| Frauen in Europa
Gleich das zweite Heft von AKTIV – Frauen in Baden-
Württemberg war dem Thema Frauen in Europa
gewidmet, denn man war sich schon 1998 des Einflusses
der europäischen Gesetzgebung und Politik
für Baden-Württemberg bewusst. Die Bedeutung
ist seither eher noch gewachsen, aber „wie die EU
wirklich funktioniert“ (Lichy) ist auch heute oft nicht
bekannt. Das liegt nicht mehr an mangelnden Informationsmöglichkeiten,
denn der Internetauftritt der
EU ist inzwischen gut verständlich und aktuell1,
aber das europäische „Mehrebenensystem“ ist sehr
komplex, weltweit einmalig und zudem ständig in
Veränderung begriffen.
Etwas Übersicht kann also nicht schaden (siehe
Kasten rechts) und Links sollen das Weiterlesen und
Vertiefen ermöglichen, ein Beispiel am Ende zeigt
Zusammenhänge auf. Darüber hinaus ist aber von
Interesse, was die wichtigsten Impulse der EU in der
Gleichstellungspolitik waren und sind, was bisher
erreicht wurde und wie der aktuelle Stand ist.
Die Beseitigung der Ungleichheiten setzt
Struktur- und Verhaltensänderungen voraus
„Es geht nur langsam voran“ stellt die EU Kommission
in ihrem Jahresbericht 2010 fest, denn „die Beseitigung
der Ungleichheiten setzt Struktur- und Verhaltensänderungen
sowie eine Neudefinition der Rollen
von Frauen und Männern voraus“ (EU KOM 2010,
S. 4). So ist die Liste der fortbestehenden geschlechtsspezifischen
Ungleichheiten lang. Es gibt sie bei den
Beschäftigungsquoten, beim Entgelt, bei der Arbeitszeit,
bei den Führungspositionen, bei der Übernahme
von Betreuungsaufgaben und Pflichten im Haushalt
sowie beim Armutsrisiko.
Die mit den Jahresberichten stets gelieferten Statistiken
zeigen, dass Deutschland bei nahezu allen
Problemlagen einen der letzten Plätze im Europa der
27 belegt. Besonders hervorstechend ist dies beim
Lohngefälle (aktuell 23,2 Prozent gegenüber dem EUDurchschnitt
von 17,6 Prozent) und beim Arbeitsvolumen:
der Anteil von Teilzeit arbeitenden Frauen ist
nur in den Niederlanden höher.
Besser ist die deutsche Situation im Hinblick auf die
Beteiligung von Frauen in Entscheidungspositionen,
denn der Anteil der Parlamentarierinnen und Ministerinnen
liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt von
nur 25 Prozent. In Führungspositionen der Wirtschaft
liegt der Frauenanteil in Deutschland aber leider ebenso
deutlich darunter. Dies ist besonders bedauerlich,
denn „wären Frauen und Männer in den Führungspositionen
der Unternehmen aller Wirtschaftsbereiche
in einem ausgewogenen Verhältnis vertreten, würde
dies Wachstum schaffen“ - dies geht aus einem neuen
Bericht der EU-Kommission hervor („Mehr Frauen in
Führungspositionen – der Schlüssel zu wirtschaftlicher
Stabilität und Wachstum"2.
Insgesamt lässt die soeben veröffentlichte Vierteljahresübersicht
der europäischen Datenbank (vgl.
Kasten rechts: Netzwerke und Gremien) leichte
Fortschritte erkennen. So hat z.B. der Ausschuss der
Regionen erstmals eine Frau zur Präsidentin gewählt
und in der neuen EU-Kommission ist ein Drittel der
Mitglieder weiblich.
Dieses „benchmarking“ ist von unschätzbarem
Wert und vielleicht gingen von den europäischen
Vergleichen die wichtigsten Impulse für die Gleichstellungspolitik
aus. Noch Ende der 90er Jahre
herrschte in Deutschland jedenfalls überwiegend der
Gleichheitsmythos vor, d.h. die Gleichstellung wurde
als erreicht angesehen. Erst in den letzten Jahren
setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass traditionelle
Geschlechterverhältnisse und Rollenbilder
in Deutschland im europäischen Vergleich sehr hartnäckig
sind. Ein weiterer Impuls kommt durch den „Modellwechsel“,
der die gleichstellungspolitischen Konzepte
der EU seit längerem bestimmt: vom Ernährermodell
zu egalitären Geschlechterverhältnissen. Dieses „egalitarian
model“ lässt sich durch drei Voraussetzungen
bestimmen:
- Zweiverdienende: alle erwachsenen Personen
müssen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, um den
eigenen Lebensunterhalt zu sichern und unterliegen
einer Individualisierung bezüglich materieller
Absicherung
- Zweisorgende: es gibt eine ausgewogene Aufgabenteilung
in der Familie
- Staatlich geschaffene Rahmenbedingungen für
Menschen mit Betreuungspflichten sind gegeben.
Um dies zu erreichen, fordert die EU die „gleiche
wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen und
Männer“ und „Überlegungen, wie die Sozialsysteme
stärker auf die Erwerbstätigkeit von Frauen ausgerichtet
werden können“, aber auch die Umverteilung
von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen
Männern und Frauen sowie die Schaffung
von Betreuungseinrichtungen für Kinder und andere
abhängige Personen.
Nachdenklich stimmen und zum Handeln anregen
sollten zwei Hinweise der EU-Kommission im
schon zitierten Jahresbericht: in den europäischen
Ländern, in denen das „Ernährermodell“ vorherrscht,
sind die Haushalte schwerer von Einbußen infolge
von Arbeitsplatzverlusten betroffen und: die Gleichstellung
sollte nicht als kurzfristiger Kostenfaktor
sondern als langfristige Investition gesehen werden,
denn sie hat sich als Schlüssel zur dauerhaften
Lösung alter wie neuer Probleme erwiesen.
Die neue EU-Kommissarin hat
einen konkreten Arbeitsplan vorgelegt
Das Jahr 2010 ist in mehrerlei Hinsicht interessant.
In der neuen EU-Kommission gibt es zum ersten Mal
eine EU-Kommissarin für Justiz, Grundrechte und
Bürgerschaft. Viviane Reding teilt sich die Zuständigkeit
für die Gleichstellungspolitik nunmehr mit Kommissar
Lásló Andor, in dessen Ressort für Beschäftigung,
soziale Angelegenheiten und Eingliederung
(inclusion) sie bisher angesiedelt war. Somit wird
Gleichstellungspolitik nicht mehr nur unter sozialund
wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten vorangetrieben,
sondern mit dem Ziel der (Geschlechter-)
Gerechtigkeit und als Grundrecht der europäischen
Bürgerschaft.
Reding hat schon bei ihrer Präsentation vor
dem Europäischen Parlament einen recht konkreten Arbeitsplan vorgelegt: Neben dem Einsatz für die
Verabschiedung der von der Kommission schon 2008
vorgelegten Rechtsetzungsvorschläge (Verbot der
Diskriminierung außerhalb des Arbeitsplatzes, Mutterschaftsurlaub,
Selbständige…) will sie dafür Sorge
tragen, dass das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen
in Vilnius nun endlich tatsächlich bis
Mitte 2010 „seine Arbeit in vollem Umfang aufnehmen
kann“.
Die Ankündigung der Erarbeitung eines mehrjährigen
Strategieplans einer modernen Strategie zur
Förderung der Gleichstellung der Geschlechter entspricht
einer Forderung der Europäischen Frauenlobby,
die diese aufgrund der Erfahrungen mit dem
„Fahrplan für die Gleichstellung“ erhoben hat. Die
Laufzeit des „Fahrplans für die Gleichstellung“ endet
2010 und die Hoffnung ist, dass es gelingt, ein noch
effektiveres Programm für die kommenden Jahre zu
entwickeln. Dies würde nicht nur die Zuteilung eines
adäquaten Budgets bedeuten, sondern eine deutlich
stärkere und konkretere Verpflichtung der Mitgliedstaaten.
Nicht zuletzt wird 2010 über die Lissabon–Nachfolge–
Strategie der EU diskutiert. Der Anfang März
2010 vorgelegte Entwurf „Europa 2020“ bleibt im
Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter leider
zunächst hinter dem Jahresbericht der EU-Kommission
zur Gleichstellung zurück, der „eine Stärkung
der geschlechtsspezifischen Dimension in allen Teilen
der EU-Strategie für 2020“ forderte. Da die Diskussion
um die neue Strategie noch am Anfang steht,
kann man hier noch auf deutliche Verbesserungen
hoffen.
Weitere aktuelle Impulse von der EU-Ebene beziehen
sich auf die Krise und ihre Bewältigung. Hilfreich
sind die Hinweise, jetzt auf keinen Fall die Mittel
für die Gleichstellungspolitik zu kürzen, sondern die
„Einbeziehung der geschlechtsspezifischen Perspektive
in die Maßnahmen zur Bekämpfung der Rezession“
zu gewährleisten. |