AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 35 - 1/2007
   

Gender in der Umweltdebatte

Bei der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2007 sind Klimaschutz und erneuerbare Energien ein Top-Thema und stehen auf der Prioritätenliste ganz oben. In der Januar-Ausgabe der Zeitschrift „Cicero“ nimmt Angela Merkel, unsere Kanzlerin und frühere Bundesumweltministerin, hierzu Stellung und erklärt: „Das Thema liegt mir seit Jahren am Herzen“ und ... „Die Notwendigkeit, die breit angelegte Biosphäre zu schützen, wird häufig unterschätzt. Ich gehöre zu denen, die nicht nur die Beherrschung der Natur im Kopf haben, sondern sich eben ein großes Stück Respekt vor der Natur bewahrt haben.“

Sogar unsere Kanzlerin verschreibt sich dem Klimaschutz. Sie hat zwei Chefberater, Männer, ernannt, die hierzu ihre Expertise liefern. Untersuchungen zeigen, dass diese „Arbeitsaufteilung“ typisch ist: Frauen sorgen sich häufiger um die Umwelt und haben ein hohes Problembewusstsein, das größere Faktenwissen zu Umweltthemen weisen jedoch meist die Männer auf. Diese traditionelle Arbeitsaufteilung ist ein Verlust mit vielen Facetten: Frauen sind, als die weniger Fachkundigen im Umweltbereich, unterrepräsentiert in Organisationen und Unternehmen, auf Konferenzen und in den Medien.

Ihre geringere technische Qualifikation ist nur ein Grund der Misere. Auch die traditionellen und starren Strukturen im Klima- und Energiebereich sind nicht offen für andere Erwerbsbiografien und Herangehensweisen, ob sie nun von Frauen oder Männern kommen. In der Regel haben es die Frauen aber schwerer: schlichtweg weil sie Frauen sind – und die traditionellen Geschlechterrollen und -vorstellungen es nicht zulassen, dass Frauen in gesellschaftliche Bereiche vorstoßen, die bislang Männern vorbehalten waren. Eine verheerende Situation – nicht nur Wissen geht verloren, auch haben Frauen in der Regel einen anderen Blick auf die Dinge als Männer: Sie sind risikosensibler – sowohl gegenüber Umweltveränderungen wie dem Klimawandel als auch gegenüber technologischen Maßnahmen wie der Atomkraft – und sie setzen stärker auf Verhaltensänderungen zum Umwelt- und Klimaschutz.

Gender- und Umweltaspekte wirkungsvoll verbinden

Organisationen wie genanet – Leitstelle Gender, Umwelt, Nachhaltigkeit helfen dabei, den Frauen- und Männerrollen bei den vielfältigen Umweltthemen auf die Spur zu kommen. Das ist eine Pionierarbeit. Denn bislang sind die Geschlechteraspekte bei Themen wie dem Klimaschutz wenig erforscht und thematisiert worden, außer vielleicht in der Entwicklungszusammenarbeit. Hier ist es unbestritten, dass Frauen eine förderungswürdige Schlüsselrolle in der Gesellschaft einnehmen: für die Entwicklung ihres Landes und den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Aber auch in den Industrieländern ist dies ein wichtiges, aber bislang zu wenig beachtetes Thema. So hat sich genanet vor allem auf die Situation in den Ländern des Nordens spezialisiert.

Das Arbeitsspektrum von genanet ist umfassend: Informationen zum Themenfeld Gender, Umwelt und Nachhaltigkeit zusammentragen und bereitstellen; Aktivitäten im Netzwerk koordinieren wie beispielsweise gemeinsame Stellungnahmen und Veranstaltungen; Impulse geben an Politik und Nichtregierungsorganisationen mit Schwerpunkt Frauen- und Umweltverbände, wie Gender- und Umweltaspekte wirkungsvoller verbunden werden können. genanet arbeitet auch inhaltlich an Themen, wie beispielsweise Klimaschutz und erneuerbare Energien sowie Biodiversität, lebt aber stark von der Expertise des Netzwerks, von dem genanet das Herzstück ist. Durch die Bündelung an Fachwissen von Expertinnen und Experten aus Deutschland und Europa ist genanet mit seinem Themenfeld in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit präsent und nimmt gesellschaftlich Einfluss: mit Stellungnahmen und Positionspapieren, Vorträgen, Tagungen und Publikationen. Im Fokus von genanet stehen auch Institutionen, Organisationen und Verbände aus dem Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit, die Gender Mainstreaming in ihre Arbeit und Organisationsstruktur einführen. genanet bietet Ihnen Informationen, einen Pool an Referentinnen und Referenten sowie Beratung und Training.

genanet möchte Frauen als Zielgruppe erreichen

Auch Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt erkennen an, dass die sozialen Aspekte bei Umweltproblemen wie dem Klimawandel besondere Beachtung verdienen. Sie finanzieren genanet seit 2003, letztes Jahr gab es die Verlängerung bis 2009 – ein großer Erfolg für das kleine Projekt, das sich nun ein neues, weiteres Ziel gesetzt hat: eine stärkere Kommunikation in die Medien und die breite Öffentlichkeit, um dort das umfangreiche, in den letzten drei Jahren erarbeitete Wissen zu verbreiten, das hohe gesellschaftliche Relevanz besitzt. Und genanet möchte verstärkt Frauen ansprechen, da diese sich laut Untersuchungen am schlechtesten über Umweltpolitik informiert fühlen. Indem Frauen besser informiert und motiviert werden, können sie sich effektiver in die Gestaltung und Umsetzung umweltpolitischer Maßnahmen einbringen – ein Muss, denn die globalen Umweltveränderungen nehmen an Intensität zu und es sind zunehmend Lösungen gefragt, die auf die Bedürfnisse und Eigenheiten aller gesellschaftlichen Gruppen eingehen und sie in Entscheidungen einbeziehen.

Somit befindet sich genanet auf der Suche: nach Frauenverbänden, die Umweltthemen in ihre Arbeit integrieren wollen, und nach Journalistinnen und Journalisten, die sich dem anspruchsvollen Themenfeld Gender und Nachhaltigkeit widmen. „Kein leichtes Unterfangen“, so Ulrike Röhr, die Leiterin von genanet. „Die Begriffe sind so sperrig, dass sie nur schwer zu kommunizieren sind.“ Aber anderseits fühlen sich viele Menschen durch die zunehmenden Umweltprobleme bedroht, die fast täglich in der Zeitung nachzulesen sind. Und viele Menschen hinterfragen auch heutzutage stärker die herrschenden Geschlechterrollen und sind eher bereit als früher, auch mutiger, diese zu reflektieren und zu verändern. Eine gute Zeit zum Wachrütteln? Vielleicht. Nur darf das Wachrütteln kein persönliches Thema bleiben, sondern muss auch in die Gesellschaft getragen werden. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Anja Wirsing
Anja Wirsing,
genanet - Leitstelle Gender, Umwelt, Nachhaltigkeit, Berlin






Mehr INFORMATIONEN
genanet - Leitstelle Gender, Umwelt,
Nachhaltigkeit
www.genanet.de





Das ZITAT
Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, schreibt hierzu im Vorwort der aktuellen Broschüre von genanet – Leitstelle Gender, Umwelt, Nachhaltigkeit: „Wir schöpften also aus einem größeren Ideenpool, falls wir beide Sichtweisen – die der Frauen und die der Männer – bei Umweltgefahren, wie beispielsweise dem Klimawandel oder der Zerstörung der Artenvielfalt, besser berücksichtigen würden. Anderenfalls verlören wir nicht nur Ideen, Lösungsvorschläge und Visionen, sondern auch Unterstützung für eine starke Umweltpolitik.“
(AnjaWirsing)