anwendungsorientierten Unterricht nahezu selbstlaufend ergaben, weiterzuverfolgen. •  Die Trennung der Geschlechter in zwei Einheiten wurde speziell von den Schülerinnen als äußerst angenehm empfunden. Sie verwiesen im Gespräch darauf, dass sie sich ohne Unterbrechung äußern konnten und genossen die Ruhe im Unterricht. Seitens der Lehrenden wurde angemerkt, dass den Mädchen nun umfassender die Chance zum Mitmachen, Mitkommen und Miterleben geboten wurde.
  • Mit welcher Begeisterung neues Wissen auch in dieser Altersstufe weitergegeben wurde, zeigte ein weiterer Projekt-Nachmittag: Die SchülerInnen der projektumsetzenden Kom­petenz-AG „Einführung in naturwissenschaftliches Arbeiten“ erklärten Grundschulkindern der dritten und vierten Klasse anhand von 14 Experimentier-Stationen allerhand Wissens­wertes rund um´s Thema „Feuer und Flamme“. Mit diesem Cross-Age-Konzept konnte nahezu spielerisch erhoben werden, was bei den Älteren an Lernstoff verankert werden konnte, aber auch welche Kompetenzen infolge des Rollenwechsels vom Lernenden hin zum Lehrenden abgerufen wurden. Denn Erklären erfordert, sich einer Sache sicher und bewusst zu sein!

Außerschulische Angebote - Sommercamps für Mädchen

Mit einem wirklich ganz speziellen Angebot an Mädchen wird die Kurzbeschreibung der Projektmodule beendet. Dabei handelt es sich um das jeweils einwöchige „Techtelmechtel mit der Technik“. Dieses „Stelldichein“ wurde in den Sommerferien für Mädchen von 8 bis 12 Jahren mit der Spezifikation „Mit allen Sinnen und viel Gefühl“ und für Mädchen von 13 bis 16 Jahren mit der Konkretisierung „Mensch und Maschine – von Robotern und anderen Wesen“ angeboten.

Wichtig war beiden Camps, dass Mädchen Technik erfahren sollten, und zwar am eigenen Körper. So wurden technische Prozesse, die im Experimentieren erfahren wurden umgesetzt in Körperarbeit - der Stromkreis etwa als Kreis der Mädchen selbst und Widerstand als im Körper erlebbarer Widerstand. Sie sollten nach lediglich kurzen Einführungen selbst Grundlagen begreifen und mit eigenen Ideen weiterverfolgen können. Und sie sollten das Gefühl vermittelt bekommen, dass jede Technik nur so funktional ist, wie der Mensch sie mit Anwendung und damit mit Sinnhaftigkeit bestückt.

Auch die schnell ausgebuchten Camps wurden durch Befragungen und teilnehmende Beobachtungen begleitet. Da sich die Freizeit zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrags noch in der Durchführung befand, ist es für eine Auswertung noch zu früh. Daher lediglich ein kurze Bemerkung: Auch non-verbale „Äußerungen“ lassen erste Rückschlüsse auf das Wirken der Materie bei den teilnehmenden Mädchen zu. Erkennbar war eine hohe Motivation und Konzentration sowie Sorgfalt, im speziellen Fall beim Zusammenbauen und Programmieren eines Roboters, und die anschließende Begeisterung, aus zunächst losen Teilen eine technische Kreatur zusammengebaut zu haben, die aufgrund der eingebauten Sensoren auf akustische Befehle hin Dinge fassen und mit der einprogrammierten Drehung an den Ausgangspunkt zurückbringen konnte. Erkennbar war der Stolz und das Erkennen: „Ich habe es geschafft, ich habe Technik bewerkstelligt, ich habe eine Idee, diese Technik einzusetzen!“ Diese Bestätigung zu erhalten und parallel dazu durch eigenes Tun zu erfahren, wie designbar und kommunizierbar Technik ist, dürfte – im Gegensatz zum häufig doch sehr theoriegeleiteten Schulunterricht in den entsprechenden Fächern - einen bleibenden und positiven Eindruck hinterlassen haben.

Ausblick

Noch verbleiben im Projekt einige Monate der Umsetzung und der Auswertung. In den anstehenden Wochen sollen mit Beginn des neuen Schuljahrs verstärkt die Eltern sensibilisiert und motiviert werden, technisches Interesse bei ihren Mädchen zu fördern und zu fordern. Das Projektteam wird zu diesem Anliegen Elternabende in Realschulen im Ostalbkreis besuchen und vor Ort zum zukunftsorientierten Thema informieren und aufklären.

Zudem sollen mit erweiterten Angeboten im außerschulischen Bereich Mädchen angesprochen werden, die aufgrund ihrer alltäglichen Lebensumwelt z.B. nicht den Weg zu einem Sommercamp finden würden. Daher werden die für die Sommercamps entwickelten Einheiten nach der Pilotphase weiterentwickelt, dokumentiert und außerschulischen Jugendarbeitseinrichtungen zur Verwendung zugänglich gemacht.

Bereits zum jetzigen Projektstadium zeigt sich: „Mädchen und Technik“ wird eine Fülle von konkreten Umsetzungsempfehlungen und Anregungen zum Überlegen und Überdenken, zum Querstreichen des Alltäglichen, zum Neuhinzulernen sowie zum Teil auch zum Neuhinzulernen-Müssen präsentieren.

Petra Bonnet M.A.
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Frau Bonnet führt die wissenschaftliche Begleitung des Projekts durch.