AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 8 - 2/2000
   

Interview mit Prof. Dr. Regine Gildemeister

  Frau Professor Gildemeister, Sie lehren „Soziologie der Geschlechterverhältnisse“ an der Universität Tübingen. Was heißt das?
 
Die Soziologie untersucht gesellschaftliche Entwicklungen in verschiedenen Bereichen. In einem sehr weiten Sinn geht es um die Analyse sozialer Ordnungen. Geschlechterverhältnisse sind dabei ein konstitutiver Bestandteil – das ist eigentlich selbstverständlich, und die Frage ist eher, warum es erst eine Frauenbewegung brauchte, um „Geschlecht“ zu einem Gegenstand soziologischer Analyse werden zu lassen. „Soziologie der Geschlechterverhältnisse“ heißt also, historisch gewordene Geschlechterverhältnisse als einen konstitutiven Bestandteil spezifischer sozialer Ordnungen zu analysieren. Das kann an einzelnen Bereichen konkretisiert werden, etwa in der Analyse der Arbeitswelt. Soziale Ordnungen bestimmen darüber, welcher Stellenwert und welche Bedeutungen mit der Kategorie „Geschlecht“ verbunden werden.

  Gibt es „die“ Frauenforschung gar nicht?
Es kann gar nicht „die“ Frauenforschung geben, eben weil es nicht „die Frauen“ gibt. Im Begriff „Gender“ ist enthalten, dass „Geschlecht “immer eine „relationale“ Kategorie ist, dass es also um wechselseitige Bezugnahmen geht. Daher kann nicht ein Bestandteil („die Frauen“) einfach herausgelöst und „für sich “betrachtet werden. In der Genderforschung untersucht man nicht mehr Unterschiede zwischen den Geschlechtern, sondern die in der sozialen Ordnung verankerten Prozesse der Unterscheidung. Zunehmend rücken nicht mehr allein die Folgen des „kleinen Unterschieds “in den Blick, sondern die Voraussetzungen, die zu einer Aufteilung in zwei Geschlechter führen.

  Bieten Sie „Gender Studies“ an?
Soziologie ist in Baden Württemberg überwiegend ein Fach innerhalb des Magisterstudiums – im Haupt- oder Nebenfach. Da erwirbt man das soziologische Handwerkszeug:die Fähigkeit, gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen zu analysieren. Für mich machen „Gender Studies “ vor allem als Aufbaustudium oder Promotionsstudium Sinn, dann, wenn bereits eine fachliche Perspektive erworben wurde. Frauen- und Geschlechterforschung ist ja nicht nur Thema in der Soziologie, sondern vom Prinzip her in allen Disziplinen. Von der Archäologie bis hin zur Zahnmedizin gibt es vielfältige, mitunter äußerst kontroverse Ansätze, Geschlechterverhältnisse in den Blick zu nehmen. Auch wo fachübergreifend (interdisziplinär) gearbeitet wird, braucht es einen fachlichen Standpunkt bzw. eine fachliche Einbindung, um zu sinnvollen Forschungsarrangements zu gelangen.

Interview

Prof. Dr. Regine Gildemeister