AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 37 - 3/2007
   

Stärkung der Erziehungskompetenz

Im Jahr 2000 gelang es Inge Mugler vom Diakonischen Werk Württemberg, im Ludwigsburger Stadtteil Eglosheim für fünf Jahre das Projekt MIKELE (Miteinander – Interkulturelle Elternbildung in Ludwigsburg-Eglosheim) ins Leben zu rufen. Es gelang ihr auch, zwei Mitarbeiterinnen mit türkischem Migrationshintergrund zu gewinnen, die mit ihr gemeinsam vielfältige Ideen entwickelten und diese umsetzten.

Grund für die Initiierung des Projekts war die Tatsache, dass der Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund immer noch weit hinter dem einheimischer Kinder zurückliegt.

Bildungserfolge hängen von vielen Faktoren ab. Jedoch bildet die Familie einen wesentlichen Faktor. Nur informierte und gestärkte Eltern sind in der Lage, ihre Kinder während der Zeit des Kindergartenbesuchs unterstützend zu begleiten und ihren Teil zum Schulund Integrationserfolg ihrer Kinder beizutragen. Dies zu erreichen, war das Ziel von MIKELE.

Die Zielgruppe des Projekts waren Eltern mit Migrationshintergrund, die von traditionellen Elternbildungsangeboten der bestehenden Einrichtungen aufgrund verschiedener Zugangsbarrieren nicht erreicht werden. Im Mittelpunkt standen dabei insbesondere türkische Eltern, da ihr Anteil an der ausländischen Wohnbevölkerung im Projektgebiet besonders hoch ist.

Es wurden vielfältige Maßnahmen initiiert: z.B. Alphabetisierungskurse, Deutschkurse, ein Geburtsvorbereitungskurs auf Türkisch, Themenabende zu schulischen Fragen für türkisch sprechende Eltern, Unterstützung der Schulen und Kindergärten bei Elternabenden, ein runder Tisch zum multikulturellen Zusammenleben im Stadtteil, Fortbildungen für Erzieherinnen, ein deutsch-türkischer Gymnastikkurs beim örtlichen Sportverein, der auch zum Eintritt der Migrantinnen in den örtlichen Sportverein führte, ein multikultureller Kochkurs, die erstmalige Teilnahme von Migrantenfamilien sowohl an örtlichen, als auch an kirchlichen Festen und vieles mehr. Durch diese Maßnahmen wurden jährlich rund 250 Menschen in Eglosheim erreicht.

Eines der wichtigsten Teilprojekte war das Seminar zu Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitsfragen

Das Seminar zu Erziehungs-, Bildungs-, und Gesundheitsfragen für türkisch sprechende Frauen fand wöchentlich in der Evangelischen Familienbildungsstätte statt, einem zentralen Ort im Stadtteil. Behandelt wurden vielfältige Themen wie: „Kindern Grenzen setzen“, „Kommunikation zwischen Eltern und Kindern“, „Aufbau des deutschen Schulsystems“, „Zusammenarbeit von Eltern mit Kindergarten und Schule“, „sexuelle Aufklärung der Kinder“. Aber auch Gesundheitsthemen wie z. B. „Ernährung“, „Impfungen für Kinder“ oder „Depressionen“ standen auf dem Programm. Die Referentinnen waren zum Teil selbst türkischer Herkunft. Bei deutschsprachigen Referentinnen übernahmen die zweisprachigen Seminarleiterinnen das Übersetzen.

Das Projekt wurde von der Evangelischen Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg durch Prof. Dr. Ute Hennige im Jahre 2004 wissenschaftlich evaluiert. 18 Teilnehmerinnen - die „Kerngruppe“ - nahmen an einer Fragebogenerhebung teil.

Die Akzeptanz des Frauenseminars war hoch. Mindestens zwei Drittel der Frauen besuchten die Veranstaltungen regelmäßig, viele von Projektbeginn an. Die Teilnehmerinnen schätzten die Informationen, die sie erhielten, als sehr nützlich ein und berichteten von sehr positiven Veränderungen in ihren Familien. Durch die vertiefende Bearbeitung verschiedener Themen wurde ein nachhaltiger Prozess in Gang gesetzt, der die Frauen selbständiger und offener werden ließ.

Durch Beratungen, Informationsveranstaltungen und weitere Aktionen gelang eine gute Einbettung der Frauen in das Gesamtkonzept von MIKELE.

Der Nutzen der Veranstaltungen wurde vor allem bei folgenden Inhalten positiv bewertet: „Mit Kindern kommunizieren“, „Probleme der Pubertät verstehen“, „Vorund Nachteile des Medienkonsums einschätzen“, „Kinder vor Drogen beschützen“, „Über das deutsche Schul- und Bildungssystem Bescheid wissen“, „Mit Stress umgehen“. Alles in allem handelt es sich hierbei also um ein Handlungswissen für Mütter, die ihre Kinder auf das Leben in einer modernen Gesellschaft vorbereiten wollen, ohne selbst darauf vorbereitet worden zu sein.

Die Teilnehmerinnen waren in ihrem sozialen Umfeld als Multiplikatorinnen tätig

Die Frauen schätzten es zudem, sich gemeinsam fortzubilden, und gaben an, durch den Besuch des Frauenseminars auch in Bezug auf ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbstsicherheit und ihre Selbständigkeit profitiert zu haben.

Informationen in der Muttersprache, kombiniert mit Angeboten der Qualifizierung durch Alphabetisierung und Deutschunterricht und die Orientierung auf den Stadtteil mit seinen sozialen Angeboten und Bildungseinrichtungen brachten der Projektidee den Erfolg.

Im Rahmen der Evaluation wurden auch die lokalen Kooperationspartnerinnen und -partner befragt, Personen sowohl aus den Bereichen Bildung und Erziehung, als auch aus Stadtteilprojekten und der Politik. Die Ergebnisse zeigen, dass die Auswirkungen auf die Zielgruppe sehr positiv eingeschätzt werden: Die Migrantinnen und Migranten im Stadtteil seien besser informiert, würden sich mit anderen Denkweisen auseinander setzen, seien selbstbewusster, offener und kritischer geworden.

Auch die Auswirkungen auf das Stadtteilgeschehen wurden positiv beurteilt, vor allem die Entwikklungen im Bereich „Zusammenleben, Toleranz, Integration“. MIKELE wurde außerdem wegen seines Beitrags zum interkulturellen Dialog und seiner Vernetzung mit anderen Institutionen als wichtiges und fortsetzungswürdiges Projekt wahrgenommen.

Im Jahre 2005 wurde in Trägerschaft der Diakonischen Bezirkstelle Ludwigsburg mit einem neuen Projekt begonnen: Projekt IDEL.1 Die Konzeption von MIKELE wird nun mit einigen Veränderungen in der Ludwigsburger Innenstadt umgesetzt. Somit übernahm die Ludwigsburger Diakonie einen neuen Arbeitsbereich, der ihre bisherige Arbeit mit Migrantinnen und Migranten sinnvoll ergänzt.

Bedauerlich bleibt jedoch, dass solche Projekte immer nur für eine begrenzte Zeit angelegt sind und sie nicht dauerhaft gefördert werden.

Yesim Böttle
Yesim Böttle
Diakonisches Werk - Bezirksstelle Ludwigsburg
Projekt IDEL



Das ZITAT
„Schade, dass es solche Seminare nicht schon vor 30 Jahren gab…“, sagte eine ältere Migrantin während des Erziehungsseminars des Projekts MIKELE, „… wir hätten diese Informationen damals auch brauchen können.“ (Kursteilnehmerin)






Mehr INFORMATIONEN
Der Evaluationsbericht ist erhältlich bei der Diakonischen Bezirksstelle Ludwigsburg Projekt IDEL, Gartenstraße 17, 71638 Ludwigsburg Telefon 0 71 41/9 55-1 52 und beim Diakonischen Werk Württemberg, Telefon 07 11/16 56-2 80, E- Mail: idel@evk-lb.de

 

 

 

 

     
1IDEL steht für: Integration durch Elternbildung Ludwigsburg. IDEL wird gefördert durch Aktion Mensch und Bürgerstiftung Ludwigsburg, Träger Diakonische Bezirksstelle Ludwigsburg