| Mobilzeit - Teilzeitarbeit
auch für Führungskräfte? von
Angela Fauth-Herkner, Inhaberin der Arbeitszeitberatung Fauth-Herkner
& Partner, Pullach
Der Begriff Teilzeitarbeit ist oft noch negativ besetzt:
Sie wird assoziiert mit Halbtagsbeschäftigung, Frauenarbeit,
mit wenig qualifizierter und schlecht bezahlter Arbeit. Mobilzeit
dagegen steht für kreative, innovative und flexible Formen
der Teilzeitbeschäftigung, für qualifizierte Tätigkeiten,
für Fach- und Führungskräfte, für Frauen und
Männer. Mobilzeit meint eine Vielfalt von Beschäftigungsverhältnissen
unterhalb des Vollzeitstandards, wie z.B. flexible Jahresarbeitszeit,
Vier-Tage-Woche, Job-Sharing und zeitautonome Arbeitsgruppen, Sabbaticals
und gleitende Altersruhe. Mobilzeit zielt auf eine Gestaltung der
Arbeitszeit, die sowohl Produktivität und Flexi-bilität
der Unternehmen erhöht, als auch den Beschäftigten mehr
Freiräume und Wahlchancen ermöglicht. Diese Modelle sind
nicht nur für die Wirtschaft, sondern zunehmend auch für
den öffentlichen Dienst interessant.
Häufig geäußerte Vorbehalte gegen
Mobilzeit sind Angst vor Arbeits-platzverlust oder vor geringeren
Aufstiegschancen, auf Teilzeit "abgestempelt" zu werden,
nicht mehr zur Vollzeittätigkeit zurückkehren und bei
einem durch Teilzeittätigkeit reduzierten Gehalt den Lebensstandard
nicht mehr halten zu können. Zudem gibt es die ungeschriebenen
Gesetze, wie "ab 17.00 Uhr wird Karriere gemacht" oder
Vorgesetzte sind der Ansicht, daß die MitarbeiterInnen immer
anwesend sein sollen und daß die kopfzahlbezogene Kosten für
das Unternehmen höher seien. Unsere Praxis hat jedoch gezeigt,
daß sich die Produktivität durch Einführung von
Mobilzeit um bis zu 20 % steigern läßt: Fehlzeiten sinken,
Leistungsfähigkeit und Motivation steigen.
Erfahrungsgemäß gibt es kein "Standard-Modell";
stets müssen betriebsspezifische und individuelle Lösungen
gefunden werden:
- In der Praxis ist die 4-Tage-Woche häufig anzutreffen:
Die Beschäftigten legen nach Absprache mit dem Team flexibel
einen Tag in der Woche fest, an dem sie nicht anwesend sind, evtl.
in Kombination mit Telearbeit.
- Beim Job-Sharing wird eine Stelle i.d.R. auf zwei Beschäftigte
aufgeteilt. Es funktioniert nur, wenn die "Chemie" zwischen
beiden TeilzeitpartnerInnen stimmt. Die Teilung kann nicht nur
zeitlich, sondern auch fachlich sein.
- Kurzsabbaticals: Durch Gehaltsreduzierung (z. B. um 10 %)
bei zunächst unveränderter Arbeitszeit entsteht ein
Freizeitanspruch, der nach 2-3 Jahren als Freizeitblock (2-3 Monate)
z. B. für eine Fortbildungsmaßnahme genommen wird.
Hier muß längerfristig geplant werden, um eine Vertretung
während der Abwesenheit sicherzustellen. Bei Lehrern, auch
in Baden-Württemberg, gibt es bereits die Möglichkeit
des Sabbatjahrs, bei dem z. B. nach 6 Jahren 1 Jahr freigenommen
werden kann, bei durchschnittlichem reduziertem Gehalt.
- Der gleitende Berufsein- und -ausstieg bietet sich besonders
in Führungspositionen an: Ein älterer Manager reduziert
stufenweise seine Arbeitszeit, eine Nachwuchskraft gleitet stufenweise
in die Position hinein. So bleiben dem Unternehmen Know-How und
Erfahrung erhalten.
Mobilzeit stellt Anforderungen an die Beschäftigten
selbst und an das betriebliche Umfeld, Voraussetzungen sind Team-,
Kommunika-tions- und Organisationsfähigkeit, Flexibilität
und die Bereitschaft, Aufgaben abzugeben. Der Erfolg hängt
wesentlich von der übrigen "Teilzeitfamilie" ab:
den Vorgesetzten, MitarbeiterInnen und Kolleg-Innen. Die Qualifizierung
der MitarbeiterInnen ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. Erfolge
mit Mobilzeit verzeichnen die Unternehmen, die einen Wandel von
der Zeit- zur Ergebnisorientierung forcieren. Von oberster Führungsebene
muß signalisiert werden, daß lange Anwesenheitszeiten
nicht länger mit Engagement gleichgesetzt und mit Karrierechancen
belohnt werden. Trotz unterschiedlichster Modelle und Publikationen
wurde bisher wenig realisiert. Ein Stolperstein ist oft die Ablehnung
von Neuerungen. Auch die Angst, daß bei Reduktion einer Arbeitskraft
z. B. auf 80 % die verbliebenen 20 % ersatzlos gestrichen werden,
ist weit verbreitet.
Der Weg von der Idee eines optimalen Mobilzeitmodells
zur konkreten Umsetzung ist nicht geradlinig. Bei den erfolgreichen
Modellen wurden alle Betroffenen schrittweise eingebunden und somit
Denk-blockaden aufgebrochen. Fragen Sie doch Ihre MitarbeiterInnen,
wie sie gerne ihre Arbeitszeit - unter der Prämisse kundenorientiert
und effizient - gestalten wollen? Das ist schon das halbe Arbeitszeitmodell!
Mobilzeit auch für den öffentlichen Dienst?
Hier versucht man häufig, leeren Kassen durch Kürzungen
im Personaletat und damit Arbeitsplatzabbau zu begegnen. Auch hier
ist jedoch ein Umdenken im Gange, um einerseits Dienstleistungen
effizienter und kunden-orienterter (z.B. in bezug auf die Öffnungszeiten)
zu gestalten und andererseits dem Wunsch der Beschäftigten
nach lebensphasen-gerechten Arbeitszeitmodellen zu entsprechen.
Mobilität beginnt in den Köpfen. Es gilt,
aus schematisch geführten Diskussionen auszubrechen, Vorbehalte
abzulegen und die Konzepte verstärkt auf Praktikabilität
hin zu überprüfen: Pilotierung vor Regulierung! Daraus
ergibt sich oft eine komplexe, aber interessengerechte Arbeitszeitgestaltung. |
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Mobilzeit auch im öffentlichen Dienst erfolgreich:
Dies zeigten unsere Projekte z.B. bei der Landeshauptstadt München
oder bei der Stadt Offenbach. Die Untersuchung "Teilzeitarbeit
in Führungspositionen" bei der Stadt München, wo
ca. 80 unterschiedliche Modelle praktiziert werden, ergab, daß
gängige Vorurteile abgebaut wurden. Die meisten Teilzeitführungskräfte
fühlen sich von KollegInnen, MitarbeiterInnen und Vorgesetzten
voll akzeptiert und unterstützt, die Kommunikation innerhalb
der Teilzeitfamilie und nach außen funktioniert; mehr als
90 % der Befragten würden sich wieder für Teilzeit entscheiden.
Das Sozialministerum Baden-Württemberg hat
1997 eine inter-ministerielle Arbeitsgruppe "Teilzeit für
Führungskräfte" eingerichtet (s. AKTIV 2) |