Es ist Freitagabend. Gegen 19:30 Uhr sind Männer auf dem Weg zum Ev. Gemeindehaus. Bald sind die Plätze an den Tischen besetzt. Eine freundliche Begrüßung, ein Tischgebet und dann lassen sich die Männer erst einmal das kalte Büfett schmecken. Etwa 45 sind der Einladung zum 2. Männervesper in Winzerhausen gefolgt. Das Thema: „Was Männern Sinn gibt“. Die vom Ev. Männerwerk in Württemberg in den 1990er Jahren initiierten Männervesper sind bis heute ein „schwäbisches Erfolgsmodell“ offener Männerarbeit.
Das Konzept für dieses niederschwellige „Bildungsangebot“ der Ev. Kirchengemeinden ist einfach: Man(n) trifft sich vier bis fünf mal im Jahr, nicht nur im Ev. Gemeindehaus, sondern auch in Nebenzimmern von Gasthäusern, Sport- bzw. Vereinsheimen, also an Orten, wo Männer sich auch „zu Hause“ fühlen. Aber nicht nur das Vesper, sondern die männerspezifischen und lebenspraktischen Themen, der offene Austausch in der ausschließlichen Männerrunde, in der Status und beruflicher Erfolg keine Rolle spielen, lassen Männer vielerorts zusammenkommen. Jüngere und ältere, Männer verschiedener Konfession, arbeitslos gewordene und Männer, die der Kirche ansonsten eher fern stehen, sind anzutreffen.
Daneben gibt es die so genannte Männergruppe, die sich 14-tägig oder monatlich in überschaubarer Teilnehmerzahl trifft. Hier werden vor allem persönliche Lebenssituationen der anwesenden Männer offen, aber nach außen verschwiegen, thematisiert, ohne dabei das Klischee einer „männerstrickenden Selbsthilfegruppe“ zu bedienen. Insgesamt gibt es im Bereich der Ev. Landeskirche rund 400 Männervesper- und Männergruppen.
Wie kam es überhaupt zur Evangelischen Männerarbeit?
Im September 1934 hatte Pfarrer Theodor Dipper (Leiter des Ev. Männerwerks) rund 60 Männer aus den verschiedensten Berufen erstmals zu einem Männerwochenende eingeladen. Dort ging es um die Klärung persönlicher, geistlicher und gesellschaftspolitischer Fragen und um die verantwortliche Mitarbeit in der Gemeinde. Diese Männerseminare entwickelten sich bald landesweit „zum Renner“. Am 23. Februar 1940 wurde darüber hinaus der erste Ev. Männertag in Stuttgart begangen.
Nach dem Krieg waren es vor allem die „Heimkehrertagungen“ die sich den männlichen Themenstellungen wie: Verlust des Vertrauens in Menschen, Staat, Kirche und Gott, Aufarbeitung der schlimmen Erfahrungen währende des Krieges und der Kriegsgefangenschaft, Verarbeitung der durch den Krieg zerstörten Ehen und der Verlust geliebter Menschen etc. annahmen.
In den 50er und 60er Jahren trafen sich in vielen Gemeinden Männer monatlich zu Bibelgesprächen und Vorträgen. Diese eher geschlossene Form der Männerarbeit wechselte Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre hin zum offenen Männervesper, das bis heute Bestand hat. Bezirksmännertage und der Landesmännersonntag (immer der 3. Sonntag im Oktober) hielten Einzug, ebenso die Familienfreizeitarbeit, die Lektoren- und Messnerarbeit und vieles mehr. Nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit dem Ev. Frauenwerk in Württemberg, mit dem es von 1994 bis 2006 eine gemeinsame Ordnung (die Einzige in ganz Deutschland) gab und die Mitbegründung des FIZ (Fraueninformationszentrum in Stuttgart) durch das Ev. Männerwerk fielen in diese Zeit.
Die „moderne Männerbewegung“, die Anfang der 70er Jahre in Kalifornien entstand, schwappte Mitte der 80er Jahre mit den Aussagen „leidensfähig werden, gesellschaftlich festgelegte Geschlechtsstereotypen überwinden, weniger arbeiten, Spontaneität entwickeln, Lebenslust zurückgewinnen, Trauer zulassen, Sinnlichkeit erfahren, Macht und Privilegien abgeben, mehr Verantwortung für Kinder übernehmen, Partnerschaft neu gestalten etc. auch nach Deutschland über.
„Mannsein heute“ wurde zum Dauerthema und ist es bis heute geblieben
Auch bei uns entstand eine „Suchbewegung“ nach neuen Männerbildern, Männerrollen und neuer Männlichkeit. Auf Männertagen, Seminaren, bei Männerwanderungen (Pilgern) und Radtouren wurde „Mannsein heute“ zum Dauerthema und ist es bis heute geblieben. Der 17. Stuttgarter Männertag, der am 16.2.2008 wieder von mehr als 100 Männern besucht wurde, ist dafür ein eindrückliches Beispiel.
Im Rahmen von erlebnisorientierten Väter-Kinder- Wochenenden wie Kanufahren, Höhlentouren, Steinmetztagen, Väter-Jugendlichen-Segeln bzw. -Wandern wird aktives Vatersein im Männerwerk deutlich akzentuiert. Schweigetage in Stift Urach und Kloster Kirchberg kommen dem zunehmenden Bedürfnis vieler Männer nach Ruhe und innerer und geistlicher Sammlung entgegen. Die meisten dieser Veranstaltungen sind fast immer ausgebucht.
Verschiedene Veröffentlichungen durch die Geschäftstelle u. a. auch der neue Diskussionsbeitrag zur häuslichen Gewalt: „Sind es immer nur die Männer?“ gehen aktuellen Themen nach und stoßen auf ein breites Echo in der Öffentlichkeit. Die Onlineberatung der Geschäftstelle (siehe unten) hilft bei beruflichen, partnerschaftlichen, erzieherischen oder anderen Männerlebensproblemen. Männer können dort selbstbestimmt, anonym, zeitlich unabhängig, kostenfrei und ohne Termindruck die „Außensicht“ eines kompetenten Männerberaters zu ihrer eigenen „Innen- bzw. Selbstsicht“ erfahren, bevor sie ihre Entscheidungen fällen.
Diese Angebote sind nur durch ein hohes ehrenamtliches Engagement vieler Männer (und durch die Unterstützung der nebenamtlichen Bezirksmännerpfarrer) möglich, die sich vor Ort, im Landesarbeitskreis oder in den verschiedenen Arbeitskreisen des Männerwerkes engagieren. Z. B. durch den seit über 10 Jahren bestehenden Arbeitskreis Weißrussland, der die medizinischen Hilfskonvois der Aktion „Freunde der Kinder von Tschernobyl“ plant, organisiert und durchführt, mit starker finanzieller Unterstützung vieler Einzelspender, vieler Kirchengemeinden und des Staatsministeriums Osteuropahilfe in Stuttgart.
Ev. Männerarbeit heute will Männern Begegnungsund Erlebnisraum, Gespräche und Austausch zur eigenen Rollenklärung bieten. Sie ist mit Männern, die auf der Suche nach dem eigenem Lebenssinn sind, „unterwegs“, bietet christlich/biblische Männerorientierung und ermutigt sie zu familiärer und gesellschaftlicher Verantwortung für ein gerechtes, teilhabendes und schöpfungsbewahrendes Miteinander von Frauen und Männern, von Jungen und Alten, von Jugendlichen und Kindern.





