AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 3 - 2/1998
   

Frau Lipp-Krüll, welchen Eindruck haben Sie von den Mainzer Tagen der Fernsehkritik mitgenommen?

Die 30. Mainzer Tage der Fernsehkritik haben mich sehr ermutigt. Die Klarheit der Analysen, die geistreichen Attacken, die Gelassenheit in den engagierten Diskussionen, das hat mir imponiert. Wichtig finde ich, daß wir als Frauen weder alle Schwestern sein müssen, noch alle ähnliche Ziele auf dem gleichen Weg erreichen wollen. Frauen haben unterschiedliche Interessen. Frauen sind sehr stark lebensphasenorientiert. Eine Vielfalt, die uns vermutlich schon sehr bald nicht nur am Arbeitsmarkt spürbare Vorteile gegenüber Männern verschaffen kann. Wir wissen längst, daß wir Dinge aufgeben müssen, um andere zu gewinnen.

Und wie steht's mit den "Televisionen"?

Wir haben uns in Mainz als gleichberechtigte Partnerinnen wahr- und ernstgenommen. Wir haben über Frauenbilder im Fernsehen nicht nur diskutiert, wir haben auch selbst Bilder produziert. Bilder, die anderen Frauen Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen. Intelligent, solidarisch und fair. Nicht als exotische Minderheit, sondern als bunte Mehrheit. "Managing Diversity", so könnten die nächsten Mainzer Tage der Fernseh-Kritik heißen. Aber die soll es ja wohl nicht mehr geben. Vielleicht wäre eine solche Tagung etwas für den neuen SWR?

Wo sehen Sie erfolgversprechende Ansätze, eine Chancengleichheit zu verwirklichen?

Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg unserer Arbeit ist und bleibt, daß Gleichstellung eines der Unternehmensziele wird. Es gilt, die Vielfalt der Talente aller Beschäftigten zu nutzen und entsprechend zu bewerten. "Managing Diversity" nennt man das in der Wirtschaft. Und genau darum geht es. Das braucht einen langen Atem und vor allem die volle Unterstützung des Top-Managements. Kompetenz und Engagement der Führungskräfte sind Voraussetzung dafür, das Unternehmen von oben nach unten zu verändern, im Denken und Handeln. Mitarbeiterförderung muß eines der Kriterien sein, an denen Führungsleistung gemessen wird.

Und wie läßt sich dieses Ziel erreichen?

Eigentlich ist alles ganz einfach: Wer selbst gut ist, sucht sich die besten Leute aus und fördert deren Entwicklung. Dann kommt man auch endlich weg von dem engen Begriff der "Frauenförderung". Dieser Begriff erweckt den Anschein, als hätten Frauen Defizite und bräuchten eine Art Sonderförderung, um mit Männern konkurrieren zu können. Frauen haben längst aufgeholt. Nur überholen läßt man sie nicht. Darum aber geht es: anhand der Kriterien Kompetenz, Eignung, Leistung und Integrität der Persönlichkeit Aufgaben und Verantwortung neu zu verteilen, nicht nach dem Geschlecht.

Wo sehen Sie Chancen für Frauen im SWR?

Die Chancen der Fusion von SDR und SWF aus Frauensicht liegen im Abbau alter Führungs- und Organisationsstrukturen: Die Verteilung von Leitungsfunktionen im SWR ist ein Balanceakt zwischen sehr unterschiedlichen Interessen. Hier rächt sich, daß SWF und SDR in Sachen Chancengleichheit und Frauen in Führungspositionen in guten Jahren so gut wie nichts getan haben. Jetzt wird Leitung zunächst unter denen aufgeteilt, die an den entsprechenden Stellen sitzen. Lichtblick: die Alterspyramide. Der größte Männeranteil in beiden Häusern findet sich in der Altersgruppe 5O - 59, der höchste Frauenanteil in der Altersgruppe 30 - 39 Jahre. Der Generationenwechsel zwingt also zum Handeln.

Was können die Frauenbeauftragten dazu noch beitragen?

Wir werden noch intensiver und kontinuierlich mit allen Personalverantwortlichen an einem umfassenden Personalentwicklungskonzept arbeiten. Hier können wir auch die Erfahrungen unserer Gleichstellungskolleginnen der anderen Sender mit Seminaren und Trainerinnen und Trainern einbringen. Frauen beim SWR können nur gewinnen. Und der SWR kann nur erfolgreich sein, wenn es ihm gelingt, die neue Vielfalt an Talenten in neuen Strukturen effizient zu nutzen. Das bringt neue Chancen für alle, Frauen wie Männer.

Das Interview mit Frau Lipp-Krüll führte Dr. Christiane Hug-von Lieven, Sozialministerium Baden-Württemberg.

Interview

Frau Lipp-Krüll

Frau Lipp-Krüll ist seit April 1995 Gleichstellungsbeauftragte des Südwestfunks in Baden-Baden. 1996 wurde sie nach Inkrafttreten des Landesgleich-
berechtigungsgetzes durch Wahl im Amt bestätigt. Anläßlich der letztjährigen Mainzer Tage der Fernsehkritik, die unter dem Motto "Weibsbilder und Televisionen" standen, hat sie die Frauenbeauftragten der ARD auf einem der Podien vertreten.