AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 30 - 4/2005
   

Menschenhandel und Zwangsprostitution

Seit 50 Jahren arbeiten wir in der Mitternachtsmission Heilbronn für und mit Mädchen und Frauen in der Prostitution. Im Rotlichtmilieu in der Nachkriegszeit waren vorwiegend deutsche Frauen beschäftigt – nicht selten von Zuhältern zur Prostitution gezwungen. Oftmals allerdings bestimmten Sachzwänge ihre Tätigkeit: Heilbronn war gegen Ende des zweiten Weltkrieges stark zerstört worden, und Gelegenheitsprostitution war ein Mittel, ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit zu erhalten.

Freilich gab es damals wie heute Frauen, deren Weg nicht mittels irgendeiner Form von Zwang oder Gewalt in die Prostitution führt, sondern die ihren Weg dahin frei wählen. In diesem Artikel geht es allerdings um diejenigen Frauen und Mädchen, deren Rechte statt geachtet „mit Füßen getreten“ werden; Frauen und Mädchen, die verkauft werden, weil sich auf ihre Kosten die einen bereichern und die anderen sexuell befriedigen.

Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution werden mittels Täuschung, Drohung oder Gewaltanwendung in ihren Heimatländern angeworben und im Zielland zur Prostitution gezwungen. Ihnen wird Falsches versprochen – z.B. eine Tätigkeit als Au-pair-Mädchen oder als Küchenhilfe. Manche wissen oder ahnen, dass sie in Deutschland als Prostituierte arbeiten werden. Jedoch sind ihnen weder die teilweise sklavenähnlichen Bedingungen bekannt, noch wissen sie, dass sie wie ein Gegenstand gehandelt und von Zuhältern ihrer Rechte beraubt werden. Die Opfer sind vor allem jüngere Frauen aus osteuropäischen Ländern. Ihnen selbst wie auch ihrer Familie im Heimatland wird massive Gewalt angedroht oder zugefügt.

Die Mitternachtsmission ist eine der spezialisierten Beratungsstellen für Opfer von Menschenhandel in Baden-Württemberg. Sie hat ihren Sitz in Heilbronn. Dort sind wir Mitarbeiterinnen telefonisch rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche erreichbar. Die Schutzwohnungen, die wir als Mitternachtsmission unterhalten und betreuen, befinden sich an verschiedenen, geheimen Orten in Baden-Württemberg.

Die betroffenen Frauen können sich direkt an uns wenden. In der Regel werden sie jedoch von den Dienststellen der Polizei, vom Landeskriminalamt (LKA) und von sozialen Einrichtungen (z.B. Frauenhäusern, Beratungsstellen, Bahnhofsmissionen) aus ganz Baden-Württemberg an uns vermittelt.

Die Strafverfolgung der Täter ist uns ein großes Anliegen

Zur Bekämpfung von Menschenhandel ist die Verurteilung der Täter unabdingbar. Die Praxis zeigt, dass die Täter häufig nur durch Zeugenaussagen gerichtlich überführt werden können.

Möchte die Betroffene jedoch nicht vor Gericht gegen ihre Peiniger aussagen – Gründe hierfür sind meist Angst vor Vergeltung und der Wunsch, die traumatischen Erlebnisse „hinter sich zu lassen“ – gilt ihr in gleichem Umfang unser Unterstützungsangebot. Während des 4-wöchigen Abschiebeschutzes können die Frauen in einer unserer geschützten Unterkünfte wohnen, erhalten Beratung sowie - wenn nötig - Lebensmittel, Hygieneartikel, Bekleidung und medizinische Versorgung. Sie können zur Ruhe kommen und mit unserer Mitwirkung die sichere Rückkehr in ihre Heimat vorbereiten. Wir vermitteln entsprechende Kontakte in den Herkunftsländern, damit die Frauen auch dort Unterstützung finden.

Manche der betroffenen Frauen entscheiden sich während dieser vier Wochen doch dafür, als Zeuginnen in einem Strafverfahren gegen die Täter auszusagen. Bei anderen steht dies schon fest, wenn sie von der Polizei oder dem LKA an uns vermittelt werden. Dies bedingt dann einen längeren Aufenthalt in Deutschland wie auch eine erhebliche Lebensgefahr bei einer eventuellen Rückkehr ins Herkunftsland.Schutz, soziale und berufliche Integration sowie Vorbereitung der Frau auf den Strafprozess und die psychosoziale Begleitung im Gerichtsverfahren sind in diesem Fall weiterführende Ziele und Aufgaben unserer Stelle.

Schutz, soziale und berufliche Integration sowie Hilfe bei der Rückkehr ins Heimatland

Die Integration der betroffenen Frauen wird durch Beratung, Seelsorge und Begleitung sowie Vermittlung in Gruppen und Vereine unterstützt. Mit Spendenmitteln finanzieren wir Deutschkurse. Praktika mit dem Ziel, die deutsche Sprache zu vertiefen, Arbeitsabläufe kennen zu lernen, das Selbstwertgefühl zu stärken, Interessen und Begabungen zu erkennen, fördern im nächsten Schritt die soziale wie auch berufliche Integration.

Manche der Frauen müssen nach dem Strafverfahren, das in der Regel erst nach über einem Jahr abgeschlossen ist, aus ausländerrechtlichen Gründen in ihr Herkunftsland zurückkehren. Andere wollen dies. Wir unterstützen die Rückkehrerinnen bei der Reintegration ins Herkunftsland.

Über die direkte Begleitung der betroffenen Frauen hinaus sind Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit wichtige Säulen unserer Arbeit als Fachberatungsstelle. Während vor einigen Jahren die umgehende Abschiebung der bei Razzien aufgegriffenen Opfer von Menschenhandel gängige Praxis war oder die Betroffenen nicht ausreichend betreut und beraten in Hotels untergebracht wurden, ist heute unser Angebot bekannter und wird von vielen Dienststellen der Kriminalpolizei in Anspruch genommen.

Vernetzung und Kooperation sind wesentlich für die Bekämpfung von Menschenhandel, ebenso wie unsere Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung für die Problematik. Diese beinhaltet jährlich mehr als 30 Vorträge, Info-Stände, Mitgestaltung von Gottesdiensten, Pressegespräche sowie Interviews in Rundfunk und Fernsehen. Dabei begegnen wir nicht nur Menschen, die durch einen „wachen Blick“ potenzielle Tatorte der Polizei melden könnten (Zwangsprostitution findet oftmals in ganz gewöhnlichen Wohnungen statt), sondern auch Freiern, die bewusst oder unbewusst die Augen davor verschließen, dass die sexuelle Dienstleistung nicht freiwillig erbracht wird.

Als diakonische Einrichtung setzen wir uns für diese Opfer moderner Sklaverei ein. Es entspricht unserem Leitbild, dass Gott den Menschen als sein Gegenüber geschaffen hat. Dies verleiht jedem Menschen – gerade aber diesen gedemütigten und verletzten Frauen – eine unaussprechliche Würde.

Alexandra Gutmann
Alexandra Gutmann
Leiterin der Mitternachtsmission Heilbronn
E-Mail: mitternachtsmission@diakonie-heilbronn.de
www.diakonie-heilbronn.de

MEHR Informationen
Unsere Flyer sind in dreizehn verschiedenen Sprachen erhältlich. Sie beschreiben unsere Unterstützungsangebote und sollen den Betroffenen, die meist über keine bzw. geringe deutsche Sprachkenntnisse verfügen, aufzeigen, dass wir parteilich für sie arbeiten.



Das ZITAT
Parteiliches Arbeiten meint, dass wir primär das Wohl der betroffenen Frau im Blick haben und mit ihr – entsprechend ihren Plänen, Zielen und Wünschen – Perspektiven erarbeiten.