|
Liebe Leserinnen und Leser,
AKTIV widmet sich in der vorliegenden Ausgabe
dem Thema „Frauen in der Medizin“. Es
geht um die Feminisierung der Medizin, familienfreundliche
Arbeitsbedingungen in Ausbildung,
Studium und Beruf sowie um Genderaspekte
in der Medizin. Dabei löst der Begriff
„Feminisierung in der Medizin“ derzeit offenbar
noch gewisse Ängste aus. Wird die Medizin
weiblich? Diese Befürchtung ist unbegründet.
Zwar lag der Anteil von Frauen bei
den Erstmeldungen bei den Ärztekammern
im Jahr 2008 bei 57,9 Prozent, und der Frauenanteil
bei den neu erteilten Approbationen
ist in Baden-Württemberg zwischen 2003
und 2008 von 50 Prozent auf 61,9 Prozent
gestiegen. Diese Entwicklung wird sich weiter
fortsetzen, da die Zahl der weiblichen Studienanfänger
in den medizinischen Fakultäten
zwischenzeitlich bei rund 60 Prozent liegt.
Dies ist erfreulich, aber bedeutet keine Entwicklung
zu einer „Frauendomäne“. Es handelt
sich vielmehr um einen erfreulichen Normalisierungsprozess
hin zu einem zahlenmäßigen
Gleichgewicht innerhalb der Ärzteschaft und
es gilt, dies als Chance für positive Veränderungen
zu ergreifen.
Obgleich der Anteil der berufstätigen Ärztinnen
im Bundesdurchschnitt zwischenzeitlich
bei 41,5 Prozent liegt, bestehen in der
Medizin noch deutliche Unterschiede in der
beruflichen Entwicklung von Frauen und Männern.
Je höher man in den Hierarchien der Kliniken
und Universitäten steigt, umso höher ist
der Männeranteil – und die Chefetagen bleiben
noch fest in Männerhand.
Das Thema Chancengleichheit muss auch
im Bereich der Medizin und der Pflege in den
Mittelpunkt gerückt werden. Frauen und Männer
stellen veränderte Bedingungen an ein individuelles
und dynamisches Gleichgewicht von
Beruf und Privatleben. Auch sehen die Lebensentwürfe
von Frauen und Männern generell
heute deutlich anders aus als früher. Nicht nur
Frauen, sondern auch immer mehr junge Männer
möchten ihre Aufgabe innerhalb der Familie
erfüllen, ohne auf Unverständnis innerhalb
der Gesellschaft zu stoßen oder Karriereeinbußen
befürchten zu müssen. Dieses zunehmende
Bedürfnis muss anerkannt werden.
Dies bedeutet, dass sich im Bewusstsein
aller etwas verändern muss, damit moderne
und familienfreundliche Arbeitsbedingungen
entstehen: Es geht um die Vereinbarkeit
von Arzt- oder Pflegeberuf und Familie und in
Zukunft mehr und mehr auch von Beruf und häuslicher Pflegesituation. Die Nachfrage nach
familienfreundlichen Arbeitszeiten steigt. Insbesondere
Krankenhäuser müssen flexible Arbeitszeitmodelle
schaffen und arbeitszeitkompatible
Kinderbetreuung sicherstellen. Die Aus- und
Weiterbildung – auch die Facharztausbildung –
muss an die geänderten Lebensphasenmodelle
angepasst werden. Familienfreundliche Rahmenbedingungen
steigern die Attraktivität für
den niedergelassenen Bereich – gerade auch im
ländlichen Raum.
Im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen
ist dies jedoch im Bereich der Medizin und
Pflege ungleich schwerer zu bewerkstelligen.
An einen Krankenhausbetrieb, an den niedergelassenen
Bereich und auch an den Bereich
der Wissenschaft sind andere Anforderungen
gestellt als an Betriebe in der Industrie und
Wirtschaft.
Zudem gewinnen Genderaspekte in der
Medizin zunehmend an Bedeutung. In der
Medizin, sei es in der Therapie, in der Prophylaxe
oder in der Forschung, steht zwar der
Mensch im Mittelpunkt, doch beanspruchen
Frauen und Männer mit ihrem biologischen
und sozialen Geschlecht die Angebote im
Gesundheitsbereich jeweils auf unterschiedliche
Art und Weise. Daher ist es erforderlich,
dass Ärztinnen und Ärzte, Forschende, Pflegerinnen
und Pfleger und in der Präventionsarbeit
Tätige ihre Kenntnisse über spezifische
Unterschiede von Frauen und Männern erweitern.
Die 20. Gleichstellungs- und Frauenministerkonferenz,
die unter dem Vorsitz Sachsens
am 10. und 11. Juni 2010 in Dresden stattfindet,
hat die geschlechtsspezifischen Aspekte
der medizinischen Versorgung zum Leitthema.
Dass angesichts der Folgen des demografischen
Wandels und vor dem Hintergrund
der Qualitäts- und der Effizienzsicherung im
Gesundheitswesen ein neues Bewusstsein heranwachsen
muss und Veränderungen erforderlich
werden, ist offenkundig. Aber es geht auch
um Chancengerechtigkeit. Dieses Heft soll Ihnen
daher Anstöße für die weitere Diskussion geben.

Dr. Monika Stolz MdL
Ministerin für Arbeit und Soziales
Beauftragte der Landesregierung
für Chancengleichheit von Frauen und Männern |