AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 8 - 2/2000
   

Europa kann nicht länger auf Forscherinnen verzichten

Von Rose Köpf-Schuler, Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg

Auf EU-Ebene gibt es neue Anstrengungen, die Position der Frauen in der Forschung auszubauen. Obwohl in der Europäischen Union 50 Prozent der Hochschulabsolventen Frauen sind, sind sie in den Hochschulen, den Forschungsinstituten und den Forschungsabteilungen der Unternehmen völlig unzureichend vertreten. Im akademischen Bereich werden nicht einmal 10 Prozent der Spitzenpositionen von Frauen bekleidet. Im vergleichbaren Forschungsbereich der Wirtschaft dürfte ihr Anteil noch weit darunter liegen.

Mit Beginn des 5. Rahmenprogramms für Forschung und technologische Entwicklung der EU (5. RP) 1999 (Mittelvolumen für europäische Spitzenforschung bis 2002: 14, 96 Mrd. EURO) hat sich die EU-Kommission erstmals auf Zielvorgaben und Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils verpflichtet. Hierzu gehören:

  die Besetzung aller Gremien und beratenden Organe zum 5. RP zu 40 Prozent mit Frauen,
  die Vergabe von mindestens 40 Prozent aller Marie-Curie-Stipendien an Wissenschaftlerinnen,
  bei jeder Projektausschreibung die explizite Ermutigung an Frauen, sich zu beteiligen,
  die geschlechtsspezifische Erfassung aller an Projekten Teilnehmenden, um die Beteiligung der Frauen am 5. RP verfolgen zu können
  sowie die Einrichtung eines Frauenreferats in der Forschungskommission und einer kommissionsinternen Koordinierungsstelle „Gender and Science Watch System“ für das 5. . RP.

Um weitere Vorschläge für eine höhere Beteiligung von Frauen an der Forschung zu entwickeln, hat die EU-Kommission eine aus zwölf Wissenschaftlerinnen bestehende Expertinnengruppe eingesetzt. Deren Bericht „Science policies in the European Union: Promoting excellence trough mainstreaming gender equality“ enthält eine Analyse der Ursachen für die geringe Frauenbeteiligung in der Forschung, eine Vielzahl von Verbesserungsvorschlägen für die nationale Politik der Mitgliedsstaaten und Vorschläge an die Kommission selbst, die in das nächste EU- Forschungsrahmenprogramm (6. RP) aufgenommen werden sollen. Für das 6. RP werden insbesondere vorgeschlagen:

  Fördermittel für die Vernetzung von Frauennetzwerken in Wissenschaft und Forschung,
  Finanzhilfen für Aufenthalte außerhalb der eigenen Forschungsstätte für Forscherinnen, die z.B. wegen Kindererziehung internationale Erfahrungen zurückstellen mussten und
  Zuwendungen für Konferenzen nur, wenn genügend Frauen als Referentinnen auftreten.

Die Diskussionen dieses Berichts in den verschiedenen EU-Gremien, wie z.B. im Ausschuss für wissenschaftliche und technische Forschung (CREST; das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg vertritt dort die Bundesländer)zeigen, dass das Thema „Frauen in der Forschung“ längst nicht mehr allein unter dem Diskriminierungsaspekt gesehen wird. Vielmehr wird es eingebettet in eine Strategie mit dem Ziel, den technologischen Rückstand gegenüber den USA und Japan aufzuholen. In dem neuen Grundsatzpapier der EU-Kommission „Hin zu einem europäischen Forschungsraum“ ist deshalb neben einer Vielzahl von Maßnahmen wie z.B. die Steigerung der Attraktivität der EU für Forscherinnen und Forscher aus aller Welt ausdrücklich auch die Mobilisierung von Frauen für die Forschung vorgesehen. Die Philosophie lautet: Europa kann es sich nicht mehr leisten, auf das Potenzial der Frauen in der Forschung zu verzichten!


Rose Köpf-Schuler





Nähere Informationen zu den Marie-Curie-Stipendien stehen im Internet unter http://www. cordis. lu/improving/ src/hp_women. htm. Außerdem sind über diese Internet- Adresse alle wesentlichen EU- Veröffentlichungen zum Thema „Frauen und Forschung “ abrufbar.