Mobile Jugendarbeit verfolgt das Ziel, besonders gefährdete Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer Entwicklung zu fördern und mit ihnen ihre Lebenssituation zu verbessern. Während in der Öffentlichkeit vor allem die Probleme, die sie als Cliquen und Szenen machen, wahrgenommen werden, richtet die Mobile Jugendarbeit den Blick auf die Probleme, die sie einzeln und als Gruppen haben. Um die Jugendlichen zu erreichen, werden dabei Street Work und die Begleitung Einzelner mit Angeboten für Cliquen und Gruppen sowie gemeinwesenbezogene Arbeit kombiniert.
Basis der Arbeit ist eine tragfähige Beziehung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu den Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Um diesen Kontakt zu entwickeln, sind Akzeptanz, Freiwilligkeit und Niedrigschwelligkeit wichtige Arbeitsprinzipien. In der Beziehung zu den Jugendlichen, in der Begleitung bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben und ihres Alltags wird ihr Geschlecht zu einem zentralen Thema.
Eine attraktive Frau bzw. ein cooler und starker Mann zu sein, Frauen bzw. Männer zu beeindrucken, mit dem eigenen Körper zufrieden zu sein und Schönheitsidealen gerecht werden zu können, eine eigene Familie zu gründen, sich als Frau gegenüber Männern zu behaupten, als Junge und Mann mit den Erwartungen der Mädchen und Frauen umgehen zu können, Angst zu bewältigen, sind wichtige Anforderungen, mit denen sich die Jugendlichen konfrontiert sehen.
Im Arbeitsansatz Mobile Jugendarbeit werden deshalb nicht nur geschlechtsgemischte Teams als unabdingbar angesehen: Geschlechterdifferenzierung wird zum Querschnittsthema bei der Gestaltung aller Tätigkeiten und oft zum Ausgangspunkt für geschlechtsspezifische Gruppenangebote und Projekte.
In Baden-Württemberg wird der Arbeitsansatz Mobile Jugendarbeit derzeit in etwa 110 Einrichtungen umgesetzt – in Konstanz seit 1996 in Trägerschaft des Sozial- und Jugendamtes. Wie das Genderthema in der Mobilen Jugendarbeit aufgegriffen werden kann, soll nun anhand von Praxiserfahrungen in Konstanz aus den letzten Jahren dargestellt werden.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben als „Gender-Modelle“ den Jugendlichen Orientierung
Bei allen Kontakten, ob in der Einzelarbeit, in Gruppenangeboten oder bei Begegnungen auf der Straße werden Geschlecht und Geschlechtsrollen sehr häufig zum Thema. Wir sind nicht nur als Sozialpädagoginnen und -pädagogen, sondern insbesondere auch als Mann und Frau gefragt. Wie stehen wir selbst unsere Frau und unseren Mann? Wie gehen wir als Frau und Mann respektvoll und gleichberechtigt miteinander um? Wir gehen davon aus, dass die Jugendlichen uns als Modelle nutzen, die ihnen in der Persönlichkeitsentwicklung hilfreich sein oder von denen sie sich abgrenzen können.
Die Bewältigung geschlechtsspezifischer Entwicklungsaufgaben wurde in Konstanz über mehrere Jahre mit Jugendlichen, zu denen über die Straße Kontakt entstanden war, ergänzend zur Einzelarbeit in geschlechtsspezifischen Gruppen zum Thema gemacht. In regelmäßigen Gruppennachmittagen und auf Freizeiten wurde auf die spezifischen Bedürfnisse, Themen und Entwicklungsaufgaben dieser 14- bis 20-jährigen Mädchen, Frauen, Jungen und Männer eingegangen. Hier Konnten die eigenen Fähigkeiten ungestört vom Erwartungsdruck „des anderen Geschlechts“ in Feldern erlebt und erprobt werden, die sonst als weiblich oder männlich dominiert gelten – etwa die Mädchen am Kletterfels, die Jungen in Haushalt und Küche.
Bei den Mädchen ging es vor allem darum, ihnen einen stressfreien und geschützten Raum zu schaffen, in dem sie gemeinsam ihre Freizeit nach ihren Bedürfnissen gestalten können und Zeit haben zum Austausch über ihre Themen.
Bei den Jungen standen häufig die Fragen „Wann ist ein Mann cool?“ und „Was wünschen sich Frauen von Männern?“ im Mittelpunkt. Als Rahmen, um die Stärken der Jungen in den Mittelpunkt zu rücken und Selbstwirksamkeit zu erleben, haben sich insbesondere gemeinsames Kochen, Hüttenfreizeiten und Sport bewährt, zudem wurden Spielfilme (z.B. „Teuflisch“, „Oi! warning“) als Ausgangspunkte für die Auseinandersetzung über Männer-Bilder sowie über Drogenkonsum und Gewalt genutzt.
Gelegenheiten der Zusammenführung der Gruppen ergaben sich dabei immer wieder. Ein Beispiel ist das Projekt „Menüs, die Frauen beeindrucken“: An vier Jungenabenden erlernten die Jugendlichen von einem jungen Koch die Kunst von Vor-, Haupt- und Nachspeisen genauso wie die Gestaltung einer stilvollen Atmosphäre, um dann kurz vor Weihnachten die Mädchen ihrer Clique zu einem Gourmetabend einzuladen.
2006 wurde neben dem Girls’ Day erstmals ein Boys’ Day organisiert
Selbstverständlich beteiligte sich die Mobile Jugendarbeit bei der jährlichen Umsetzung des Girls’ Day (bundesweiter Mädchenzukunftstag) in Konstanz. So ging auch die Initiative für einen erstmals gleichzeitigen Boys’ Day im Jahr 2006 an der Hauptschule des Stadtteils vom Jugendtreff und der Mobilen Jugendarbeit aus. Um das Berufswahlspektrum und die Lebensplanungsperspektiven der Jungen zu erweitern, noch bevor sie aktiv in die Berufsorientierung einsteigen, wurden mit den Schülern in den Wochen vor dem Boys’ Day Angebote zum Thema „Mann und Beruf“ entwickelt. Am Tag selbst setzte sich ein Teil der Jungen in einem Workshop mit ihren Erwartungen an Väter auseinander. Zudem lernten sie einen Mann kennen, der Elternzeit genommen hat und derzeit „Vollzeitvater und Hausmann“ ist. Ein anderer Teil der Jungen verbrachte einen Schnuppertag in Berufen, in denen Männer bislang immer noch sehr wenig vertreten sind: Erzieher im Kinderhaus, Altenpfleger, Friseur, Lebensmittelfachverkäufer, Kellner, Sekretär und Krankenpfleger.
Die Auswahl an Beispielen veranschaulicht, dass Gender Mainstreaming und geschlechtsspezifisches Arbeiten zu zentralen Bestandteilen in der Beziehungsarbeit und in Gruppenangeboten mit benachteiligten und ausgegrenzten Jugendlichen werden, wenn sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – wie im Konzept der Mobilen Jugendarbeit – konsequent an der Lebenswelt und den Entwicklungsaufgaben der Jugendlichen orientieren.





