| Vom Fahrplan zur Frauen-Charta
Der "Fahrplan für die Gleichstellung von Frauen und
Männern" der Europäischen Kommission läuft 2010
aus. Welche Bilanz lässt sich nach fünf Jahren ziehen?
Und wie geht es danach weiter?
Der Fahrplan, der im März 2006 beschlossen wurde,
legte für das Mandat der Kommission Barroso I die folgenden
Prioritäten fest:
Der Fahrplan verfolgte einen so genannten dualen
Ansatz. Einerseits trieb er die durchgehende Berücksichtigung
des Gleichstellungsaspekts in allen Politikbereichen
voran. Dazu wurden Politikfelder genannt,
in denen die Gleichstellung besondere Aufmerksamkeit
genießen sollte, z.B. die Beschäftigungs- oder die
Gesundheitspolitik. Andererseits sah der Fahrplan für
jeden der aufgeführten Schwerpunkte konkrete Maßnahmen
vor. So verpflichtete sich die Kommission
beispielsweise für den Bereich "Gleichberechtigung in
Entscheidungsprozessen", ein Netzwerk von Frauen in
wirtschaftlichen und politischen Entscheidungspositionen
aufzubauen, oder für den Schwerpunkt "gleiche
wirtschaftliche Unabhängigkeit", Frauen als Unternehmerinnen
zu fördern. Seit 2006 wurden große Fortschritte
erreicht, u. a. in den Bereichen Frauenerwerbstätigkeit,
Bildung und Forschung.
Um den Fahrplan zu bewerten, wurde eine breit
angelegte Konsultation der Akteure durchgeführt
2009 wurden verschiedene mit der Gleichstellungspolitik
befasste Foren auf EU-Ebene, die Gleichstellungsstellen
der Mitgliedstaaten, Vertreter der Zivilgesellschaft,
die Sozialpartner etc. befragt. Diese Konsultation
ergab, dass der Fahrplan entscheidend dazu
beigetragen hat, das politische Engagement über den
Zeitraum 2006-2010 aufrechtzuerhalten. Als Selbstverpflichtung
der Kommission vermochte der Fahrplan
auch denjenigen Generaldirektionen politische
Impulse zu geben, die nicht vorrangig mit dem Thema
Gleichstellung befasst waren. Außerdem entfaltete die
Strategie Wirkung über die Kommission hinaus, indem
sie andere Akteure dazu anregte, die Prioritäten der
Kommission aufzugreifen. Die Ziele waren so gewählt
worden, dass zu ihrer Erreichung die Unterstützung
durch die Mitgliedstaaten notwendig war.
So liegt z.B. das Ziel, die Kinderbetreuung auszubauen,
außerhalb der Kompetenzen der EU und erfordert
daher ein Aktivwerden der nationalen und/oder
regionalen Ebene. Die Mitgliedstaaten reagierten auf
den Fahrplan mit einem "Europäischen Pakt für die
Gleichstellung der Geschlechter", in dem sie der Kommission
ihre Unterstützung zusagten.
Der Fahrplan ist damit auch als Koordinationsinstrument
zu verstehen. Wie in der Konsultation
mehrfach bestätigt, bildete das Strategiepapier der
Kommission einen Referenzrahmen, an dem sich verschiedene
Akteure orientierten. Beispielsweise nutzte
das Land Thüringen den Fahrplan als Basis für eine
durchgehende Berücksichtigung der Geschlechterperspektive
in seiner Politik.
Entscheidend war auch, dass der Fahrplan alle Politikschwerpunkte
in einem Dokument zusammenfasste,
was dazu beitrug, die Sichtbarkeit der Gleichstellungspolitik
insgesamt zu erhöhen und damit Verantwortliche
anderer Bereiche für die Gleichstellung zu sensibilisieren.
Dies konnte häufig zusätzliche Legitimität verleihen
und die Überzeugungsarbeit unterstützen, wenn
es darum ging, für die Integration von Gleichstellungsaspekten
in andere Politikfelder zu werben. Als besonders
nützlich erwiesen sich in diesem Zusammenhang
die quantitativen Ziele, z.B. für die Frauenerwerbstätigkeit,
die Kinderbetreuung, oder den Anteil von Frauen in
Führungspositionen in der öffentlichen Forschung.
Der Fahrplan wurde wegen
seines nicht bindenden Charakters kritisiert
Kritik am Fahrplan bezog sich oft auf dessen nicht
bindenden Charakter und die mangelnden Kontrollmechanismen.
In der Tat erfolgt z.B. die Berichterstattung
innerhalb der Kommission auf freiwilliger Basis.
Einigkeit besteht darüber, dass ein politisches
Engagement für die Gleichstellung auf höchster Ebene
notwendig ist, um die Politik in diesem Bereich
voranzutreiben. Die neue Kommission hat ihr besonderes
Engagement für die Gleichstellung durch eine
Frauencharta zum Ausdruck gebracht, die Kommissionspräsident
Barroso und Vizepräsidentin Reding
anlässlich des internationalen Frauentages im März
2010 vorlegten. Darin erklärt die neue Kommission,
innerhalb ihrer Amtszeit in allen Politikbereichen auf
die Gleichberechtigung zu achten und insbesondere
durch konkrete Maßnahmen fünf Grundprinzipien
der Gleichstellung zu fördern:
- gleiche wirtschaftliche Unabhängigkeit
- gleiches Entgelt für gleiche / gleichwertige Arbeit
- Gleichstellung in Entscheidungsprozessen
- Beendigung der geschlechtsspezifischen Gewalt und
- Gleichstellung der Geschlechter über die EU hinaus
Im Herbst 2010 wird die Kommission eine Nachfolgestrategie
zum Fahrplan vorlegen, in der die Umsetzung
dieser fünf Grundprinzipien genauer ausgeführt
wird. Die Prioritäten des Fahrplans 2006-2010, die in
der Konsultation von der überwältigenden Mehrheit
der Befragten als immer noch relevant angesehen
wurden, werden sich darin in der einen oder anderen
Form wiederfinden. Zusätzlich wird die neue Strategie
die veränderten Rahmenbedingungen berücksichtigen,
die die europäische Gleichstellungspolitik vor neue
Herausforderungen stellen, insbesondere die Wirtschaftskrise,
die Globalisierung, die Migration, die
demografische Entwicklung und die Ausrichtung der
Wirtschaft an ökologischen Prinzipien.
Insgesamt konnten mit dem Fahrplan 2006-2010
viele Fortschritte in der Gleichstellung erzielt werden.
Auch in Zukunft wird die Kooperation mit allen Akteuren
wichtig bleiben. Die Erneuerung des Pakts für die
Gleichstellung durch den Europäischen Rat wäre ein
guter Anfang. |
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Andrea Maier, Europäische Kommission,
Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und
Chancengleichheit, Referat für Gleichstellung
von Männern und Frauen
Das ZITAT
Mit dieser Charta bekennt sich die Kommission
zur Gleichstellung von Mann
und Frau innerhalb der EU. Noch immer
werden Männer und Frauen ungleich
behandelt, was sich negativ auf den
wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt,
das nachhaltige Wachstum, die
Wettbewerbsfähigkeit und die Bevölkerungsalterung
in Europa auswirkt. Daher
ist es wichtig, dass in der neuen Strategie „Europa 2020" , die die Kommission in den
nächsten fünf Jahren umsetzen wird, der
Gleichstellungsaspekt volle Berücksichtigung
findet. In Krisenzeiten müssen wir in
allen Politikbereichen auf Gleichberechtigung
achten, was im Interesse von Frauen
wie Männern ist. (Kommissions-Präsident
José Manuel Barroso)
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