| Gleichberechtigung
und Qualität im Städtebau
Schon in den 1960er und 70er Jahre begannen Fachfrauen
und Gesellschaftswissenschaftlerinnen im Rahmen der
Frauenbewegung, das Thema Wohnumfeld und räumliche
Planung kritisch zu betrachten. Damals entstanden Forderungen
für eine frauengerechte Stadt- und Bauleitplanung,
die ein breites Spektrum beleuchteten und kontinuierlich
weiter entwickelt wurden. Gender Mainstreaming
in der Planung hat insofern eine lange fachliche Tradition.
Mit dem Amsterdamer Vertrag 1999 verpflichteten sich
die Mitgliedstaaten zu einer aktiven Gleichstellungspolitik
im Sinne des Gender Mainstreaming, was dem Thema
Geschlechtergerechtigkeit neue Schubkraft verlieh. Gender
Mainstreaming wurde 2001 gesetzlich im Bundesgleichstellungsgesetz
und 2004 im Baugesetzbuch verankert.
Geschlechtergerechte Planung ist eine Voraussetzung
für Gleichberechtigung in der Gesellschaft
Die Vorstellungen einer geschlechtergerechten Stadt
haben mit „Gender Planning“ eine eigenständige Begrifflichkeit
gefunden, die zeigt, dass die Gestaltung
öffentlicher Räume wesentlich unseren Alltag bestimmt
und mit darüber entscheidet, ob sich Alltagsaufgaben
leichter oder zeitaufwendiger bewältigen lassen. Gender
Planning beinhaltet eine Planung, die das soziale und
kulturell geformte Geschlecht der Person bzw. Geschlechterverhältnisse,
-beziehungen und -differenzen in allen
Phasen der räumlichen Planung berücksichtigt und diese
zum alltäglichen und selbstverständlichen Denk- und
Handlungsmuster macht.
Bei der Gestaltung des öffentlichen Raums, des
Wohnumfelds und der unmittelbaren Wohnumgebung
müssen die unterschiedlichen Interessen und Lebenslagen
von Frauen und Männern berücksichtigt werden.
Planung soll damit differenziert und passgenau für die
unterschiedlichen Zielgruppen in der Bevölkerung sein.
Gleichzeitig soll Gender Planning auch dazu beitragen,
dass traditionelle Geschlechterrollen aufgebrochen werden
können und es für Frauen und Männer hinsichtlich
ihrer Lebensgestaltung Wahlfreiheit gibt.
Das beinhaltet z.B. eine Planung, die sich an den
Erfordernissen der Vereinbarkeit von Berufs-, Privat- und
Familienleben ausrichtet. Eine „Stadt der kurzen Wege“
mit einfachen Wegeketten für komplexe Alltagssituationen,
z.B. wenn es heißt, ein Kind im Kindergarten abzugeben,
ein Zweites zur Schule zu bringen, einzukaufen
und den eigenen Arbeitsplatz mit dem öffentlichen Nahverkehr
zu erreichen, erleichtert und ermöglicht Frauen
und Männern gleichermaßen die Vereinbarkeit von
Familie und Beruf. Dazu müssen Haltestellen und Infrastruktureinrichtungen
gut erreichbar und nah beieinander
sein. Ein dichtes Netz an Nahverkehrs-Haltepunkten
sowie eine gute, sichere und bedarfsgerechte räumliche
und zeitliche Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und an öffentliche Einrichtungen tragen ebenfalls dazu
bei. Von großer Bedeutung, gerade für Frauen und ältere
Menschen, ist die Frage der sozialen Sicherheit im öffentlichen
Raum. Übersichtliche Rad- und Fußwegverbindungen
mit Aufenthaltsqualitäten und guter Beleuchtung
geben mehr Vertrauen in die persönliche Sicherheit und
ermöglichen damit mehr Mobilität.
Stadträume, bei deren Ausgestaltung bedacht wird,
dass es nicht nur Berufstätige und mobile Menschen gibt,
sondern auch Frauen und Männer, die Kinder betreuen, die
alt und gebrechlich sein können, sind nicht nur geschlechtergerecht,
sondern haben auch eine verbesserte Nutzbarkeit
und damit eine höhere Qualität mit mehr Effizienz.
Gerade angesichts der schon seit Jahren knappen öffentlichen
Kassen ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Gender
Planning ist somit ein sehr vielseitiges Instrument. Zusammenfassend
heißt dies: Gender Planning
Planungen und Projekte müssen bei der Anwendung
von Gender Planning im Hinblick auf die konkreten Auswirkungen
auf den Alltag von Frauen und Männern in
unterschiedlichen Lebenslagen geprüft werden. Bei Planungsbeginn
muss daher genau überlegt werden, für
wen und mit welchen Qualitäten gebaut werden soll
und ob Frauen und Männer in spezifischen Lebenslagen
betroffen sind.
Die Einbindung von „Experten und Expertinnen des
Alltags“ ermöglicht passgenaue Ergebnisse
Um die Alltagstauglichkeit von Stadträumen zu gewährleisten,
sind bei der Umsetzung nicht nur Gender Planungskriterien,
sondern auch die Einbindung von „Experten
und Expertinnen des Alltags“ unterschiedlichen
Geschlechts, Alters und Herkunft in Partizipationsverfahren
eine wichtige Voraussetzung. Eventuelle Zielkonflikte
(z.B. Kinderlärm und das Bedürfnis nach Ruhe) können
so frühzeitig erkannt und Lösungen zusammen mit den
Betroffenen entwickelt werden. Höhere Wohnzufriedenheit,
mehr Akzeptanz und stärkere Identifikation mit dem
Quartier sind die Folge. Kostenintensive Nachbesserungen
werden seltener.
Mittlerweile gibt es zahlreiche gute Umsetzungsbeispiele
von Gender Planning in der Freiraum- wie in der
Stadtplanung. Ob es um eine Parkgestaltung oder um
Spielplätze geht, Straßenbahnprojekte oder Platzgestaltungen,
um Partizipations- oder Planungskriterien, im
Internet und in Veröffentlichungen finden sich zahlreiche
konkrete Informationen und „Gute Beispiele“. |
 |

Dr. Cornelia Hösl-Kulike
Leiterin der Geschäftsstelle Gender Mainstreaming
der Stadt Freiburg im Breisgau
|