AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 43 -1/2009
   

Gendertraining für Medienschaffende

Wie ist das möglich? Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto und wird in einen schweren Autounfall verwickelt. Der Vater stirbt noch an der Unfallstelle. Der Sohn wird schwer verletzt auf die Intensivstation gebracht und soll sofort operiert werden. Der herbeieilende Chefarzt sieht den Jungen, erbleicht und stammelt: ‚Mein Gott, ich kann nicht operieren, das ja mein Sohn!’ – Ja, wie ist das möglich?

Der Arzt ist eine Ärztin. Die Leserin, der Leser mit geschultem Gender-Blick erkennt: Hier sind Maskulinum und Femininum vertauscht - und sofort entstehen völlig andere Szenarien. Elisabeth Klaus in der Broschüre „Der G-Faktor – Gender-Perspektiven in den Medien“, im Juli 2005 herausgegeben vom Journalistinnenbund mit Sitz in Bonn, schreibt: „Eine geschlechtergerechte Sprache ist ein Lackmustest für die Ernsthaftigkeit, mit der politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Institutionen der Gesellschaft das Ziel der Gleichstellung von Mann und Frau verfolgen.“

Die Medien und der Journalismus schneiden dabei nicht gut ab. Birgitta M. Schulte, bis 2006 zweite Vorsitzende des Journalistinnenbundes (JB), ist eine der Gründerinnen der „Arbeitsgruppe Gender Trainings für Medienschaffende“ des berufsständischen Netzwerkes. Diese AG kümmert sich seit vielen Jahren mit Gendertrainings um die Sensibilisierung von Journalistinnen und Journalisten. Die Pionierarbeit, so die Frankfurter Journalistin, zeige durchaus ihre Wirkung in den Medienhäusern. „Die Impfung des JB hat gesessen.“ Zumindest in den öffentlich-rechtlichen Sendern. So habe beispielsweise Radio Berlin Brandenburg (RBB) Gender-Module in der Ausbildung von Volontären und Volontärinnen implementiert.

Birgitta M. Schulte, die heute die Gender-AG des Journalistinnenbundes als „Clearing-Stelle“ vertritt, Anfragen bearbeitet und Trainings vermittelt, ist selbst ausgebildete Gendertrainerin. Sie und weitere Trainerinnen aus dem JBPool bieten auf Anfrage ihre Fortbildungen zielgruppenspezifisch an. Vor neun Jahren setzte sich der JB erstmals professionell mit „Dschänder“ auseinander, dem „gefühlten“ Geschlecht, der historisch und kulturell gewachsenen sozialen Rolle. Es geht dabei um die Inszenierung von Geschlecht und auch um ethnische, religiöse und soziale Herkünfte.

Weil es dabei nicht nur um Frauen geht, mussten sich die Frauen aus dem Journalistinnenbund, die dieses Frauen- Netzwerk durchaus mit Bedacht gewählt hatten, plötzlich auch mit männlichen Sichtweisen auseinandersetzen. Gar nicht so einfach, erinnert sich Schulte. Doch Gender Mainstreaming in seiner am besten verständlichen Übersetzung bedeutet: „Männer und Frauen auf Augenhöhe.“ Das war und ist Ansporn und Verpflichtung für die JBFrauen, sich dem Thema so zu nähern, dass die Lebenswelten von Frauen UND Männern berücksichtigt werden. Dabei war es nicht immer einfach, nicht selbst in die Falle des männlich-patriarchalischen Formulierungsalltags zu tappen – unter umgekehrten Vorzeichen.

Bei der Gendersensibilisierung geht es um die Routinen

Entstanden ist die Gender-AG des Journalistinnenbundes Anfang des neuen Jahrtausends aus den Erkenntnissen des weltweiten „Media-Monitoring“(GMMP). Seit 1995 stellen diese Studien fest, dass beispielsweise Politikerinnen in Tageszeitungen nicht entsprechend ihres realen Anteils dargestellt werden. Im Jahr 2000 wurde mal wieder die Präsenz von Frauen in den Medien überprüft. Birgitta M. Schulte: „Und die war beschämend gering.“ So zog der JB unter der damaligen Vorsitzenden Ulrike Helwerth „aus dem quantitativen den qualitativen Schluss“ und gründete die „AG Gendersensibilisierung für Medienschaffende“. Zunächst mit dem Ziel, den Journalismus zu verändern. Doch wie genau? Birgitta M. Schulte: “Unsere Alltagsgewohnheiten sind es, die Unangemessenheit festschreiben. Die Gewohnheit, nur das redaktionseigene Adressbuch zu nutzen, in dem sich vornehmlich männliche Experten finden. Die Gewohnheit, Statistiken so zu übernehmen wie sie kommen. Nämlich ohne Ausdifferenzierung nach Geschlecht, so dass die Benachteiligung von Männern bei der Krebsvorsorge nicht auffällt. Die Gewohnheit, Paare gemeinsam zu interviewen, wobei nur eine Person, und das ist oft der männliche Partner, das Reden übernimmt – all dies nicht böser Wille, sondern Folge jeweils einzelner Arbeitsschritte, die so getan wurden, wie sie immer getan wurden.“

Gendertraining gehört in die Ausbildung von Journalistinnen und Journalisten

2002 ein erster großer Erfolg der Gender-AG: Ein Projekt unter dem Logo des Journalistinnenbundes gemeinsam mit dem Bundespresseamt. Unter dessen Dach entsteht die Zeitschrift „Deutschland“, mit der sich die Bundesrepublik im Ausland vorstellt. Die Redaktion in Frankfurt wollte sich „das Gendern“ nur von Fachpersonal erklären lassen. Am Ende stand eine Handreichung für das Bundesfrauenministerium, die die Ergebnisse von Genderforschung und „men’s studies“ zusammenfasst und Checklisten für alle Stationen des journalistischen Arbeitsablaufes bietet.

2004 startete die Arbeitsgruppe ihr zweites großes Projekt mit dem Ziel: Die Einführung von Gendersensibilisierung als Thema in die Aus- und Fortbildung von JournalistInnen. Die AG rief Leitende von Aus- und Fortbildungseinrichtungen der ARD, der Verlage und privater Institutionen zu einem Fachgespräch unter dem Titel „Der G-Faktor“ zusammen. Dabei machte die Journalistik-Professorin Petra Werner von der Fachhochschule Köln klar, dass die Geschlechterperspektive nicht etwa nur einen fehlenden weiblichen Blick hinzufüge, sondern anerkannte journalistische Maßstäbe wie Zielgruppen- und Nutzwertorientierung sowie Qualitätssicherung unterfüttere. In der Folge dieser Fachtagung wurde der JB 2005 zum Gendertraining zweier Volontärs-Jahrgänge des NDR eingeladen.

Die Bausteine des JB-Trainings beinhalten:

  Grundlagen und aktuelle Erkenntnisse medienwissenschaftlicher Geschlechterforschung
 
Auswertung non-fiktionaler Beiträge aus elektronischen und Print-Medien
 
praktische Übungen an Text- und Bildmaterialien
  Erarbeitung von Richtlinien für gendersensibles
Schreiben

Das Fazit nach neun Jahren Gender-AG im Journalistinnenbund könnte lauten: Mehr Geschlechter-Demokratie wagen. Denn gendersensible Sicht- und Schreibweisen sind kein zusätzlicher, sondern ein anderer Blick auf die Verhältnisse.

Heidrun Wulf-Frick
Heidrun Wulf-Frick
Journalistin, Freiburg






WEBTipp
www.journalistinnen.de
www.journalistinnen.de
/projekte/ gender.html

(mit zahlreichen Downloads, auch der Broschüre „Der G-Faktor“) Gender-AG des Journalistinnenverbands www.BirgittaM-Schulte.de