AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 9 - 3/2000
   

Frauen und Mädchensport, Schulsport

Von Dr. Hermann Kurz, Landesinstitut für Schulsport

Frauen waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch vom Turnen ausgeschlossen. Erst im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen entwickelte sich eine eigenständige Frauensportkultur mit eigenen Konzepten wie Mädchenturnen und Gymnastik, welche „höheren Töchtern“ Anmut und Gesundheit verhießen. Frauen nahmen auch, Warnungen vor „Vermännlichung“ ignorierend, immer mehr an sportlichen Wettkämpfen teil. Heute ist Frauen im Prinzip der Zugang zu allen Sportarten offen, eine strenge inhaltliche Trennung der Sportarten in Männer- und Frauensportarten ist nicht mehr erkennbar. Allerdings erheben Männer (noch) keine Ansprüche auf aktive Teilnahme in typischen Frauensportarten wie z.B. die Rhythmische Sportgymnastik. Direkte Vergleiche im sportlichen Wettkampf zwischen beiden Geschlechtern bleiben jedoch die Ausnahme, z.B. im Motor- oder Pferdesport, wo die energetischen Bedingungen nicht direkt vom sportlichen Akteur zu erbringen sind. Im Freizeitsport ist diese deutliche Trennung nicht gegeben.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Situation im Schulsport wie folgt dar. In der Grundschule werden die Kinder auch im Fach Sport koedukativ unterrichtet. In den Klassen 5 bis 10 findet der Sportunterricht in geschlechtsspezifischen Gruppen statt –in Klasse 5 und 6 ist Koedukation noch möglich. Die gymnasiale Oberstufe und der Berufsschulbereich verzichten wieder auf eine Trennung der Geschlechter. Diese Lösung berücksichtigt Vorgaben aus der Entwicklung und Förderung der Kinder und Jugendlichen sowie auch aus den organisatorischen Rahmenbedingungen. Inhaltlich unterscheiden die Lehrpläne einen Kernbereich, in dem der Kanon der Sportarten für Jungen und Mädchen großteils identisch ist, mit Ausnahme von Fußball, was für Jungen verpflichtend, und Gymnastik/Tanz, was für die Mädchen verpflichtend ist, und einen Ergänzungsbereich, in dem weitere Sportarten, den Interessen der Schüler und den Kenntnissen der Lehrer/innen entsprechend, ausgewählt werden können. Die Sportklassen können prinzipiell von Lehrerinnen oder Lehrern unterrichtet werden, wobei die Unterweisung der Mädchenklassen durch Frauen und der Jungenklassen durch Männer üblich ist. Schulsport präsentiert sich so zum Teil als Mädchensport und Jungensport. In den koedukativ zu unterrichtenden Altersstufen eröffnen sich für die Lehrerin oder den Lehrer pädagogische Verpflichtungen und Chancen zugleich, im Rahmen integrativer Lösungen zu lebenslangem Sporttreiben zu befähigen und zu motivieren.


Dr. Hermann Kurz

     
Bei der Ausbildung von Sportlehrerinnen und Sportlehrern an den Hochschulen und Universitäten wurde die bis in die Siebzigerjahre übliche Trennung der Geschlechter inzwischen aufgelöst. An der PH Ludwigsburg wird aktuell keine Ausbildungsveranstaltung im Vorlesungsverzeichnis und auch keine von den Studentinnen und Studenten selbst organisierte AG angeboten, die auf ein Geschlecht begrenzt ist. Am Landesinstitut für Schulsport in Ludwigsburg, dem zentralen Institut für Lehrerfortbildung im Fach Sport, werden die Veranstaltungen für Sportlehrerinnen und Sportlehrer konzipiert und auch von beiden Geschlechtern angenommen.So ist das „Auftauchen“ von Lehrern bei Seminaren zum Thema „Gymnastik/Tanz“ keine seltene „exotische Erscheinung“, weil sie diese Inhalte in der Schule eben auch unterrichten müssen. Spezifische Frauenlehrgänge, wie „Fußball für Lehrerinnen“, waren schon im Lehrgangsprogramm und werden bei Bedarf wieder aufgenommen.Spezifische Inhalte für Mädchen, wie „Selbstverteidigung für Mädchen“, sind denkbar, wobei aber auch vieles für eine koedukative Behandlung des Themenfeldes „Aggression und Gewalt“ spricht.