| Stühle frei für Frauen
in der Kommunalpolitik
Seit seiner Gründung im Jahr 1969 ist die gleichberechtigte
politische Partizipation von Frauen eines der zentralen Ziele
des Landesfrauenrats. 2009 finden in Baden-Württemberg
Wahlen zu den Kommunalparlamenten, zum Europäischen
Parlament und zum Bundestag statt. Frauen sind in politischen
Gremien immer noch weit unterrepräsentiert. Das
gilt besonders für die Kommunalparlamente.
Anlässlich des Jubiläums 90 Jahre Frauenwahlrecht
startete der Landesfrauenrat eine Kampagne für eine stärkere
Mitwirkung von Frauen in der Kommunalpolitik. Die
Kommunalwahl 2009 bietet in 1108 Kommunen und in 35
Kreisen die Chance für Frauen, die Geschicke ihrer Kommune
mitzubestimmen. Die Entscheidungen von Gemeinderat
und Kreistag beeinflussen die Lebenssituation der
Menschen vor Ort ganz unmittelbar. Frauen betrachten
aufgrund ihrer Lebensbedingungen und Erfahrungen ihr
Wohnumfeld mit einem anderen Blick, haben eigene Vorstellungen
von dessen Ausgestaltung und Entwicklung.
Kommunalpolitik kann auf Erfahrungen, Wissen und
Kompetenzen von Frauen nicht verzichten
Ein wesentlicher Pfeiler der Kampagne war die Broschüre
„Bestimmen Sie mit!“, die der Landesfrauenrat Ende 2007 in
Kooperation mit den Partnerorganisationen des Bündnisses
für „Demokratie – Demokratie braucht Männer und Frauen“
mit Förderung durch das Ministerium für Arbeit und Soziales
veröffentlicht hat. Die Broschüre soll frauenpolitisch interessierte
Frauen ermutigen, für ein kommunalpolitisches Amt
zu kandidieren. Die Informationen und praktischen Tipps
wollen Frauen auf dem Weg der politischen Einmischung
bestärken und sie darin unterstützen, ihn erfolgreich zu
gehen. Die Broschüre ist auf großes Interesse gestoßen, die
Auflage von 20 000 Exemplaren ist fast vergriffen.
Der Fachtag „Mitwirkung mit Wirkung - Visionen für
eine Stadt der Frauen“ im April 2008 zeigte am Beispiel der
Stadt Karlsruhe Gestaltungsräume für Frauen in der Kommunalpolitik
auf. „Harte Ressorts für Frauen in der Kommunalpolitik“:
Die Karlsruher Wirtschaftsbürgermeisterin
Margret Mergen betonte, wie wichtig es ist, dass sich Frauen
auch in Wirtschaftsförderung, Stadtplanung oder Verkehrsplanung
einmischen, denn hier erfolgen Weichenstellungen,
die sich unmittelbar auf das Lebensumfeld auch von Frauen
auswirken. Die Frauenbeauftragte Annette Niesyto zeichnete
ein facettenreiches Bild der Mitwirkung von Frauen in
Vergangenheit und Gegenwart in ihrer Stadt: Mit ehrenamtlicher
Arbeit hatten Frauen des einflussreichen Badischen
Frauenvereins bereits im 19. Jahrhundert das soziale Leben
entscheidend geprägt und 1910 die gleichberechtigte Mitarbeit
in der städtischen Fürsorgepolitik erreicht und waren
damit ins Rathaus gelangt.
Heute, mit einem Frauenanteil von fast 40 Prozent im
Gemeinderat und einer Wirtschaftsbürgermeisterin, gestalten
Frauen das städtische Leben in Karlsruhe in allen Politikfeldern
selbstbewusst mit. Außerdem besteht eine gute
Vernetzung von Frauen aus Verbänden, Fachfrauen und
Frauen aus der kommunalen Verwaltung und Politik, insbesondere
auch des Gemeinderats, mit positiven Wirkungen
für die Frauen und die Stadt insgesamt. Beispiele hierfür
sind das „Kulturfestival Frauenperspektiven“ und die Initiative
„frauengerechte Stadtplanung“. Demnach ist Mitwirkung
von Frauen in der Kommune in Karlsruhe beispielhaft
weiter entwickelt als in vielen anderen Städten. Für eine
„Stadt der Frauen“ bleibt dennoch viel zu tun.
Die dritte wichtige Pfeiler der Kampagne war das
3. Landestreffen von Kommunalpolitikerinnen und an Kommunalpolitik
interessierten Frauen, das der Landesfrauenrat im Aktionsbündnis mit Frauen- und Jugendnetzwerken
unter dem Motto „Stühle frei für Frauen“ am 11. Oktober
2008 im Landtag veranstaltet hat.
Einen besonderen Rahmen erhielt die Veranstaltung
durch den politisch bedeutsamen Ort und die
Grußworte der stellvertretenden Landtagspräsidentin
Christa Vossschulte und der Beauftragten der Landesregierung
für Chancengleichheit von Frauen und
Männern Dr. Monika Stolz, die auch die Schirmherrschaft
hatte. Thema des Vortrags von Beate Weber, der
1. baden-württembergischen Oberbürgermeisterin, war:
„90 Jahre Frauenwahlrecht - ein Erfolgsmodell?“
Das Aktionsbündnis setzte mit dieser Veranstaltung ein
deutliches Zeichen: Für eine angemessene Repräsentanz
von Frauen sind noch viele Stühle frei in Gemeinderäten,
Ortschaftsräten, Kreisräten Regionalparlamenten wie auch
Stühle, auf denen Bürgermeisterinnen Platz nehmen können.
Die Teilnahme von 350 Frauen bestätigte:
Frauen wollen ihren Teil an der Macht
Elf Foren zu einem breiten Spektrum von Themen boten
Frauen unterschiedlichen Alters und ethnischer Herkunft
Informationen und neue Impulse. Hier ging es z.B. um „Wege zu menschenfreundlichen Kommunen“, die auch
Bedürfnisse von Frauen berücksichtigen, die Konzeption
von Mentoring: „Frauen fördern Frauen in der Politik“
oder die Frage, wie die politische Partizipation von jungen
Frauen bzw. von Migrantinnen - zwei Gruppen, deren
Beteiligung besonders gering ist - in der Kommunalpolitik
gestärkt werden kann.
Das Programm und ein Markt der Ideen und Projekte
sollten Lust auf Kommunalpolitik machen und Frauen
motivieren, die freien Stühle zu besetzen. Ein weiteres Ziel
war Empowerment durch Vernetzung, denn Frauen brauchen
gute Netzwerke für politischen Erfolg. Frauen nutzten
die Möglichkeiten zu Begegnungen intensiv.
Dem Landesfrauenrat bot das öffentliche Forum im
Landtag die Chance, seine zentralen Forderungen zur
Kommunalpolitik vorzutragen:
Diese Forderungen lagen auf Postkarten gedruckt zur Mitnahme
bereit. Die Zustimmung konnte auch durch Unterschrift
zum Ausdruck gebracht werden.
Die von Frauen besetzten Stühle im Landtag am 11.
Oktober strahlten ein ermutigendes Signal aus: Gemeinsam
können wir Frauen im Wahljahr die gleichberechtigte
politische Partizipation einen großen Schritt voranbringen! |