AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 6 - 4/1999
   

Telearbeit – Heimvorteil für Frauen?

von Bettina Maus M.A., Prof. Dr. Gabriele Winker, FH Furtwangen

Das Forschungsprojekt „Telearbeit – Chancen für eine bessere Integration beruflicher und familiärer Lebensbereiche?“ geht mittels qualitativer Interviews und quantitativer Befragung der Frage nach, ob mit alternierender Telearbeit eine bessere Vereinbarkeit von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Haus- und Sorgearbeit erreicht wird. Im Mittelpunkt des seit Mai 1999 vom Sozialministerium Baden-Württemberg geförderten zweijährigen Projektes stehen weibliche und männliche Telebeschäftigte in der ländlichen Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Nachstehend werden erste Ergebnisse der qualitativen Interviews vorgestellt.
Hausarbeit und Erwerbsarbeit lassen sich nicht gleichzeitig ausüben, daran ändert auch Telearbeit nichts. Da Schule und Kindergarten nicht immer zufrieden stellende Öffnungszeiten anbieten, organisieren die von uns befragten Telearbeiterinnen häufig noch eine private Betreuung in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft oder durch Aupairmädchen. Dennoch bietet Telearbeit Vorteile für Frauen mit Kindern: Sie erlaubt Müttern eine flexible zeitliche Anpassung der beruflichen Erfordernisse an die Bedürfnisse der Familie. Die Anwesenheit zu Hause gibt ihnen die Sicherheit, in Notsituationen für ihre Kinder greifbar zu sein. Damit ermöglicht Telearbeit Frauen in der Familienphase die Kontinuität ihrer Erwerbsbiographie und die Erhaltung ihrer Qualifikation. Die häufig genannten Vorteile der Telearbeit „freie Zeiteinteilung“, „Arbeiten nach eigenem Rhythmus“ gelten für Mütter nicht. Ihr Tagesablauf wird von den Bedürfnissen der Familie bestimmt: Besonders für Mütter kleinerer Kinder verlagert sich die Erwerbsarbeit oft auf die Abendstunden, wenn die Kinder schlafen (oft bis 23 Uhr) oder aufs Wochenende, wenn der Ehemann bzw. Lebensgefährte sich um die Kinder kümmern kann.
Ein Telearbeitsplatz wird fast ausschließlich langbewährten Mitarbeitern/ Mitarbeiterinnen als Vergünstigung gewährt. Dies danken diese ihren Arbeitgebern, indem sie flexibel auf die Bedürfnisse des Unternehmens reagieren und ihrem Betrieb auch außerhalb ihrer Arbeitszeit unbezahlt zur Verfügung stehen. Die Zunahme unbezahlter Arbeit wird von den Telebeschäftigten selbst nicht in Frage gestellt. Das zeigt auch die verständnislose Reaktion auf unsere Frage nach der Reinigung des Arbeitszimmers (selbstverständlich außerhalb der Erwerbsarbeitszeit). Oft wird auch der telefonische Kontakt mit den Kollegen/Kolleginnen im Betrieb, wichtige informelle Gespräche, nicht als Erwerbsarbeitszeit gewertet.
Frauen, die sich für Telearbeit entscheiden, um Beruf und Familie besser zu vereinbaren, akzeptieren meist ihre Zuständigkeit für Kinder und Haushalt. Insofern könnte Telearbeit zu einer Verfestigung der Geschlechterrollen führen. Interessant für deren Aufbrechen könnten jedoch männliche Telearbeiter werden, deren vorrangiger Beweggrund für die Wahl eines Telearbeitsplatzes zwar selten die Nähe zur Familie als vielmehr kürzere Pendelzeiten oder ungestörteres Arbeiten zu Hause sind. Unsere Interviews geben erste Hinweise darauf, dass Männer, die zu Hause arbeiten, sich mehr um ihre Kinder kümmern.
Zusammenfassend gilt: Mütter, die nach wie vor primär für die Familienarbeit zuständig sind, erhalten über alternierende Telearbeit neue Möglichkeiten, ihre familiären Verpflichtungen durch zeitliche und örtliche Flexibilität mit der Erwerbsarbeit zu verbinden. Sie erkaufen sich diese verbesserte Integration unterschiedlicher Lebensbereiche mit einer erhöhten zeitlichen Belastung. Deutlich werden Heim-Vorteile für Frauen erst dann werden, wenn über organisierten Erfahrungsaustausch die Zunahme von unbezahlten Tätigkeiten eingeschränkt wird und Männer über Telearbeit verstärkt in die Kindererziehung und die unbezahlte Hausarbeit einsteigen.



Die FH Furtwangen sucht für das Forschungsprojekt (www.telechance.de)

Telebeschäftigte aus BW, die einen Fragebogen zum Thema Telearbeit ausfüllen,

Unternehmen in BW, die Fragebögen an ihre telearbeitenden Mitarbeiter/innen weiterleiten.

Kontaktadresse:
FH Furtwangen,
Hochschule für Technik und Wirtschaft,
Abt. Villingen-Schwenn. Jakob-Kienzle-Str. 17,
78054 Villingen-Schwenningen

Prof. Dr. Gabriele Winker,
E-Mail: win@fh-furtwangen.de,
Fon: 0 77 20/3 07-2 48

Bettina Maus M.A., E-Mail: mau@fh-furtwangen. de,
Fon: 0 77 20/3 07-3 94