AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 4 - 3/1998
   
Wozu Strategie-Seminare für politisch engagierte Frauen?

von Marion Jamnig, Betriebspädagogin, Fellbach

 
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Strategieseminar in Schwäbisch Hall          
  Foto:HALLER TAGBLATT-Bild:Kern-Kalinke
     

Manche Frauen scheinen zu zögern, wenn es darum geht, Strategien einzusetzen. Diese helfen aber, Ideen, politische Überzeugungen oder Vorstellungen präzise darzustellen, sich zielgerichtet zu artikulieren und das Gesagte planvoll umzusetzen. Um Kommunalpolitikerinnen das Einsetzen von Strategien zu erleichtern, hat das Sozialministerium Strategie-Seminare mit dem Titel "Standort, Standpunkt, Strategien"(Vg. AKTIV 1, S. 4/5) initiiert. Viele davon habe ich durchgeführt. Dabei wurden immer wieder ähnlich gelagerte Schwierigkeiten von Frauen in der Politik deutlich. Denn: Viele Strategien sind an Regeln geknüpft oder aufgrund von Spielregeln entstanden, die von Menschen (meistens von Männern), die schon lange "im politischen Geschäft" tätig sind, in der Gesellschaft verankert wurden. Hat eine Frau falsche Regeln verinnerlicht, kämpft sie nicht für etwas, sondern allenfalls nur gegen sich selbst (Rubin, 97). Die Frau, die die Regeln kennt und sie dann verändert, spielt ihr Spiel, geht ihren Weg. Aber: Weshalb haben viele Frauen so wenig Vertrauen in ihren Erfolg? Nicht selten hören wir auf die Frage nach dem Erfolg von Frauen: "Ich hatte halt Glück!" Erfolge von Frauen werden oft vom Mißtrauen in die eigene Stärke und der negativen Einstellung zu persönlichen Fähigkeiten unterwandert.

  Informationen: Sozialministerium, Abt. Frauen und Familie oder: Marion Jamnig Wilhelm-Stähle-Str. 22 70736 Fellbach Fon: 0711/51 44 77 Fax 0711/518 11 11
     

Strategisches Vorgehen beginnt mit dem Überprüfen der eigenen Vorstellung von politischem Handeln. Macht und Stärke gehören dazu. Frauen streben auch nach Macht, jedoch nicht allein um ihrer selbst willen. Sie verfolgen eher den Weg, ihre Wünsche und Ziele durch andere verwirklichen zu lassen und werden deshalb oft (auch von Frauen) kritisiert. Es gilt also beim Darstellen von Wünschen und zum Erreichen von Zielen eindeutig in Aussagen und Verhalten zu sein. Befreien Sie das Wort Macht von allen gängigen Ideologien, Sie werden sehen: Macht ist nicht das, was Sie benutzen, sondern das, was Sie besitzen. Macht ist Stärke. Und Stärke bedeutet Kraft, die man besitzt, um strategisch vorzugehen und taktisch zu handeln.

Ein Beispiel: Eine politisch aktive Frau erzählte mir, daß sie im Moment zugeschüttet würde mit Anfragen aus einem Gremium, die recht kurzfristig zu beantworten seien. Im Nebensatz sagte sie, daß die Gemeinde plane, die Aktivitäten der Gemeinde unter Marketinggesichtspunkten in der Presse darzustellen. Sie könne sich vorstellen, daß eines ihrer Projekte dafür gut geeignet sei. Aber, so sagte sie, dafür hätte sie ja keine Zeit, denn die Anfragen wären ja kurzfristig zu beantworten und das Darstellen des Projekts würde doch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Ich fragte sie: "Welche der beiden Aufgaben hat denn mehr und längerfristige Außenwirkung?" An diesem Beispiel können Sie erkennen, daß Frauen dazu tendieren, eher nach innen zu wirken als nach außen.

Welche Strategien können Sie einsetzen? Strategien für:

  • das kommunikative Geschehen (z.B. Gesprächstechniken, Einsetzen rhetorischer Stilmittel etc.),
  • das Verhalten und die Durchsetzungsfähigkeit in Gremien (z.B. konsequentes Verhalten, Eingehen von Bündnissen etc.),
  • das Vorbereiten und Durchfechten von Vorlagen und Ideen(z.B. Mehrheiten suchen, Konflikte aushalten etc.),
  • das Organisieren oder Mitgestalten von Projekten oder Veranstaltungen (z.B. eigene Fähigkeiten herausstellen, Öffentlichkeitsarbeit betreiben etc.),
  • das Selbstmanagement und das Aushalten von Spannungsfeldern (z.B. Ziele erkennen, Prioritäten setzen, Kompromisse eingehen etc.)
  • sowie das eigene politische Profil schärfen und darstellen (Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?).

Strategien sind aber nur so gut, wie sie als Weg erkannt und bewußt eingesetzt werden. Oder: "Frauen müssen sehen und situativ handeln lernen." Frauen können gut beobachten und bemerken (nicht nur intuitiv) sehr viel. Sie handeln aber selten. Gerade das Zusammenspiel von Sehen und Handeln macht strategisches Vorgehen erfolgreich. Frauen lehnen es oft ab, etwas auszuprobieren. Bewußtes und zielgerichtetes Ausprobieren in "Wenn-Dann-Abhängigkeit". Sie "spielen" zu selten mit der Situation. Ausprobieren von Strategien: Wie funktioniert Strategie A? Was läuft dabei gut, was weniger? Was ist bei Strategie A zu verändern, damit es das nächste Mal besser klappt? Oder: Wann kommt Strategie B zum Tragen? Was ist hierbei der Vorteil, was der Nachteil? Was kann beibehalten werden? Mit diesem Ausprobieren können Frauen "strategische Qualifikationen" (Marti, 1998) und neben politischem Fachwissen Kompetenzen für Strategie und Taktik erwerben. Viele Frauen glauben, sie müßten "sich treu bleiben". Aber was heißt das genau? "Konstantes, zielgerichtetes Verhalten"? oder "Verhalten wie gehabt"? Dabei wäre es wichtig, mehr politisch aktive Frauen für Strategien zu sensibilisieren und Lernen nicht als Schließen von Lücken und Nachholen von Versäumtem zu sehen, sondern als persönliche Weiterentwicklung zu begreifen.

Die Teilnehmerinnen der Strategie-Seminare nahmen mit:

  • mehr Selbstbewußtsein beim Durchsetzen ihrer politischen Vorstellungen zu haben,
  • zielgerichteter bei Vorlagen oder bei Ideen vorzugehen,
  • selbstverständlich bei Diskussionen in den Gremien mitzureden,
  • bei anderer Meinung ihre Stimme umgehend zu erheben,
  • sich fraktionsübergreifend bei Problemstellungen auszutauschen,
  • ein frauenpolitisches Netzwerk zu bilden.

 

Strategisches Vorgehen bedeutet für die Teilnehmerinnen, das Agieren anstelle von Reagieren zu setzen, um politisch präsent zu sein.