AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 48 - 2/2010
   

Europa - Forschung und Vernetzung im Handwerk

Der Orgelbau ist ein traditionelles Kunsthandwerk in Europa, das es zu erhalten gilt. Dennoch sollten innovative Planungsverfahren und Technologien in der täglichen Praxis angewandt werden, ohne dass dabei die wertvollen Traditionen gefährdet werden. Die Orgelbauer selbst – meist kleine oder mittlere Unternehmen – sind selbständig kaum in der Lage, die wissenschaftlichen und die finanziellen Voraussetzungen für Forschung und Entwicklung zu gewährleisten.

Mittlerweile kooperieren Orgelbauunternehmen in ganz Europa

Mit Hilfe von europäischen Fördergeldern und mit Unterstützung des Steinbeis-Europa-Zentrums konnten zwölf Orgelbaufirmen aus zehn Ländern und einige weitere Forschungseinrichtungen bereits mehrere EU-Forschungsprojekte durchführen. Bei diesen Projekten konnte ich als Physikerin und Gruppenleiterin am Fraunhofer IBP in Stuttgart eine wichtige Rolle spielen: Ich stamme aus einer traditionellen Orgelbauerfamilie und verstehe die Probleme der Orgelbauer sehr gut.

So profitieren nun Orgelbauer in Europa von meiner Orgelforschung. Die von mir und meinem Team entwickelte Software ermöglicht den Handwerksbetrieben die Dimensionierung an traditionellen und an innovativen Windsystemen von Orgeln. Mit neuen Messsystemen kann das Instrument besser an die Raumakustik angepasst werden.

Das Windsystem ist „die Lunge“ der Orgel, die die Druckluft für die Pfeifen liefert und ihren Klang nachhaltig beeinflusst. Unterliegt der Winddruck starken Schwankungen, bewirkt dies zwangsläufig Änderungen bei der Lautstärke und der Frequenz des Pfeifenwerks. Dies kann hörbare Stimmungsschwankungen bis hin zum Versagen einzelner Pfeifen zur Folge haben.

Der erste Schritt bestand darin, das Windsystem mit einer Design-Software planbar zu machen, um böse Überraschungen zu vermeiden und die Produktionskosten für neue Orgeln zu verringern. Auch entwickelten wir verschiedene neuartige Windsysteme. An fünf speziell für Demonstrationszwecke entworfenen Labor-Windsystemen konnten sich die Projektpartner von der Funktionstüchtigkeit der neuen Regulierungen überzeugen.

Als nächster Schritt mussten diese neuartigen Windsysteme an Herstellungsanforderungen angepasst werden. Als Endergebnis standen fünf Prototypen zur Verfügung. Des Weiteren entwickelten wir für die neuartigen Windsysteme eine Konstruktionssoftware, mit der diese praxisnah dimensioniert werden können. Hinzu kamen auch Methoden und Werkzeuge, um für die Kleinunternehmen die Anpassung des Instruments an die Raumakustik zu vereinfachen.

In allen europäischen Forschungsprojekten übernahm ich die fachliche Koordination, wobei ich das Projektmanagement mit Hilfe der Werkstätte für Orgelbau Mühleisen (Leonberg) und dem Steinbeis- Europa-Zentrum verwirklicht habe. Das Steinbeis- Europa-Zentrum unterstützte das Konsortium auch bei der Antragstellung und den Vertragsverhandlungen mit der Europäischen Kommission.

In einem laufenden Projekt verwirklichen die Forscher zurzeit gemeinsam mit den Orgelbauern eine bessere Klangqualität (Sound Design) der Lippenpfeifenregister mit Optimierung der Intonationsverfahren und Intonationsschritte. Durch eine wissenschaftlich fundierte Optimierung des Intonationsvorgangs werden die Kosten reduziert. Die Pfeifenherstellung wird durch innovative Verfahren und Werkzeuge sowie anwenderfreundliche Auslegungs- und Gestaltungssoftware verbessert.

Es ist mir eine große Freude, dass ich durch meine Arbeit dazu beigetragen habe, dass mittlerweile Orgelbauunternehmen in ganz Europa untereinander kooperieren und sich stärker vernetzen, um gemeinsam auf dem europäischen Markt aufzutreten. Sie fingen an, miteinander fachliche Informationen auszutauschen, Werkstätten gegenseitig zu besuchen und zu besichtigen. Dies bringt ihnen sehr große Vorteile gegenüber anderen Unternehmen in Europa. Da EU-Unternehmen auf diesem Gebiet die besten sind, können sie sich mit den neuen Tools die wachsenden Märkte in Amerika, China, Japan, Australien, Russland, Lettland usw. selbstbewusst erschließen.

Das Steinbeis-Europa-Zentrum unterstützt Unternehmerinnen und Wissenschaftlerinnen

In dieser Ausgabe von AKTIV stehe ich mit Ismene Jäger beispielhaft für „Women Innovators for Europe“, einem EU-Projekt, das vom Steinbeis- Europa-Zentrum von Juni 2006 bis Mai 2008 koordiniert wurde.

Unter dem Slogan „Women Innovators for Europe“ (kurz WENETT) unterstützte das Steinbeis-Europa- Zentrum Unternehmerinnen und Wissenschaftlerinnen bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in Forschung und Industrie. Partner aus fünf europäischen Regionen bündelten ihre Kräfte und sensibilisieren Unternehmerinnen sowie Wissenschaftlerinnen im Hinblick auf ihr Innovations- und Wachstumspotenzial.

In diesen Bereichen sind Vorbilder und ermutigende Netzwerke von großer Bedeutung. Elf Videos sowie 21 schriftliche Erfahrungsberichte über europäische Unternehmerinnen und Forscherinnen wurden erarbeitet. So wurden auch meine Forschungen in einem Video und einem Bericht dokumentiert und sind damit ein gutes Beispiel für weibliches Forscherinnentum.

Dr. _rer. nat. Judit Angater
Dr. rer. nat Judit Angster, Stuttgart
Gruppenleiterin, Fraunhofer Institut Bauphysik (IBP), Stuttgart
Women Innovators for Europe (WENETT)






LITERATURTipp
Beständig pfeift der Wind. KMU im Vierten und Fünften Rahmenprogramm, Angster, Judit, Europäische Kommission, Gemeinschaftsforschung, Forschungsergebnisse für KMU-III. (2002) Blatt Nr 422D: www.ibp.fraunhofer.de /akustik/ma/ index.html

 

 

 

 

     
Mit WENETT wurden insgesamt 570 Frauen aus Wissenschaft und Wirtschaft geschult, 99 davon aus Baden-Württemberg. Zusätzlich wurden über 270 Multiplikatoren informiert und trainiert, 56 davon aus Baden-Württemberg. Die durchgeführten Trainingsmaßnahmen zeigen den Nutzen grenzüberschreitender Kooperationen auf sowie die Instrumente, die für den Zugang zu innovativen Technologien und Netzwerken notwendig und vorhanden sind. Die Trainings wurden von der Konrad Adenauer Stiftung, der Innovation und Bildung Hohenheim GmbH, dem Gründerverbund Campus Technologies Oberrhein (CTO) an der Universität Freiburg, der Medien- und Filmgesellschaft Baden- Württemberg (MFG) sowie dem Verband Deutscher Unternehmerinnen unterstützt. Die EU förderte das Projekt mit über 450.000 Euro, die Förderung allein für Baden- Württemberg betrug für zwei Jahre 107.850 Euro. Mehr unter: www.wenett.eu