Unterschiedliche Lebenswelten von Mädchen
und Jungen zu berücksichtigen, ist ein
zentrales Anliegen und gesetzlich verankerter
Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe.
Gender Mainstreaming wirft viele Fragen auf: Wer profitiert von einer solchen geschlechterspezifischen Arbeit? Was wird mit Mädchen umgesetzt und was mit Jungen? Und inwiefern spielen unsere Vorurteile und Erwartungen, wie „richtige Mädchen“ oder „richtige Jungen“ sind, dabei eine Rolle? Solche und andere Fragen greift der Fachtag „gleich oder anders“ am 28. September 2006 in Leonberg auf. Die Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Gesundheit im Landkreis Böblingen richtet sich an Fachpersonen, die mit der Zielgruppe der 8- bis 18-Jährigen arbeiten.
Geschlechtsspezifische Ansätze (vor allem für Mädchen) haben in der Jugendarbeit eine lange Tradition. Aber auch in Prävention und Gesundheitsförderung wird zunehmend deutlich, dass sich die Geschlechter im gesundheitsrelevanten Verhalten, in Ressourcen und Belastungen sowie Gesundheitszustand unterscheiden. Die Berücksichtigung der Kategorie Geschlecht ist in Zeiten knapper Mittel zu einem zentralen Qualitätsmerkmal geworden, und Geldgeber verlangen zunehmend eine geschlechtersensible Entwicklung von Angeboten. Eine Befürchtung ist, dass dies zu Lasten von Mädchenprojekten geht - weil Jungen jetzt die Hälfte des mühsam eroberten Kuchens abbekommen. Ist die Geschlechterdifferenzierung wirklich in allen Fällen sinnvoll? Und wenn ja: Wie kann ich mich und andere für die Geschlechterdimension sensibilisieren und welche Ebenen sind hier überhaupt bedeutsam? Mit diesen Fragen setzt sich Professorin Petra Kolip, (ipp Universität Bremen) in ihrem Vortrag auseinander. Ausgehend von den zentralen Geschlechtsunterschieden im Gesundheitszustand und gesundheitsrelevanten Verhalten werden Anknüpfungspunkte für geschlechtersensible Prävention und Gesundheitsförderung abgeleitet. Vorgestellt werden Beispiele gelungener Praxisprojekte sowie ein Instrumentarium für die Sensibilisierung in Gender- Fragen.
Gunter Neubauer, (Sozialwissenschaftliches Institut Tübingen SOWIT), wird im anschließenden Vortrag mit dem provokativen Titel „Gesundheit für alle?“ auf die Methodik des Gender Mainstreaming eingehen. Jungen und Mädchen, Frauen und Männer nutzen Angebote der Gesundheitsförderung und Gesundheitsbildung – nicht nur zahlenmäßig – recht unterschiedlich. Wer Gesundheit an die Frau und an den Mann bringen will, wird deshalb die geschlechtsspezifischen Gesundheitsthemen und Zugänge, aber auch unterschiedliche Gesundheitsressourcen inhaltlich wie konzeptionell berücksichtigen. Dabei ist allerdings Sorgfalt geboten – insbesondere damit simplifizierende Zuschreibungen erkannt und Geschlechterklischees nicht weiter zementiert werden. Für Erfolg von Dauer muss die interne Gender-Qualität von Aktivitäten und Projekten prozessbezogen reflektiert und weiterentwickelt werden. Vor dem Hintergrund eigener Praxiserfahrungen stellt der Vortrag geschlechtergerechte Methoden in den Mittelpunkt und fragt nach geschlechterbezogenen Potenzialen in der Gesundheitsförderung.
In sechs Workshops am Nachmittag wird zu den Themenfeldern Erlebnispädagogik, Sexualpädagogik, Kinderpsychodrama und Gewaltprävention sowie Prävention von Ess-Störungen die Praxis mithilfe der Fragen des Gender Mainstreaming – teils geschlechtshomogen teils geschlechtergemischt – reflektiert.




