AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 40 - 3/2008
   

Nachhaltigkeit in Beruf und Familie

  Ist unser Ärztemangel nicht hausgemacht, wenn man bedenkt, dass immer mehr Frauen Medizin studieren und sich dann zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen, weil beides im Klinikalltag nicht unter einen Hut zu bekommen ist?

Der sich abzeichnende Ärztemangel hat sicherlich viele Gründe. Das Deutsche Ärzteblatt titelte in diesem Jahr „Die Medizin wird weiblich“ - als Studiendekan der Medizinischen Fakultät in Ulm kann ich diesen Trend bestätigen. Seit 2005 haben wir mehr weibliche als männliche Absolventen. Bundesweit waren 2006 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 56,9 Prozent der Absolventen Frauen. Wenn der Ärztemangel auch auf eine mangelnde Integration der Absolventinnen in den Arztberuf zurückzuführen ist, stellt sich die Frage, an welchen Punkten sich etwas ändern muss. Geht es primär um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Arbeitswelt? Oder müssen wir bereits im Studium die Entscheidung für Nachwuchs erleichtern? Wie kann die gesellschaftliche Akzeptanz für arbeitende Mütter steigen? Wenn das Problem des Ärztemangels hausgemacht ist, dann ist hier das ganze Haus der Gesellschaft gemeint - von den privaten Einstellungen über die Hochschulausbildung bis hin zur Arbeitswelt.

   
  Was muss sich in Kliniken ändern, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ärztlichen und pflegerischen Dienst Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können?

Wir müssen alle gestalterischen Spielräume nutzen, was im 24-Stunden-Betrieb der Krankenversorgung eine Herausforderung ist. Die Beschäftigten wissen um diese Schwierigkeit, schätzen es aber sehr, wenn sich ihr Arbeitgeber um bessere Rahmenbedingungen bemüht. Das Universitätsklinikum Ulm hat am „audit berufundfamilie“ der Hertie-Stiftung teilgenommen. Beschäftigte verschiedener Bereiche und Hierarchieebenen diskutierten dabei Arbeitszeitmodelle und –abläufe, Kommunikationspolitik, Führungskompetenz, Personalentwicklung und auch das wichtige Thema Dienstleistungen für Familien sowie Fragen der Flexibilisierung des Arbeitsorts. In diesem Jahr wurde z. B. zum ersten Mal für einen Computerspezialisten in meinem Forschungsbereich ein Telearbeitsplatz eingerichtet, damit er trotz des Umzugs mit der Familie seinem Forschungsprojekt verbunden bleiben kann. Ein gutes Beispiel sind auch klinikgerechte Öffnungszeiten für die Kinderbetreuung. Auch hier haben wir Angebote geschaffen und werden sie weiter ausbauen.

   
  Welche Bedeutung haben familiengerechte Arbeitsbedingungen für die Gewinnung von Spitzenkräften in Medizin und Forschung, wird „Familienfreundlichkeit“ zu einem Standortfaktor auch für Klinika?

Ja, ohne Zweifel! In einer Emnid-Befragung für die Hertie- Stiftung sahen 89 Prozent der beteiligten Unternehmen Wettbewerbsvorteile bei der Erhaltung qualifizierten Personals. Wir müssen Frauen aber auch in der Karriereentwicklung unterstützen, denn sie bewerben sich seltener als Männer aus eigener Initiative um neue oder höhere Positionen. Deshalb schenken wir kollegialen Empfehlungen, Stellensuchen per SMS oder der Gestaltung unserer Anzeigen Ja, ohne Zweifel! In einer Emnid-Befragung für die Hertie- Stiftung sahen 89 Prozent der beteiligten Unternehmen Wettbewerbsvorteile bei der Erhaltung qualifizierten Personals. Wir müssen Frauen aber auch in der Karriereentwicklung unterstützen, denn sie bewerben sich seltener als Männer aus eigener Initiative um neue oder höhere Positionen. Deshalb schenken wir kollegialen Empfehlungen, Stellensuchen per SMS oder der Gestaltung unserer Anzeigen der verschiedenen Wirtschaftszweige sowie die Unternehmensgröße werden in die Überlegungen miteinbezogen. So kann der Anteil von Frauen unter den Beschäftigten oder die Arbeit im Dreischichtsystem die Empfehlung oder Konkretisierung von Strategien bestimmen.

   
  Im Zuge der europäischen Arbeitsrichtlinie ist die Erhöhung der Arbeitszeiten für Ärzte und Ärztinnen im Gespräch. Wie sollen in diesem Bereich arbeitende Paare kleine Kinder bei Nachtdiensten und einer Arbeitszeit von 48 – 56 Stunden vereinbaren?

Neben einer Erweiterung der gerade genannten familienfreundlichen Angebote wird im Einzelfall auch immer wieder die kollegiale Bereitschaft gebraucht, für junge Kolleginnen einzuspringen, wenn beispielsweise ein Kind krank ist. Allerdings kann man diese Flexibilität auch nicht überstrapazieren, wenn man zum Wohle der Patienten einen kontinuierlichen, gut abgestimmten Dienstplan gewährleisten muss. Deshalb sind Betreuungs- und Teilzeitangebote wichtig. Das Universitätsklinikum hat mit 30 Prozent Teilzeitarbeitsplätzen einen für Universitätsklinika bereits relativ hohen Anteil solcher familienfreundlicher Arrangements erreicht.

   
  Sie sind Mitglied des Familienbeirats der Bundesregierung, welche Bedeutung wird dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Krankenhäusern beigemessen?

Der Beirat hat in verschiedenen Gutachten auf die Problematik der Vereinbarkeit in Deutschland hingewiesen. Dennoch stießen einzelne Initiativen der Bundesregierung, der Bundesärztekammer und des Marburger Bunds zunächst eher auf taube Ohren. Erst der jetzt gesteigerte Bedarf an Ärztinnen hat zu einem Umdenken im Krankenhausbereich geführt. Aber immer noch überwiegen beim Audit der Hertie-Stiftung klassische Wirtschaftsunternehmen, während sich Dienstleistungsträger und Krankenhäuser, in denen besonders viele Frauen beschäftigt sind, bislang nur vereinzelt beteiligen. Hier hat das Universitätsklinikum Ulm eine Vorreiterfunktion.

   
  Das Thema Vereinbarkeit von Studium und Kind ist Ihnen ein besonderes Anliegen. Was muss sich ändern? Gibt es im internationalen Vergleich Best Practice Beispiele, die sich auf deutsche Studienbedingungen übertragen lassen?

Heutzutage ist ein Studium mit Kind, gerade in der Medizin, in Deutschland immer noch sehr schwierig. Bei der Familienentwicklung ist das Timing von großer Bedeutung: Akademikerinnen verschieben das „Projekt Kind“ meist auf die Zeit nach dem Abschluss - dann jedoch müssen sie sich erst einmal im Beruf bewähren. Stellt sich die Frage einer weiterführenden Karriere, tickt bei vielen bereits die biologische Uhr. Bei der Gründung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie in Ulm hatte ich mehrere junge Ärztinnen und Ärzte aus Österreich eingestellt, wo es eher üblich ist, dass junge Familien schon während des Studiums zusammenleben und Kinder bekommen. Deren Karrieren hin zu Fach- und Oberärztinnen verliefen reibungsfreier als bei manchen deutschen Kolleginnen. An der Medizinischen Fakultät Ulm studieren derzeit nur etwa 50 Studierende mit Kind. Wir unterstützen sie durch Befreiung von den Studiengebühren, aber auch durch spezielle Arrangements im Stundenplan, soweit die ärztliche Approbationsordnung das zulässt. Während wir jahrelang möglichst schnelle Studienabschlüsse propagierten, müssen wir uns nun stärker Modellen wie Teilzeitstudiengängen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zuwenden. Die Universität Ulm entwickelt unter Beteiligung des Studiendekanats der Medizinischen Fakultät geeignete Strategien.

Das GESPRÄCH


Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/ Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Arzt für psychotherapeutische Medizin/Psychotherapie und Prodekan für Lehre der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm. Er ist u. a. Mitglied im wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen am BMFSFJ, im Beraterkreis Kinderland Baden-Württemberg des Ministeriums für Arbeit und Soziales Baden-Württemberg, im wissenschaftlichen Beirat des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen sowie im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Mit Prof. Fegert sprach Ludmilla Fromme über nachhaltige Personalpolitik am Universitätsklinikum Ulm.

 

 

Das ZITAT
Die Südwestdeutschen Zentren für Psychiatrie mit der Universitätsklinik für Psychiatrie I haben z. B. ihre Stellenanzeigen umgestellt. Durch die Betonung flexibler Arbeitszeitmodelle etc. haben sie schon auf die erste Anzeige einen dramatischen Bewerberinnenanstieg verzeichnen können. (Jörg M. Fegert)