AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 38 - 4/2007
   

Femmetastisch - ein Ort für Frauen

Femmetastisch ist ein Ort, den verschiedenste Frauen aufsuchen: Frauen mit ungesicherten Wohnverhältnissen, Frauen, die aus gewaltgeprägten Beziehungen kommen, Frauen ohne Arbeit, ohne ausreichendes Einkommen, Frauen, die krank sind an Leib und Seele.

Träger von Femmetastisch ist der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF), in dessen Leitbild zu lesen ist: „Aus christlichem Engagement bieten wir individuelle Hilfe und vertreten parteilich die Belange Benachteiligter. Wir setzen uns dafür ein, dass Interessen von Frauen überall berücksichtigt werden.“

Frauen sind von Armuts- und Notsituationen besonders betroffen

Die Einsicht, dass Frauen von Armuts- und Notsituationen besonders betroffen sind, hat bereits vor über 100 Jahren die Adlige Mathilde von Dellingshausen zu visionären Gedanken beflügelt: „Ich träume mir einen Verein, indem man diesen sogenannten „unwürdigen Armen“ nachgeht, ihnen kein Geld und keine Lebensmittel gibt, aber Arbeit und danach trachtet, ihnen zu helfen.“

Die „unwürdigen Armen“, so wurden um 1900 Frauen und Mädchen bezeichnet, die infolge von Prostitution und sexueller Ausbeutung an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. 1903 gründete sie diesen Verein, der sich kontinuierlich weiterentwickelte, aber immer die besondere Not von Frauen und Kindern im Blick hatte.

Der Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft entgegenwirken, das versuchen wir seit 15 Jahren auch im Tagestreff Femmetastisch.

Zwischen 30 und 40 Frauen sind es täglich, die mit unterschiedlichen Anliegen und mit dem Wunsch nach Unterstützung in den zentral gelegenen Tagestreff in der Stuttgarter Stadtmitte kommen. Alle befinden sich in einer schwierigen Lebenssituation, lange haben sie versucht nach außen hin die Normalität aufrecht zu erhalten, der Norm zu entsprechen. Bis Frauen dann Hilfeangebote annehmen, sind sie häufig in einer sehr desolaten Situation.

Die Frauen, die in den Tagestreff kommen, sind in Wohnungsnot, haben abgebrochene Schulabschlüsse, Biographiebrüche, sind suchtkrank oder psychisch krank. Alle leben am Existenzminimum, entweder von einer kleinen Rente, von der Grundsicherung oder von Arbeitslosengeld II.

Die Frauen erhalten bei uns die Grundversorgung des täglichen Lebens: eine warme Mahlzeit, freundliche Aufenthaltsräume, Badewanne und Dusche für die Körperpflege, gut erhaltene Secondhand-Bekleidung, Waschmaschine und Trockner für die Wäschepflege.

Darüber hinaus will Femmetastisch den Besucherinnen Räume bieten, in denen sie zu sich selbst finden können und ein Stück Beheimatung erfahren. Denn „es ist nicht nur bitter, kein Dach über dem Kopf zu haben. Es ist oftmals ebenso bedrängend, wenn wir kein Dach über der Seele haben.“ (aus: Paul M. Zulehner „Für Kirchen- Liebhaberinnen“)

Den Frauen Obdach für Körper und Seele zu bieten bedeutet in der Tagestreffarbeit, die Frauen mit all ihren Facetten und unterschiedlichen Bedürfnissen wahrzunehmen und einen Raum zu schaffen, in dem die drängenden Fragen nach dem Woher, dem Warum und dem Wohin einen Platz haben.

Es bedeutet, den Besucherinnen mit Respekt zu begegnen, ihre Ressourcen wahrzunehmen, sie darin zu bestärken und dabei zu begleiten, ihre häufig verschütteten Fähigkeiten wieder zu entdecken und zur Überwindung ihrer schwierigen Situation zu nutzen. Unterschiedliche Angebote zur Tagesstrukturierung und Tagesgestaltung mit einem hohen Maß an Beteiligung der Besucherinnen ermöglichen eine Weiterentwicklung, eine Gesundung.

Dazu zählen auch Gruppenangebote, die Impulse dafür kommen zum großen Teil von den Besucherinnen selbst. Viele Frauen leiden unter dem Messie-Syndrom, einzelne wollen nicht weiter in der Isolation versinken, sondern sich mit anderen regelmäßig auseinander setzen, die von der Problematik ebenfalls betroffen sind. Andere leiden darunter, dass der Umgang mit Konflikten so mühsam ist – ein Workshop wird initiiert, eine große Gruppe von Frauen nimmt daran teil, lernt und übt einen veränderten Umgang miteinander ein – und verarbeitet so einen Teil der häufig leidvollen eigenen Geschichte.

Von großer Bedeutung ist das künstlerische Gestalten in der Kreativ-Werkstatt. Hier erfahren die häufig traumatisierten Frauen, dass das bisher Unaussprechliche im geschützten Rahmen unter der Begleitung durch die Kunsttherapeutin einen Ausdruck findet und zur Heilung gebracht werden kann. Die Teilnehmerinnen erfahren im kreativen Tun Ermutigung und Bereicherung.

Die besondere Gestaltung der Jahreskreisfeste, der großen kirchlichen Feste, die Begegnungen in und mit der Natur auf Ausflügen und Freizeiten, die monatlich stattfindenden Fantasiereisen, aber auch die kleine Geschichte, der Spruch vor dem Essen sind für die Frauen sinnstiftend, ermutigend und bestärkend.

Ungefähr 100 Besucherinnen haben einen regelmäßigen Kontakt zu Femmetastisch, viele kommen gerade dann, wenn die Not am größten ist und hoffen auf ein klärendes Gespräch mit einer Mitarbeiterin. Häufig braucht es noch andere Angebote im Hilfesystem (Zentrale Frauenberatung, Suchtberatung, Schuldnerberatung), aber in vielen Fällen ist der Tagestreff erst mal Türöffner für weitere notwendige Schritte, hier finden die Clearing- und Konfliktgespräche statt.

Ehrenamtlich tätige Frauen unterstützen die professionelle Arbeit im Tagestreffalltag

Von großer Bedeutung ist, dass Frauen im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements Aufgaben übernehmen, Impulse und Anregungen geben, die das Zusammenkommen von so vielen unterschiedlichen Frauen an einem Ort wie dem Tagestreff erleichtern.

Viele Faktoren tragen dazu bei, dass die Besucherinnen bei Femmetastisch in Ruhe und Sicherheit ihre persönliche Versorgung gestalten können, dass sie ihre Anliegen und Bedürfnisse einbringen, soziale Beziehungen ohne Bedrohungen leben können.

Letztlich ist es das gute Miteinander von Besucherinnen, ehrenamtlich und hauptamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und vielen Unterstützerinnen, die den Tagestreff Femmetastisch zu dem machen was er ist: ein heilsamer Ort für Frauen.

Ingrid Wiesler
Ingrid Wiesler
Tagestreff Femmetastisch
Sozialdienst Katholischer Frauen e.
Diözese Rottenburg-Stuttgart





 

WEBTipp
www.skf-stuttgart.de






Das ZITAT
Wer kein Dach über seiner Seele hat, ist nicht einsam, sondern vereinsamt. Eine Obdachlosigkeit der Seele droht… Wir spüren, was uns wichtig ist, in dem, was uns fehlt. ... Wir fühlen: wichtig, ja unantastbar „heilig“ ist es uns, dass unser Lebensbaum Wurzeln hat. Irgendwo muss der Mensch daheim sein. Menschsein heißt nicht nur wachsen, sondern wurzeln. Unsere unbehauste Seele will wohnen. Wir brauchen beides: ein Dach über dem Kopf, ein Obdach der Seele. (aus: Paul M. Zulehner „Für Kirchen-Liebhaberinnen“)