| Work-Mind-
Balance
Die Idee, Arbeit und Freizeit zu trennen, ist eine veraltete
männliche Idee. Sie beruht auf der Vorstellung,
dass man morgens sein Heim verlässt und zur Arbeit
geht. Nach etwa acht Stunden ist diese Arbeit zu
Ende, die Glocke ertönt, man verlässt den Arbeitsplatz
und fährt wieder nach Hause, wo mit dem Übertreten
der Schwelle die Freizeit beginnt. Dies signalisiert
man durch das Wechseln der Kleidung. In amerikanischen
Filmen der Nachkriegszeit erwartete die Gattin
ihren Ernährer gerne mit einem Cocktail, in deutschen
Wohnzimmern sehen wir den erschöpften Mann mit
einem selbst geöffneten Bier vor dem Fernseher.
Für Frauen stand es nicht an, über die Trennung
von Arbeit und Freizeit nachzudenken. Hausarbeit war
doch die ideale Verbindung von beidem: leidige Arbeit,
die getan werden muss, aber auch die kleinen schöpferischen
Pausen im Garten, dem Kind beim Spielen
zuzusehen, ein phantasievolles Mahl zu zaubern – und
immer wieder diese kleinen schöpferischen Pausen.
Über solche Klischees müssen wir uns heute nicht
mehr unterhalten. Heute sehen wir das Problemfeld
Arbeit geschlechterübergreifend und haben begriffen,
dass alles ineinander fließt. Vernetztes Denken nennt
man das. Die Gehirnforschung leistet dabei Schützenhilfe.
Ständig werden in unserer Denkzentrale neue neuronale
Netze geknüpft, positive Gedanken werden ebenso
verstärkt wie negative. Es wäre dabei sinnlos, dem Hirn
zu sagen: „Dieses eingeübte Verhaltensmuster gilt nur
für die Arbeit, bitte nicht in der Freizeit verwenden!“
Arbeitszeit ist Lebenszeit! Mein Verhalten dort
beeinflusst mein Verhalten für den Rest des Tages –
aber auch umgekehrt. Zwei Extremergebnisse sind
denkbar: Der im Arbeitsalltag verbitterte und enttäuschte
Mensch wird zur verbitterten und enttäuschten
Privatperson. Oder aber der rastlos Suchende nach
dem ganz großen Glück im Privaten. Dazwischen die
üblichen Abstufungen. Von einer Ganzheitlichkeit sind
wir da aber weit entfernt.
Wie nun wird meine Arbeit, wie immer sie auch
aussieht, zu einem Stück Lebensqualität? Sagen wir es
offen: Es kostet Arbeit - Arbeit an sich selbst. Es sei
denn, Sie gehören zu den Glücklichen , die bereits dem
stundenlangen alphabetischen Einordnen von Karteikarten
gewisse Zen-Buddhistische Qualitäten abgewinnen
können – so ganz im Hier und Jetzt!
Alle entscheiden selbst über ihren Lebensstil,
denn Arbeitszeit ist Lebenszeit
Womit wir beim Thema sind. Hauptansatzpunkt des neu
entwickelten „Work-Mind-Balance“ (WMB®) sind die
mentalen Ressourcen, die jedem zur Verfügung stehen.
Jeder kann lernen, selber zu entscheiden und zu steuern,
wie er das, was er tut, bewertet und empfindet.
Gelassenheit und Leichtigkeit entstehen genau so im
Kopf wie Verbissenheit und Schwere. Arbeit macht nicht
immer Spaß, aber unsere Denkmuster entscheiden spürbar
mit, wo unsere „Frustrationsgrenze“ liegt.
Arbeitszeit ist Lebenszeit! Allein dieser Gedanke
schon sollte jeden motivieren, die Zeit, die er
nicht „Frei-zeit“ – auch wieder so eine Kopfgeburt –
nennt, optimal für sich zurecht zu denken. Manche
Angestellten versuchen sich ihren Alltag dadurch zu
versüßen, dass sie Schilder im Büro verteilen: „Sie halten
uns für unfreundlich? Da sollten Sie erst mal unseren
Chef sehen!“. Mit der gleichen Energie ließen sich
natürlich auch motivierende Sprüche finden. Bei der erstrebten Balance zwischen work und mind hilft die
Umgebung ungemein. Sie entscheidet mit, ob man die
„unausstehlich fröhliche Betriebsnudel“ ist oder einfach
nur die, die ihren Job gut, gerne und gleich tut.
Der Umgebung kann von außen nachgeholfen werden,
etwa mit vorgegebenen Regeln, die sich natürlich
nach und nach verselbständigen sollten. Ich erinnere
mich an eine Aktion der Deutschen Post vor vielen
Jahren: jeder Schalterbeamte hatte, unsichtbar für den
Kunden, ein Schild vor sich liegen. „Freundlich lächeln.
Augenkontakt!“ Die für manche recht penetrante Formel:
„Mein Name ist Anne Kurz, was kann ich für Sie
tun?“ ist immerhin ein Versuch, übel gelaunten Mitmenschen
ein knurriges: „Ja, hallo“ abzugewöhnen.
Work-Mind-Balance bedeutet,
mit sich in Kontakt zu bleiben, auf sich zu achten
Ein kleiner, aber ein wichtiger Schritt auf dem Weg
zum ganzheitlichen Wohlbefinden. Der Extrembergsteiger
Reinhold Messner antwortete auf meine Frage,
was er vorschlagen würde, wollte ich Marathonläuferin
werden, hätte aber bisher noch nicht einmal den
Weg zum Briefkasten ohne Auto geschafft: „Beginnen
Sie langsam mit 100 Metern. Spüren Sie die Kraft, die
Sie entwickeln, spüren Sie die Freude, die Sie haben,
wenn Sie am Ziel sind. Speichern Sie diese Freude und
steigern Sie sich dann langsam, aber stetig. Und: bleiben
Sie immer mit sich in Kontakt!“
Work-Mind-Balance bedeutet: mit sich in Kontakt
bleiben, auf sich achten. Nicht nach Problemen suchen,
sondern nach Lösungen. Was will ich wirklich und wie
bekomme ich es? Ist das, was ich tue, zieldienlich?
Wenn es um die Karriere geht, haben wir oft ein sehr
sicheres Gespür. Allein gelassen oder im Kreis gleich
gesinnter Kolleginnen und Kollegen, ohne Aussicht auf
Gehaltserhöhung, fallen wir gern in höchst gesundheitsschädliche
Denk- und Handlungsmuster zurück.
„Ich halte es für die Pflicht eines jeden Menschen,
für seine Umgebung so erfreulich wie möglich zu
sein.“ Das hat nicht der Philosoph Kant gesagt, sondern
die verstorbene Schauspielerin Inge Meisel. Das
gefällt mir und ich möchte sofort damit anfangen. Ich
sehe mich da nicht als „Rädchen im Getriebe“, das ich
hinsichtlich seiner Position doch nur gering bewerte,
sondern in der Verantwortung für meine Umgebung,
wenn nicht gar für die Gesellschaft. Dass ich dabei
auch mir etwas Gutes tue, werde ich schon bald am
eigenen Leib verspüren.
In diesem Sinne sehe ich für jeden eine gute Chance,
von einer immer sichereren Plattform aus (mind)
nach und nach auch immer zufriedener zu agieren
(work). Ich kann dies lernen, wie ich eine Fremdsprache
erlerne. Statt dem gewohnten: „Ich muss morgen
wieder zur Arbeit“ sagen Sie sich z.B. einfach mal:
„Morgen werde ich bei einem ungeduldigen Kunden
besonders freundlich sein.“ Und bitte lassen Sie sich
nicht entmutigen, wenn man Ihnen nicht schon beim
ersten Versuch um den Hals fällt. |
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Liliane Heberle
Dipl.-Psychologin/Coach, Gründerin und Leiterin
der Coaching Akademie Stuttgart
Das ZITAT
Manche Angestellten versuchen sich ihren
drögen Alltag dadurch zu versüßen, dass
sie Schilder im Büro verteilen. „In diesem
Betrieb ist alles elektrisch – sogar das Gehalt
versetzt uns einen Schlag!“ oder: „Sie halten
uns für unfreundlich? Da sollten Sie erst
mal unseren Chef sehen!“. Das passt dann
zu den permanenten Gesprächen untereinander,
die sich darauf konzentrieren,
was alles nicht klappt in diesem Laden. Mit
der gleichen Energie ließen sich natürlich
auch kleine und größere Lösungen finden,
motivierende Sprüche entwerfen. Aber bitte
nicht: „Arbeit macht das Leben süß - doch
ich bin Diabetiker." (Liliane Heberle) |
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