AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 40 - 2/2008
   

Atypische Beschäftigung

Erwerbsarbeit ist für die Existenzsicherung in modernen Industriegesellschaften von ungebrochener Bedeutung. Neben dem Arbeitseinkommen werden über sie weitere wichtige Ressourcen wie Leistungsansprüche gegenüber den Systemen der sozialen Sicherung, soziale Anerkennung und die Einbindung in soziale Netzwerke verteilt. Deshalb bringt ein Strukturwandel der Erwerbsarbeit wie er sich weltweit in allen entwickelten Industrienationen vollzieht erheblichen gesellschaftlichen Handlungs- und Anpassungsbedarf mit sich und weckt in den Bevölkerungen sowohl Hoffnungen als auch Ängste. Dieser Artikel geht der Frage nach, inwiefern Frauen in Baden-Württemberg von den Wandlungsprozessen der Erwerbsarbeit betroffen sind.

Der Trend zu atypischen Beschäftigungsverhältnissen ist stabil

Seit Anfang der 80er-Jahre vollzieht sich in Deutschland wie auch in Baden-Württemberg ein grundlegender Wandel der Beschäftigungsverhältnisse: So genannte atypische Beschäftigungsformen finden zunehmende Verbreitung. Dieser Trend ist unabhängig von der generellen Entwicklung auf den Arbeitsmärkten sowohl bei stagnierender als auch bei expandierender Gesamtbeschäftigung stabil. Der Begriff „atypische Beschäftigung“ ist eine Sammelkategorie, die sämtliche Beschäftigungsvarianten umfasst, die nicht der Kategorie des Normalarbeitsverhältnisses zuzurechnen sind. Als Definitionsmerkmale des Normalarbeitsverhältnisses haben sich folgende Kriterien etabliert:

 
abhängige Vollzeittätigkeit
 
unbefristeter Arbeitsvertrag
 
Existenz sicherndes Erwerbseinkommen
 

sozialversicherungspflichtige Beschäftigung

Das Normalarbeitsverhältnis ist nach wie vor das prägende Leitbild für Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekutive. Zugleich ist das Normalarbeitsverhältnis auch für die Bürgerinnen und Bürger eine wichtige Referenzgröße, an der sie Ziele, Bewertungen, Erwartungen und Handlungen ausrichten. Demgegenüber unterscheidet man in der Regel sechs Kernformen atypischer Beschäftigung, die jeweils mindestens eines der Merkmale des Normalarbeitsverhältnisses nicht erfüllen:

 
Leiharbeit
 
Teilzeitbeschäftigung
  geringfügige Beschäftigung
 
befristete Beschäftigung
 

„neue“ Selbstständigkeit (Ich-AG, Familien-AG), Kleinselbstständigkeit (Selbstständige ohne Angestellte)
  Working Poor (Erwerbstätige in unbefristeter Vollzeittätigkeit mit Einkommen unterhalb der Niedrigeinkommensschwelle)

Seit Mitte der 80er-Jahre kam es in Baden-Württemberg zu einer deutlichen Ausweitung der Gesamtbeschäftigung, die im Wesentlichen auf das Zustandekommen zusätzlicher atypischer Beschäftigungsverhältnisse zurückzuführen ist. Betrachtet man die Beschäftigungsformen für 2006 differenziert nach Geschlecht, so ergibt sich ein relativ eindeutiges Bild (s. Abb.1): Mehr als zwei Drittel der badenwürttembergischen Frauen sind atypisch beschäftigt oder nicht erwerbstätig/erwerbslos, während die Männer im Land mehrheitlich einer Normalbeschäftigung nachgehen.

Normal uns ATypische Erwerbstätige

Atypische Beschäftigungsverhältnisse werden oft pauschal als prekär bezeichnet

Atypische Beschäftigungsverhältnisse werden oft pauschal als prekär bezeichnet. Der Begriff „prekär“ charakterisiert in diesem Fall atypische Beschäftigungsverhältnisse an sich als unsicher, heikel, bedenklich, schwierig, als das Gegenbild zum durch Rechtsansprüche geschützten Normalarbeitsverhältnis. Dass das nicht so sein muss, zeigt folgendes Beispiel: Bei einer Familienkonstellation, die nach dem Muster eines vollzeiterwerbstätigen Ernährers und einer teilzeiterwerbstätigen und zugleich Haushalts- und Familienarbeit leistenden Zuverdienerin funktioniert, ist die gegenwärtige Lebenslage der Frau oder der Familie nicht zwingend prekär. Es empfiehlt sich daher, neben der individuellen Beschäftigungssituation auch die Einbettung der atypisch Erwerbstätigen in familiäre Lebenslagen, ihre Position im Lebensverlauf sowie individuelle Präferenzen mit zu berücksichtigen.

Frauen stehen außerdem nach wie vor mehrheitlich vor der Herausforderung, Haus- und Familienarbeit mit einem Beschäftigungsverhältnis in Einklang bringen zu müssen, und treten deshalb mit Wünschen nach mehr Flexibilität an ihre Arbeitgeber heran. Deshalb profitieren sie gegenwärtig von dem wachsenden Angebot an flexibleren atypischen Beschäftigungsmöglichkeiten. Wenn dieses Angebot allerdings letztlich als Schritt in Richtung einer partnerschaftlicheren Verteilung der Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit und der damit verbundenen Risiken wirken soll, müsste es auch von erwerbstätigen Männern gleichermaßen problemlos und getragen von einer gesellschaftlicher Akzeptanz in Anspruch genommen werden (können).

Eine Trendwende weg vom Muster Normalarbeitsverhältnis = Männersache in Richtung einer partnerschaftlicheren Aufgabenteilung könnte für die nächsten Jahre durchaus im Bereich des Möglichen liegen: Mit der Reform des deutschen Unterhaltsrechts zum 1. Januar 2008 wurde die nachehelichen Eigenverantwortung der Partner deutlich gestärkt, was auf lange Sicht die Bereitschaft der Ehefrauen erheblich senken dürfte, angesichts des hohen Scheidungsrisikos auf eine existenzsichernde, adäquat in die sozialen Sicherungssysteme eingebundene und Zukunftschancen eröffnende Erwerbstätigkeit zu verzichten.

Christine Ehrhardt
Christine Ehrhardt M.A.
Statistisches Landesamt
Baden-Württemberg, Referat
„Sozialwissenschaftliche Analysen,
FamilienForschung Baden-Württemberg“









Das ZITAT
Atypisch Beschäftigte müssen mit größerer Wahrscheinlichkeit damit rechnen, weniger zu verdienen, weniger Fortbildungschancen angeboten zu bekommen, geringere Ansprüche gegenüber den Systemen der sozialen Sicherung zu erwerben und einem höheren Kündigungsrisiko ausgesetzt zu sein als Erwerbstätige in Normarbeits-
verhältnissen. (Christine Erhardt)