| Mentoring - Eine Strategie
zur beruflichen Förderung von Frauen
von Nadja Tschirner, Deutsches Jugendinstitut e.V.,
München, Abteilung Geschlechterforschung und Frauenpolitik
Trotz gestiegener Erwerbstätigkeit stoßen Frauen nach
wie vor auf Schwierigkeiten bei der Berufsfindung und beim Zugang
zu Führungspositionen. Informelle berufliche Kontakte und Netze,
die von Männern zur beruflichen Entwicklung genutzt werden,
stehen Frauen häufig nicht zur Verfügung. Dies ist nur
einer der Gründe, warum sie bei der Vergabe höherer Positionen
nicht berücksichtigt werden. Mentoring-Programme bieten für
diese Problematik eine mögliche Lösung. Anders als bei
vielen Frauenfördermaßnahmen geht es bei Mentoring nicht
darum, Defizite der Frauen auszugleichen. Ziel dieser Strategie
ist es vielmehr, die Kompetenzen der Frauen sichtbar zu machen und
ihnen Zugang zu wichtigen Netzen zu verschaffen. Doch was ist Mentoring?
Kernstück des Mentoring-Konzeptes ist die direkte Beziehung
von Mentor/in und Mentee. Mentor/innen sind in der Regel erfahrene
Mitarbeiter/innen, die jüngeren Kolleginnen für einen
vereinbarten Zeitraum ihre Unterstützung zusichern, ihnen bei
Entscheidungen zur Seite stehen und sie auf ihrem Karriereweg ein
Stück begleiten. Sie helfen den Mentees, Zugang zu wichtigen
firmeninternen Netzwerken zu bekommen, verschaffen ihnen Einblicke
in etablierte Strukturen im Unternehmen und verbessern die Sichtbarkeit
der Mentee im Unternehmen bzw. in der Organisa-tion. Wichtig ist,
daß es sich bei Mentoring um einen begleitenden Prozeß
handelt, in dem die Mentorin bzw. der Mentor die Karriere und die
Entwicklung der Mentee außerhalb der normalen Vorgesetzten-Untergebenen-Beziehung
unterstützt. Bei monatlichen Treffen zwischen Mentor/in und
Mentee können sowohl fachliche, berufsspezifische oder auch
persönliche Fragestellungen besprochen werden. "Wie verschaffe
ich mir Gehör in einem männerdominierten Gremium?"
kann dabei genauso als Thema auftauchen wie die Frage, "Soll
ich den mir angebotenen Posten der Abteilungsleiterin übernehmen,
obwohl ich dann die einzige Frau sein werde?"
Warum bedarf es aber eines formellen Mentoring-Programms, können
solche Beziehungen nicht auch informell funktionieren?Im Gegensatz
zu informellen Mentoring-Beziehungen werden die Beteiligten in formellen
Programmen nicht ihrem Schicksal überlassen, sondern werden
in ihre Rollen eingeführt, bei auftretenden Schwierigkeiten
unterstützt und z.B. über die Situation von Frauen in
Führungspositionen informiert. In gemeinsamen Seminaren erhalten
die Mentees zudem die Gelegenheit, Durchsetzungsstrategien zu erlernen
und mit den anderen ein Netzwerk im Unternehmen aufzubauen. Durch
Information, Transparenz und ein klares Engagement der Firmenleitung
sollte dem Programm intern zu Prestige und positiver Resonanz verholfen
werden.
Wie kommen Mentor/in und Mentee nun aber zusammen? Dem Auswahlprozeß
der Teilnehmerinnen und der gezielten Vermittlung geeigneter Mentor(inn)en
kommt im Mentoring-Konzept eine große Bedeutung zu. Hier müssen
mit besonderem Fingerspitzengefühl Menschen zusammengebracht
werden, die bereit sind, voneinander zu lernen, sich kritisch miteinander
auseinanderzusetzen und sich konstruktiv auszutauschen. Ein Mentor,
der seinen eigenen Werdegang nicht reflektiert hat und nur daran
interessiert ist, von einer jüngeren Mitarbeiterin für
seine Leistungen bewundert zu werden, ist für eine Mentoring-Beziehung
genauso ungeeignet, wie eine Mentee, die darauf wartet, daß
man ihr die Verantwortung abnimmt und den gesamten Prozeß
für sie gestaltet. Wichtig ist, daß die Bedürfnisse
und Karrierepläne der jungen Frau zu dem passen, was die Mentorin
oder der Mentor vorzuweisen haben. Voraussetzung ist auch, daß
der/die Mentor/in ein echtes Interesse für die Förderung
des Nachwuchses mitbringt, fähig ist, sich in die Situa-tion
der Mentee hineinzuversetzen und ein offenes Feed-back zu geben.
Um Konkurrenzsituationen auszuschließen, dürfen Mentor-(innen)
und Mentees in keiner direkten hierarchischen Beziehung zueinander
stehen.
Mentoring steckt leider in den meisten europäischen Ländern
noch in den Kinderschuhen. Beispiele für erfolgreiche interne
und externe Mentoring-Programme findet man nach einer Analyse des
Deutschen Jugendinstituts vor allem in Skandinavien. Erste Ansätze
gibt es seit kurzem aber auch in Deutschland. So wurde im Frühjahr
1998 ein Mentoring-Programm bei Volkswagen gestartet und vor Jahresablauf
dürfte auch die Deutsche Telekom AG soweit sein.
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Zum Thema

Die Broschüre "Mentoring für
Frauen in Europa", Nadja Tschirner, 1997, kann beim Deutschen
Jugendinstitut e.V., Nockherstraße 2
81541 München
Fon: 0 89/6 23 06-185
Fax: 0 89/6 23 06-2 65
bestellt werden.
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