AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 45 - 3/2009
   

Gender Mainstreaming– konkrete Beispiele

Am 17.12.2007 wählte mich der Kreistag des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald zur Landrätin, der ersten und vorerst einzigen Frau in ganz Baden- Württemberg in dieser Position. Das große mediale Interesse an meiner Wahl spiegelt eindrucksvoll die Tatsache wider, dass Frauen in kommunalen Spitzenpositionen immer noch eher eine „Spezialität statt Normalität“ sind. Es sollte unumstritten sein, dass dies nicht an der „Qualität“ der Frauen liegt.

Dem Verständnis meines Amtes entspricht es, für die Menschen in unterschiedlichen Bereichen konkrete Verbesserungen zu erreichen. Dies gilt auch für das Thema „Gender Mainstreaming“. Deshalb hier Beispiele nach dem Motto „aus der Praxis, für die Praxis“.

Familienfreundlichkeit ist für den Landkreis eine zentrale Zukunftsaufgabe

Der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald hat bereits im Jahr 2005 das dezernats- und fachbereichsübergreifende Projekt „Familienfreundlich im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald“ initiiert und mit Kreistagsbeschluss Ende 2006 die Weiterentwicklung einer landkreisweiten Bündnisstruktur und den Beitritt zur bundesweiten Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“ beschlossen.

Das Bündnis wird von aktuell 70 Partnerinnen und Partnern getragen: vom Landkreis, den Städten und Gemeinden im Landkreis, der Wirtschaft, den Wohlfahrtsverbänden und vielen gesellschaftlichen Gruppen und ehrenamtlich Engagierten. Neue Projekte und Netzwerke werden auf den Weg gebracht, vorhandene Angebote vernetzt und konsequent ausgebaut.

Es ist selbstverständlich, dass bei der Schaffung aller Angebote und bei allen unseren Dienstleistungen die Gleichstellung im Vordergrund steht. Insbesondere die Aktionen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen tragen dazu bei, die Rahmenbedingungen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern am Erwerbsleben und am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

So führt die Wirtschaftsförderung des Landratsamtes etwa Unternehmenswerkstätten durch, in denen gemeinsam Ideen und Strategien für mehr Familienfreundlichkeit im eigenen Betrieb und in der Region erarbeitet werden. Als Arbeitsergebnis dieser Werkstätten werden seit 2008 zum Beispiel ganztägige betriebliche Ferienbetreuungen in den Sommerferien für erwerbstätige Eltern angeboten. Die Firmen schließen sich dabei zu Verbunden zusammen und arbeiten an weiteren gemeinsamen Maßnahmen für mehr Familienfreundlichkeit. Auch das Landratsamt hat in diesem Jahr erstmals für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standortbezogen alle Sommerferienbetreuungsangebote zusammengestellt, die in Anspruch genommen werden können.

Themen wie Pflege, Berufswahl und Landwirtschaft stehen im Fokus

Auch das Thema „Pflege von Angehörigen“ rückt immer mehr in den Fokus und beschäftigt uns im Berufsalltag, besonders im Hinblick auf die uns alle betreffende demografische Entwicklung. Es ist wichtig, hier die vorhandenen Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen und bedarfsgerecht auszubauen.

Bei unserer Zusammenarbeit mit beruflichen Schulen, Lehrern, Eltern und künftigen Auszubildenden legen wir größten Wert darauf, Mädchen auch für typische Männerberufe zu interessieren. Hierzu finden häufig Aktionen direkt in den Schulen statt. Durch Kooperationen mit Betrieben ermöglichen wir darüber hinaus praktische Einblicke.

Im Bereich der Landwirtschaft beraten wir nicht nur zu Fachfragen und Förderanträgen, sondern auch zum Thema „Ferien auf dem Bauernhof“, einem Betriebszweig, den insbesondere die Frauen führen.

Vor allem über das Landesprojekt, „Plenum Naturgarten Kaiserstuhl“ gelingt es uns, für Frauen im ländlichen Raum die Voraussetzungen für selbständiges Unternehmerinnentun zu schaffen, indem wir die Erzeugung regionaler Produkte und deren Verkauf in eigenen Hofläden oder Gaststätten fördern. Völlig neue Betätigungsfelder tun sich auf, mit denen Frauen ihren landwirtschaftlichen Betrieben ein zweites Standbein bieten. Dass ich durch meine Anwesenheit in den Betrieben vor Ort solche Aktionen persönlich unterstützte, ist für mich selbstverständlich.

Grundsätzlich meine ich, nichts ist erfolgreicher als - zugegebenermaßen etwas einfach formuliert - „Frau hilft Frau“. Und das gilt sowohl für die Theorie wie für die Praxis.

Dorothea Störr-Ritter
Dorothea Störr-Ritter
Landrätin im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald,
Freiburg


 

 

     

Frauenanteil in der Kommunalpolitik
Es ist mir wichtig, die politische Beteiligung von Frauen stärker zu aktivieren und zu unterstützen. Der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald umfasst 50 Städte und Gemeinden. Diese werden ausschließlich von Bürgermeistern geführt. Ich freue mich, dass nach den vorläufigen Ergebnissen der Kommunalwahl im Juni 2009 in 28 Gemeinden der Frauenanteil überdurchschnittlich hoch ist. In drei Gemeinden liegt er sogar über 40 Prozent. Selbst in einer Gemeinde, in der bisher noch keine Frau im Gemeinderat vertreten war, wurden jetzt neben elf Gemeinderäten auch zwei Gemeinderätinnen gewählt. Die Frauenquote im Kreistag des Landkreises Breisgau- Hochschwarzwald liegt mit 17,4 Prozent ebenfalls etwas über dem Landesdurchschnitt. Im Vorfeld der Wahlen war es für mich als Landrätin Verpflichtung, sowohl in verschiedenen Veranstaltungen als auch in persönlichen Gesprächen interessierten Frauen Bedeutung und Wichtigkeit der Kommunalpolitik zu erklären.

Viele Frauen hatten bereits eigene Erfahrungen durch die Mitwirkung in verschiedensten Initiativen gesammelt. Sie wussten bereits, dass kommunalpolitische Entscheidungen die Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld betreffen und dadurch ihre Lebensqualität prägen.

Die vermeintlich große Hürde, von einer Elternbeiratsposition oder einer Bürgerinitiative in das Gemeinde- oder gar Kreisparlament zu gelangen, schreckt viele Frauen ab. Damit Frauen sich trauen, müssen über Schulungsangebote die Hemmungen und Bedenken abgebaut werden, sich auf etwas einzulassen, was „Frau“ befürchtet, nicht zu können. Nach meiner Erfahrung werden solche Informationen dankbar angenommen.

Vor allem aber brauchen insbesondere Frauen mit Kindern im Vorfeld einer Kandidatur die Zusage, dass grundsätzlich während der häufigen Sitzungen für eine Betreuung der Kinder Sorge getragen wird. Wer eine Frau als Kandidatin auf einer Liste haben will, sollte dieses Angebot ganz selbstverständlich in der Tasche haben.