| Gendertraining
für Medienschaffende
Wie ist das möglich? Ein Vater fährt mit seinem Sohn im
Auto und wird in einen schweren Autounfall verwickelt.
Der Vater stirbt noch an der Unfallstelle. Der Sohn wird
schwer verletzt auf die Intensivstation gebracht und soll
sofort operiert werden. Der herbeieilende Chefarzt sieht
den Jungen, erbleicht und stammelt: ‚Mein Gott, ich kann
nicht operieren, das ja mein Sohn!’ – Ja, wie ist das möglich?
Der Arzt ist eine Ärztin. Die Leserin, der Leser mit
geschultem Gender-Blick erkennt: Hier sind Maskulinum
und Femininum vertauscht - und sofort entstehen völlig
andere Szenarien. Elisabeth Klaus in der Broschüre „Der
G-Faktor – Gender-Perspektiven in den Medien“, im Juli
2005 herausgegeben vom Journalistinnenbund mit Sitz
in Bonn, schreibt: „Eine geschlechtergerechte Sprache ist
ein Lackmustest für die Ernsthaftigkeit, mit der politische,
wirtschaftliche und wissenschaftliche Institutionen der
Gesellschaft das Ziel der Gleichstellung von Mann und
Frau verfolgen.“
Die Medien und der Journalismus schneiden dabei nicht
gut ab. Birgitta M. Schulte, bis 2006 zweite Vorsitzende
des Journalistinnenbundes (JB), ist eine der Gründerinnen
der „Arbeitsgruppe Gender Trainings für Medienschaffende“
des berufsständischen Netzwerkes. Diese AG kümmert
sich seit vielen Jahren mit Gendertrainings um die Sensibilisierung
von Journalistinnen und Journalisten. Die Pionierarbeit,
so die Frankfurter Journalistin, zeige durchaus
ihre Wirkung in den Medienhäusern. „Die Impfung des JB
hat gesessen.“ Zumindest in den öffentlich-rechtlichen
Sendern. So habe beispielsweise Radio Berlin Brandenburg
(RBB) Gender-Module in der Ausbildung von Volontären
und Volontärinnen implementiert.
Birgitta M. Schulte, die heute die Gender-AG des Journalistinnenbundes
als „Clearing-Stelle“ vertritt, Anfragen
bearbeitet und Trainings vermittelt, ist selbst ausgebildete
Gendertrainerin. Sie und weitere Trainerinnen aus dem JBPool
bieten auf Anfrage ihre Fortbildungen zielgruppenspezifisch
an. Vor neun Jahren setzte sich der JB erstmals
professionell mit „Dschänder“ auseinander, dem „gefühlten“
Geschlecht, der historisch und kulturell gewachsenen
sozialen Rolle. Es geht dabei um die Inszenierung von
Geschlecht und auch um ethnische, religiöse und soziale
Herkünfte.
Weil es dabei nicht nur um Frauen geht, mussten sich
die Frauen aus dem Journalistinnenbund, die dieses Frauen-
Netzwerk durchaus mit Bedacht gewählt hatten, plötzlich
auch mit männlichen Sichtweisen auseinandersetzen.
Gar nicht so einfach, erinnert sich Schulte. Doch Gender
Mainstreaming in seiner am besten verständlichen Übersetzung
bedeutet: „Männer und Frauen auf Augenhöhe.“
Das war und ist Ansporn und Verpflichtung für die JBFrauen,
sich dem Thema so zu nähern, dass die Lebenswelten
von Frauen UND Männern berücksichtigt werden.
Dabei war es nicht immer einfach, nicht selbst in die Falle
des männlich-patriarchalischen Formulierungsalltags zu
tappen – unter umgekehrten Vorzeichen. Bei der Gendersensibilisierung
geht es um die Routinen
Entstanden ist die Gender-AG des Journalistinnenbundes
Anfang des neuen Jahrtausends aus den Erkenntnissen
des weltweiten „Media-Monitoring“(GMMP). Seit
1995 stellen diese Studien fest, dass beispielsweise Politikerinnen
in Tageszeitungen nicht entsprechend ihres
realen Anteils dargestellt werden. Im Jahr 2000 wurde
mal wieder die Präsenz von Frauen in den Medien überprüft. Birgitta M. Schulte: „Und die war beschämend
gering.“ So zog der JB unter der damaligen Vorsitzenden
Ulrike Helwerth „aus dem quantitativen den qualitativen
Schluss“ und gründete die „AG Gendersensibilisierung
für Medienschaffende“. Zunächst mit dem Ziel, den
Journalismus zu verändern. Doch wie genau? Birgitta
M. Schulte: “Unsere Alltagsgewohnheiten sind es, die
Unangemessenheit festschreiben. Die Gewohnheit, nur
das redaktionseigene Adressbuch zu nutzen, in dem sich
vornehmlich männliche Experten finden. Die Gewohnheit,
Statistiken so zu übernehmen wie sie kommen.
Nämlich ohne Ausdifferenzierung nach Geschlecht, so
dass die Benachteiligung von Männern bei der Krebsvorsorge
nicht auffällt. Die Gewohnheit, Paare gemeinsam
zu interviewen, wobei nur eine Person, und das ist
oft der männliche Partner, das Reden übernimmt – all
dies nicht böser Wille, sondern Folge jeweils einzelner
Arbeitsschritte, die so getan wurden, wie sie immer
getan wurden.“
Gendertraining gehört in die Ausbildung
von Journalistinnen und Journalisten
2002 ein erster großer Erfolg der Gender-AG: Ein Projekt
unter dem Logo des Journalistinnenbundes gemeinsam
mit dem Bundespresseamt. Unter dessen Dach entsteht
die Zeitschrift „Deutschland“, mit der sich die Bundesrepublik
im Ausland vorstellt. Die Redaktion in Frankfurt wollte
sich „das Gendern“ nur von Fachpersonal erklären lassen.
Am Ende stand eine Handreichung für das Bundesfrauenministerium,
die die Ergebnisse von Genderforschung und
„men’s studies“ zusammenfasst und Checklisten für alle
Stationen des journalistischen Arbeitsablaufes bietet.
2004 startete die Arbeitsgruppe ihr zweites großes
Projekt mit dem Ziel: Die Einführung von Gendersensibilisierung
als Thema in die Aus- und Fortbildung von JournalistInnen.
Die AG rief Leitende von Aus- und Fortbildungseinrichtungen
der ARD, der Verlage und privater Institutionen
zu einem Fachgespräch unter dem Titel „Der G-Faktor“
zusammen. Dabei machte die Journalistik-Professorin
Petra Werner von der Fachhochschule Köln klar, dass die
Geschlechterperspektive nicht etwa nur einen fehlenden
weiblichen Blick hinzufüge, sondern anerkannte journalistische
Maßstäbe wie Zielgruppen- und Nutzwertorientierung
sowie Qualitätssicherung unterfüttere. In der Folge
dieser Fachtagung wurde der JB 2005 zum Gendertraining
zweier Volontärs-Jahrgänge des NDR eingeladen.
Die Bausteine des JB-Trainings beinhalten:
Das Fazit nach neun Jahren Gender-AG im Journalistinnenbund
könnte lauten: Mehr Geschlechter-Demokratie
wagen. Denn gendersensible Sicht- und Schreibweisen
sind kein zusätzlicher, sondern ein anderer Blick auf die
Verhältnisse. |
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Heidrun Wulf-Frick
Journalistin, Freiburg
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