AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 6 - 4/1999
   

Telearbeitsprojekt im Wirtschaftsministerium mit wissenschaftlicher Begleitung durch das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation

von Ministerialrätin Antje Forsthoff, Wirtschaftsministerium, Petra Bonnet, Projektleiterin, FhG-IAO, Stuttgart

Nach wie vor gehen öffentliche Verwaltungen Telearbeit eher zögerlich an. Zu groß sind die Bedenken, dass sich die in der privaten Wirtschaft erfahrenen Vorteile nicht auf behördliche Verhältnisse übertragen lassen. Das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg stellte sich vor zwei Jahren in einem Pilotprojekt der Herausforderung und richtete unter Federführung des Referats „Frau und Wirtschaft“ 7 Telearbeitsplätze ein. Hierfür wurden mittels Ausschreibung 2 Referenten, 2 Sachbearbeiterinnen und 3 Sachbearbeiter aus verschiedenen Abteilungen des Wirtschaftsministeriums ausgewählt. Die Einführung der Telearbeit verlief mit viel Fingerspitzengefühl. Denn ein Telearbeitsversuch bringt nicht automatisch nur positive Ergebnisse. Etwaige Fehlentwicklungen müssen rechtzeitig erkannt und als Chance des Lernens interpretiert werden. Zudem beauftragte das Wirtschaftsministerium das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) Stuttgart, das Projekt wissenschaftlich zu begleiten. Dies führte zu

  regelmäßigen Erhebungen zu Aspekten wie Prozessorganisation, Prozesse, Kommunikation, Kooperation und Wirtschaftlichkeit als Fingerzeige auf positive und negative Entwicklungen;
  sich auf nachvollziehbare Erhebungen stützenden methodisch gesicherten Ergebnissen als Basis wertvoller Empfehlungen für zukünftige Entscheidungen;
  objektiven transparenten Ergebnissen mit hoher Akzeptanz, da externe Personen und nicht Kollegen aus dem Hause die Untersuchungen durchführten.

Die Ergebnisse waren durchaus positiv: So kam es aufgrund seltenerer Unterbrechungen bei der Aufgabenerledigung in oft ruhigeren Umgebungen zu einer teilweise effizienteren Arbeitsweise im häuslichen Umfeld. Positiv unterstützend wirkte auch die überaus hohe Stabilität der Technik. Prozesse und Durchlaufzeiten erfuhren so keine Beeinträchtigungen oder Verschleppungen, nur weil zwei Tage pro Woche zu Hause gearbeitet wurde. Des Weiteren war bei der Gruppe der Telearbeitenden ein deutlicher Trend zur Digitalisierung zu erkennen, ein Charakteristikum, das die Arbeit der Zukunft deutlich prägen wird. Dokumente und Vorlagen wurden weitestgehend digital vorgehalten und eingefordert und damit übermittel- und bearbeitbar. So galten die Telearbeitenden auch als Vorreiter der Digitalisierung im Wirtschaftsministerium. Und schließlich bestätigte sich die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein vorrangiges Ziel des Pilotversuchs. Familienaufgaben wurden in höherem Maße auch von den berufstätigen Elternteilen übernommen, so dass sich innerhalb der Familien traditionelle Geschlechterrollen etwas aufhoben und vor allem die Telearbeiterinnen von einer höheren Akzeptanz ihrer Rolle sprechen. Eingesparte „Zeiten auf der Straße“ von bis zu drei Stunden täglich konnten in aktive Arbeitszeit umgesetzt werden und kamen somit u.a. der Familie zugute. Ebenso positiv wirkte sich die etwas flexiblere Auslegung der gleichgebliebenen Arbeitszeit aus. Wichtig zum Gelingen des Projektes war, dass im Laufe der Zeit für Vorgesetzte und Kollegen, aber auch für die Telearbeitenden selbst, Information und Kommunikation als Bring-, aber gleichzeitig auch Holschuld, zum nahezu selbstverständlichen Prinzip wurden.


Antje Forsthoff Ministerialrätin Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg


Petra Bonnet
Fraunhofer-Institut Arbeitswirtschaft und Organisation Stuttgart