AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 47 - 1/2010
   

 Dr. Monika Stolz

Liebe Leserinnen und Leser,

AKTIV widmet sich in der vorliegenden Ausgabe dem Thema „Frauen in der Medizin“. Es geht um die Feminisierung der Medizin, familienfreundliche Arbeitsbedingungen in Ausbildung, Studium und Beruf sowie um Genderaspekte in der Medizin. Dabei löst der Begriff „Feminisierung in der Medizin“ derzeit offenbar noch gewisse Ängste aus. Wird die Medizin weiblich? Diese Befürchtung ist unbegründet. Zwar lag der Anteil von Frauen bei den Erstmeldungen bei den Ärztekammern im Jahr 2008 bei 57,9 Prozent, und der Frauenanteil bei den neu erteilten Approbationen ist in Baden-Württemberg zwischen 2003 und 2008 von 50 Prozent auf 61,9 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen, da die Zahl der weiblichen Studienanfänger in den medizinischen Fakultäten zwischenzeitlich bei rund 60 Prozent liegt.

Dies ist erfreulich, aber bedeutet keine Entwicklung zu einer „Frauendomäne“. Es handelt sich vielmehr um einen erfreulichen Normalisierungsprozess hin zu einem zahlenmäßigen Gleichgewicht innerhalb der Ärzteschaft und es gilt, dies als Chance für positive Veränderungen zu ergreifen.

Obgleich der Anteil der berufstätigen Ärztinnen im Bundesdurchschnitt zwischenzeitlich bei 41,5 Prozent liegt, bestehen in der Medizin noch deutliche Unterschiede in der beruflichen Entwicklung von Frauen und Männern. Je höher man in den Hierarchien der Kliniken und Universitäten steigt, umso höher ist der Männeranteil – und die Chefetagen bleiben noch fest in Männerhand.

Das Thema Chancengleichheit muss auch im Bereich der Medizin und der Pflege in den Mittelpunkt gerückt werden. Frauen und Männer stellen veränderte Bedingungen an ein individuelles und dynamisches Gleichgewicht von Beruf und Privatleben. Auch sehen die Lebensentwürfe von Frauen und Männern generell heute deutlich anders aus als früher. Nicht nur Frauen, sondern auch immer mehr junge Männer möchten ihre Aufgabe innerhalb der Familie erfüllen, ohne auf Unverständnis innerhalb der Gesellschaft zu stoßen oder Karriereeinbußen befürchten zu müssen. Dieses zunehmende Bedürfnis muss anerkannt werden.

Dies bedeutet, dass sich im Bewusstsein aller etwas verändern muss, damit moderne und familienfreundliche Arbeitsbedingungen entstehen: Es geht um die Vereinbarkeit von Arzt- oder Pflegeberuf und Familie und in Zukunft mehr und mehr auch von Beruf und häuslicher Pflegesituation. Die Nachfrage nach familienfreundlichen Arbeitszeiten steigt. Insbesondere Krankenhäuser müssen flexible Arbeitszeitmodelle schaffen und arbeitszeitkompatible Kinderbetreuung sicherstellen. Die Aus- und Weiterbildung – auch die Facharztausbildung – muss an die geänderten Lebensphasenmodelle angepasst werden. Familienfreundliche Rahmenbedingungen steigern die Attraktivität für den niedergelassenen Bereich – gerade auch im ländlichen Raum.

Im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen ist dies jedoch im Bereich der Medizin und Pflege ungleich schwerer zu bewerkstelligen. An einen Krankenhausbetrieb, an den niedergelassenen Bereich und auch an den Bereich der Wissenschaft sind andere Anforderungen gestellt als an Betriebe in der Industrie und Wirtschaft.

Zudem gewinnen Genderaspekte in der Medizin zunehmend an Bedeutung. In der Medizin, sei es in der Therapie, in der Prophylaxe oder in der Forschung, steht zwar der Mensch im Mittelpunkt, doch beanspruchen Frauen und Männer mit ihrem biologischen und sozialen Geschlecht die Angebote im Gesundheitsbereich jeweils auf unterschiedliche Art und Weise. Daher ist es erforderlich, dass Ärztinnen und Ärzte, Forschende, Pflegerinnen und Pfleger und in der Präventionsarbeit Tätige ihre Kenntnisse über spezifische Unterschiede von Frauen und Männern erweitern. Die 20. Gleichstellungs- und Frauenministerkonferenz, die unter dem Vorsitz Sachsens am 10. und 11. Juni 2010 in Dresden stattfindet, hat die geschlechtsspezifischen Aspekte der medizinischen Versorgung zum Leitthema.

Dass angesichts der Folgen des demografischen Wandels und vor dem Hintergrund der Qualitäts- und der Effizienzsicherung im Gesundheitswesen ein neues Bewusstsein heranwachsen muss und Veränderungen erforderlich werden, ist offenkundig. Aber es geht auch um Chancengerechtigkeit. Dieses Heft soll Ihnen daher Anstöße für die weitere Diskussion geben.


Dr. Monika Stolz MdL
Ministerin für Arbeit und Soziales
Beauftragte der Landesregierung
für Chancengleichheit von Frauen und Männern