Interview mit Prof. Dr. Regine Gildemeister
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Frau Professor Gildemeister, Sie lehren „Soziologie der Geschlechterverhältnisse“ an der Universität Tübingen. Was heißt das? |
Die Soziologie untersucht gesellschaftliche
Entwicklungen in verschiedenen Bereichen. In einem sehr
weiten Sinn geht es um die Analyse sozialer Ordnungen. Geschlechterverhältnisse
sind dabei ein konstitutiver Bestandteil – das ist eigentlich
selbstverständlich, und die Frage ist eher, warum es erst
eine Frauenbewegung brauchte, um „Geschlecht“ zu einem Gegenstand
soziologischer Analyse werden zu lassen. „Soziologie der
Geschlechterverhältnisse“ heißt also, historisch gewordene
Geschlechterverhältnisse als einen konstitutiven Bestandteil
spezifischer sozialer Ordnungen zu analysieren. Das kann
an einzelnen Bereichen konkretisiert werden, etwa in der
Analyse der Arbeitswelt. Soziale Ordnungen bestimmen darüber,
welcher Stellenwert und welche Bedeutungen mit der Kategorie
„Geschlecht“ verbunden werden. |
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Gibt es „die“ Frauenforschung gar nicht? |
Es kann gar nicht „die“ Frauenforschung
geben, eben weil es nicht „die Frauen“ gibt. Im Begriff
„Gender“ ist enthalten, dass „Geschlecht “immer eine „relationale“
Kategorie ist, dass es also um wechselseitige Bezugnahmen
geht. Daher kann nicht ein Bestandteil („die Frauen“) einfach
herausgelöst und „für sich “betrachtet werden. In der Genderforschung
untersucht man nicht mehr Unterschiede zwischen den Geschlechtern,
sondern die in der sozialen Ordnung verankerten Prozesse
der Unterscheidung. Zunehmend rücken nicht mehr allein die
Folgen des „kleinen Unterschieds “in den Blick, sondern
die Voraussetzungen, die zu einer Aufteilung in zwei Geschlechter
führen. |
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Bieten Sie „Gender Studies“ an? |
Soziologie ist in Baden Württemberg überwiegend
ein Fach innerhalb des Magisterstudiums – im Haupt- oder
Nebenfach. Da erwirbt man das soziologische Handwerkszeug:die
Fähigkeit, gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen
zu analysieren. Für mich machen „Gender Studies “ vor allem
als Aufbaustudium oder Promotionsstudium Sinn, dann, wenn
bereits eine fachliche Perspektive erworben wurde. Frauen-
und Geschlechterforschung ist ja nicht nur Thema in der
Soziologie, sondern vom Prinzip her in allen Disziplinen.
Von der Archäologie bis hin zur Zahnmedizin gibt es vielfältige,
mitunter äußerst kontroverse Ansätze, Geschlechterverhältnisse
in den Blick zu nehmen. Auch wo fachübergreifend (interdisziplinär)
gearbeitet wird, braucht es einen fachlichen Standpunkt
bzw. eine fachliche Einbindung, um zu sinnvollen Forschungsarrangements
zu gelangen. |




