AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 49 -3/2010
   

Work-Mind- Balance

Die Idee, Arbeit und Freizeit zu trennen, ist eine veraltete männliche Idee. Sie beruht auf der Vorstellung, dass man morgens sein Heim verlässt und zur Arbeit geht. Nach etwa acht Stunden ist diese Arbeit zu Ende, die Glocke ertönt, man verlässt den Arbeitsplatz und fährt wieder nach Hause, wo mit dem Übertreten der Schwelle die Freizeit beginnt. Dies signalisiert man durch das Wechseln der Kleidung. In amerikanischen Filmen der Nachkriegszeit erwartete die Gattin ihren Ernährer gerne mit einem Cocktail, in deutschen Wohnzimmern sehen wir den erschöpften Mann mit einem selbst geöffneten Bier vor dem Fernseher.

Für Frauen stand es nicht an, über die Trennung von Arbeit und Freizeit nachzudenken. Hausarbeit war doch die ideale Verbindung von beidem: leidige Arbeit, die getan werden muss, aber auch die kleinen schöpferischen Pausen im Garten, dem Kind beim Spielen zuzusehen, ein phantasievolles Mahl zu zaubern – und immer wieder diese kleinen schöpferischen Pausen.

Über solche Klischees müssen wir uns heute nicht mehr unterhalten. Heute sehen wir das Problemfeld Arbeit geschlechterübergreifend und haben begriffen, dass alles ineinander fließt. Vernetztes Denken nennt man das. Die Gehirnforschung leistet dabei Schützenhilfe. Ständig werden in unserer Denkzentrale neue neuronale Netze geknüpft, positive Gedanken werden ebenso verstärkt wie negative. Es wäre dabei sinnlos, dem Hirn zu sagen: „Dieses eingeübte Verhaltensmuster gilt nur für die Arbeit, bitte nicht in der Freizeit verwenden!“

Arbeitszeit ist Lebenszeit! Mein Verhalten dort beeinflusst mein Verhalten für den Rest des Tages – aber auch umgekehrt. Zwei Extremergebnisse sind denkbar: Der im Arbeitsalltag verbitterte und enttäuschte Mensch wird zur verbitterten und enttäuschten Privatperson. Oder aber der rastlos Suchende nach dem ganz großen Glück im Privaten. Dazwischen die üblichen Abstufungen. Von einer Ganzheitlichkeit sind wir da aber weit entfernt.

Wie nun wird meine Arbeit, wie immer sie auch aussieht, zu einem Stück Lebensqualität? Sagen wir es offen: Es kostet Arbeit - Arbeit an sich selbst. Es sei denn, Sie gehören zu den Glücklichen , die bereits dem stundenlangen alphabetischen Einordnen von Karteikarten gewisse Zen-Buddhistische Qualitäten abgewinnen können – so ganz im Hier und Jetzt!

Alle entscheiden selbst über ihren Lebensstil, denn Arbeitszeit ist Lebenszeit

Womit wir beim Thema sind. Hauptansatzpunkt des neu entwickelten „Work-Mind-Balance“ (WMB®) sind die mentalen Ressourcen, die jedem zur Verfügung stehen. Jeder kann lernen, selber zu entscheiden und zu steuern, wie er das, was er tut, bewertet und empfindet. Gelassenheit und Leichtigkeit entstehen genau so im Kopf wie Verbissenheit und Schwere. Arbeit macht nicht immer Spaß, aber unsere Denkmuster entscheiden spürbar mit, wo unsere „Frustrationsgrenze“ liegt.

Arbeitszeit ist Lebenszeit! Allein dieser Gedanke schon sollte jeden motivieren, die Zeit, die er nicht „Frei-zeit“ – auch wieder so eine Kopfgeburt – nennt, optimal für sich zurecht zu denken. Manche Angestellten versuchen sich ihren Alltag dadurch zu versüßen, dass sie Schilder im Büro verteilen: „Sie halten uns für unfreundlich? Da sollten Sie erst mal unseren Chef sehen!“. Mit der gleichen Energie ließen sich natürlich auch motivierende Sprüche finden. Bei der erstrebten Balance zwischen work und mind hilft die Umgebung ungemein. Sie entscheidet mit, ob man die „unausstehlich fröhliche Betriebsnudel“ ist oder einfach nur die, die ihren Job gut, gerne und gleich tut. Der Umgebung kann von außen nachgeholfen werden, etwa mit vorgegebenen Regeln, die sich natürlich nach und nach verselbständigen sollten. Ich erinnere mich an eine Aktion der Deutschen Post vor vielen Jahren: jeder Schalterbeamte hatte, unsichtbar für den Kunden, ein Schild vor sich liegen. „Freundlich lächeln. Augenkontakt!“ Die für manche recht penetrante Formel: „Mein Name ist Anne Kurz, was kann ich für Sie tun?“ ist immerhin ein Versuch, übel gelaunten Mitmenschen ein knurriges: „Ja, hallo“ abzugewöhnen.

Work-Mind-Balance bedeutet, mit sich in Kontakt zu bleiben, auf sich zu achten

Ein kleiner, aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum ganzheitlichen Wohlbefinden. Der Extrembergsteiger Reinhold Messner antwortete auf meine Frage, was er vorschlagen würde, wollte ich Marathonläuferin werden, hätte aber bisher noch nicht einmal den Weg zum Briefkasten ohne Auto geschafft: „Beginnen Sie langsam mit 100 Metern. Spüren Sie die Kraft, die Sie entwickeln, spüren Sie die Freude, die Sie haben, wenn Sie am Ziel sind. Speichern Sie diese Freude und steigern Sie sich dann langsam, aber stetig. Und: bleiben Sie immer mit sich in Kontakt!“

Work-Mind-Balance bedeutet: mit sich in Kontakt bleiben, auf sich achten. Nicht nach Problemen suchen, sondern nach Lösungen. Was will ich wirklich und wie bekomme ich es? Ist das, was ich tue, zieldienlich? Wenn es um die Karriere geht, haben wir oft ein sehr sicheres Gespür. Allein gelassen oder im Kreis gleich gesinnter Kolleginnen und Kollegen, ohne Aussicht auf Gehaltserhöhung, fallen wir gern in höchst gesundheitsschädliche Denk- und Handlungsmuster zurück.

„Ich halte es für die Pflicht eines jeden Menschen, für seine Umgebung so erfreulich wie möglich zu sein.“ Das hat nicht der Philosoph Kant gesagt, sondern die verstorbene Schauspielerin Inge Meisel. Das gefällt mir und ich möchte sofort damit anfangen. Ich sehe mich da nicht als „Rädchen im Getriebe“, das ich hinsichtlich seiner Position doch nur gering bewerte, sondern in der Verantwortung für meine Umgebung, wenn nicht gar für die Gesellschaft. Dass ich dabei auch mir etwas Gutes tue, werde ich schon bald am eigenen Leib verspüren.

In diesem Sinne sehe ich für jeden eine gute Chance, von einer immer sichereren Plattform aus (mind) nach und nach auch immer zufriedener zu agieren (work). Ich kann dies lernen, wie ich eine Fremdsprache erlerne. Statt dem gewohnten: „Ich muss morgen wieder zur Arbeit“ sagen Sie sich z.B. einfach mal: „Morgen werde ich bei einem ungeduldigen Kunden besonders freundlich sein.“ Und bitte lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn man Ihnen nicht schon beim ersten Versuch um den Hals fällt.

Liliane Heberle
Liliane Heberle
Dipl.-Psychologin/Coach, Gründerin und Leiterin
der Coaching Akademie Stuttgart



Das ZITAT
Manche Angestellten versuchen sich ihren drögen Alltag dadurch zu versüßen, dass sie Schilder im Büro verteilen. „In diesem Betrieb ist alles elektrisch – sogar das Gehalt versetzt uns einen Schlag!“ oder: „Sie halten uns für unfreundlich? Da sollten Sie erst mal unseren Chef sehen!“. Das passt dann zu den permanenten Gesprächen untereinander, die sich darauf konzentrieren, was alles nicht klappt in diesem Laden. Mit der gleichen Energie ließen sich natürlich auch kleine und größere Lösungen finden, motivierende Sprüche entwerfen. Aber bitte nicht: „Arbeit macht das Leben süß - doch ich bin Diabetiker." (Liliane Heberle)