| Europa - Forschung und Vernetzung im Handwerk
Der Orgelbau ist ein traditionelles Kunsthandwerk in Europa,
das es zu erhalten gilt. Dennoch sollten innovative
Planungsverfahren und Technologien in der täglichen
Praxis angewandt werden, ohne dass dabei die wertvollen
Traditionen gefährdet werden. Die Orgelbauer selbst
– meist kleine oder mittlere Unternehmen – sind selbständig
kaum in der Lage, die wissenschaftlichen und
die finanziellen Voraussetzungen für Forschung und Entwicklung
zu gewährleisten.
Mittlerweile kooperieren Orgelbauunternehmen
in ganz Europa
Mit Hilfe von europäischen Fördergeldern und mit
Unterstützung des Steinbeis-Europa-Zentrums
konnten zwölf Orgelbaufirmen aus zehn Ländern
und einige weitere Forschungseinrichtungen bereits
mehrere EU-Forschungsprojekte durchführen. Bei
diesen Projekten konnte ich als Physikerin und
Gruppenleiterin am Fraunhofer IBP in Stuttgart eine
wichtige Rolle spielen: Ich stamme aus einer traditionellen
Orgelbauerfamilie und verstehe die Probleme
der Orgelbauer sehr gut.
So profitieren nun Orgelbauer in Europa von meiner
Orgelforschung. Die von mir und meinem Team entwickelte
Software ermöglicht den Handwerksbetrieben die
Dimensionierung an traditionellen und an innovativen
Windsystemen von Orgeln. Mit neuen Messsystemen
kann das Instrument besser an die Raumakustik angepasst
werden.
Das Windsystem ist „die Lunge“ der Orgel, die
die Druckluft für die Pfeifen liefert und ihren Klang
nachhaltig beeinflusst. Unterliegt der Winddruck
starken Schwankungen, bewirkt dies zwangsläufig
Änderungen bei der Lautstärke und der Frequenz des
Pfeifenwerks. Dies kann hörbare Stimmungsschwankungen
bis hin zum Versagen einzelner Pfeifen zur
Folge haben.
Der erste Schritt bestand darin, das Windsystem
mit einer Design-Software planbar zu machen, um
böse Überraschungen zu vermeiden und die Produktionskosten
für neue Orgeln zu verringern. Auch entwickelten
wir verschiedene neuartige Windsysteme.
An fünf speziell für Demonstrationszwecke entworfenen
Labor-Windsystemen konnten sich die Projektpartner
von der Funktionstüchtigkeit der neuen
Regulierungen überzeugen.
Als nächster Schritt mussten diese neuartigen
Windsysteme an Herstellungsanforderungen angepasst
werden. Als Endergebnis standen fünf Prototypen
zur Verfügung. Des Weiteren entwickelten wir für
die neuartigen Windsysteme eine Konstruktionssoftware,
mit der diese praxisnah dimensioniert werden
können. Hinzu kamen auch Methoden und Werkzeuge,
um für die Kleinunternehmen die Anpassung des
Instruments an die Raumakustik zu vereinfachen.
In allen europäischen Forschungsprojekten übernahm
ich die fachliche Koordination, wobei ich das
Projektmanagement mit Hilfe der Werkstätte für
Orgelbau Mühleisen (Leonberg) und dem Steinbeis-
Europa-Zentrum verwirklicht habe. Das Steinbeis-
Europa-Zentrum unterstützte das Konsortium auch
bei der Antragstellung und den Vertragsverhandlungen
mit der Europäischen Kommission.
In einem laufenden Projekt verwirklichen die Forscher
zurzeit gemeinsam mit den Orgelbauern eine
bessere Klangqualität (Sound Design) der Lippenpfeifenregister mit Optimierung der Intonationsverfahren
und Intonationsschritte. Durch eine wissenschaftlich
fundierte Optimierung des Intonationsvorgangs werden
die Kosten reduziert. Die Pfeifenherstellung wird
durch innovative Verfahren und Werkzeuge sowie
anwenderfreundliche Auslegungs- und Gestaltungssoftware
verbessert.
Es ist mir eine große Freude, dass ich durch meine
Arbeit dazu beigetragen habe, dass mittlerweile
Orgelbauunternehmen in ganz Europa untereinander
kooperieren und sich stärker vernetzen, um gemeinsam
auf dem europäischen Markt aufzutreten. Sie
fingen an, miteinander fachliche Informationen auszutauschen,
Werkstätten gegenseitig zu besuchen
und zu besichtigen. Dies bringt ihnen sehr große Vorteile
gegenüber anderen Unternehmen in Europa. Da
EU-Unternehmen auf diesem Gebiet die besten sind, können sie sich mit den neuen Tools die wachsenden
Märkte in Amerika, China, Japan, Australien, Russland,
Lettland usw. selbstbewusst erschließen.
Das Steinbeis-Europa-Zentrum unterstützt Unternehmerinnen
und Wissenschaftlerinnen
In dieser Ausgabe von AKTIV stehe ich mit Ismene
Jäger beispielhaft für „Women Innovators for Europe“,
einem EU-Projekt, das vom Steinbeis- Europa-Zentrum
von Juni 2006 bis Mai 2008 koordiniert wurde.
Unter dem Slogan „Women Innovators for Europe“
(kurz WENETT) unterstützte das Steinbeis-Europa-
Zentrum Unternehmerinnen und Wissenschaftlerinnen
bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit
in Forschung und Industrie. Partner aus fünf europäischen
Regionen bündelten ihre Kräfte und sensibilisieren
Unternehmerinnen sowie Wissenschaftlerinnen
im Hinblick auf ihr Innovations- und Wachstumspotenzial.
In diesen Bereichen sind Vorbilder und ermutigende
Netzwerke von großer Bedeutung. Elf Videos
sowie 21 schriftliche Erfahrungsberichte über europäische
Unternehmerinnen und Forscherinnen wurden
erarbeitet. So wurden auch meine Forschungen
in einem Video und einem Bericht dokumentiert und
sind damit ein gutes Beispiel für weibliches Forscherinnentum. |