Das Forschungsprojekt „Telearbeit – Chancen für eine bessere
Integration beruflicher und familiärer Lebensbereiche?“ geht mittels
qualitativer Interviews und quantitativer Befragung der Frage
nach, ob mit alternierender Telearbeit eine bessere Vereinbarkeit
von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Haus- und Sorgearbeit
erreicht wird. Im Mittelpunkt des seit Mai 1999 vom Sozialministerium
Baden-Württemberg geförderten zweijährigen Projektes stehen weibliche
und männliche Telebeschäftigte in der ländlichen Region Schwarzwald-Baar-Heuberg.
Nachstehend werden erste Ergebnisse der qualitativen Interviews
vorgestellt.
Hausarbeit und Erwerbsarbeit lassen sich nicht gleichzeitig ausüben,
daran ändert auch Telearbeit nichts. Da Schule und Kindergarten
nicht immer zufrieden stellende Öffnungszeiten anbieten, organisieren
die von uns befragten Telearbeiterinnen häufig noch eine private
Betreuung in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft oder durch
Aupairmädchen. Dennoch bietet Telearbeit Vorteile für Frauen mit
Kindern: Sie erlaubt Müttern eine flexible zeitliche Anpassung
der beruflichen Erfordernisse an die Bedürfnisse der Familie.
Die Anwesenheit zu Hause gibt ihnen die Sicherheit, in Notsituationen
für ihre Kinder greifbar zu sein. Damit ermöglicht Telearbeit
Frauen in der Familienphase die Kontinuität ihrer Erwerbsbiographie
und die Erhaltung ihrer Qualifikation. Die häufig genannten Vorteile
der Telearbeit „freie Zeiteinteilung“, „Arbeiten nach eigenem
Rhythmus“ gelten für Mütter nicht. Ihr Tagesablauf wird von den
Bedürfnissen der Familie bestimmt: Besonders für Mütter kleinerer
Kinder verlagert sich die Erwerbsarbeit oft auf die Abendstunden,
wenn die Kinder schlafen (oft bis 23 Uhr) oder aufs Wochenende,
wenn der Ehemann bzw. Lebensgefährte sich um die Kinder kümmern
kann.
Ein Telearbeitsplatz wird fast ausschließlich langbewährten Mitarbeitern/
Mitarbeiterinnen als Vergünstigung gewährt. Dies danken diese
ihren Arbeitgebern, indem sie flexibel auf die Bedürfnisse des
Unternehmens reagieren und ihrem Betrieb auch außerhalb ihrer
Arbeitszeit unbezahlt zur Verfügung stehen. Die Zunahme unbezahlter
Arbeit wird von den Telebeschäftigten selbst nicht in Frage gestellt.
Das zeigt auch die verständnislose Reaktion auf unsere Frage nach
der Reinigung des Arbeitszimmers (selbstverständlich außerhalb
der Erwerbsarbeitszeit). Oft wird auch der telefonische Kontakt
mit den Kollegen/Kolleginnen im Betrieb, wichtige informelle Gespräche,
nicht als Erwerbsarbeitszeit gewertet.
Frauen, die sich für Telearbeit entscheiden, um Beruf und Familie
besser zu vereinbaren, akzeptieren meist ihre Zuständigkeit für
Kinder und Haushalt. Insofern könnte Telearbeit zu einer Verfestigung
der Geschlechterrollen führen. Interessant für deren Aufbrechen
könnten jedoch männliche Telearbeiter werden, deren vorrangiger
Beweggrund für die Wahl eines Telearbeitsplatzes zwar selten die
Nähe zur Familie als vielmehr kürzere Pendelzeiten oder ungestörteres
Arbeiten zu Hause sind. Unsere Interviews geben erste Hinweise
darauf, dass Männer, die zu Hause arbeiten, sich mehr um ihre
Kinder kümmern.
Zusammenfassend gilt: Mütter, die nach wie vor primär für die
Familienarbeit zuständig sind, erhalten über alternierende Telearbeit
neue Möglichkeiten, ihre familiären Verpflichtungen durch zeitliche
und örtliche Flexibilität mit der Erwerbsarbeit zu verbinden.
Sie erkaufen sich diese verbesserte Integration unterschiedlicher
Lebensbereiche mit einer erhöhten zeitlichen Belastung. Deutlich
werden Heim-Vorteile für Frauen erst dann werden, wenn über organisierten
Erfahrungsaustausch die Zunahme von unbezahlten Tätigkeiten eingeschränkt
wird und Männer über Telearbeit verstärkt in die Kindererziehung
und die unbezahlte Hausarbeit einsteigen.




