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Frau Lipp-Krüll, welchen Eindruck
haben Sie von den Mainzer Tagen der Fernsehkritik mitgenommen?
Die 30. Mainzer Tage der Fernsehkritik haben mich sehr ermutigt.
Die Klarheit der Analysen, die geistreichen Attacken, die Gelassenheit
in den engagierten Diskussionen, das hat mir imponiert. Wichtig
finde ich, daß wir als Frauen weder alle Schwestern sein müssen,
noch alle ähnliche Ziele auf dem gleichen Weg erreichen wollen.
Frauen haben unterschiedliche Interessen. Frauen sind sehr stark
lebensphasenorientiert. Eine Vielfalt, die uns vermutlich schon
sehr bald nicht nur am Arbeitsmarkt spürbare Vorteile gegenüber
Männern verschaffen kann. Wir wissen längst, daß
wir Dinge aufgeben müssen, um andere zu gewinnen.
Und wie steht's mit den "Televisionen"?
Wir haben uns in Mainz als gleichberechtigte Partnerinnen wahr-
und ernstgenommen. Wir haben über Frauenbilder im Fernsehen
nicht nur diskutiert, wir haben auch selbst Bilder produziert. Bilder,
die anderen Frauen Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen. Intelligent,
solidarisch und fair. Nicht als exotische Minderheit, sondern als
bunte Mehrheit. "Managing Diversity", so könnten
die nächsten Mainzer Tage der Fernseh-Kritik heißen.
Aber die soll es ja wohl nicht mehr geben. Vielleicht wäre
eine solche Tagung etwas für den neuen SWR?
Wo
sehen Sie erfolgversprechende Ansätze, eine Chancengleichheit
zu verwirklichen?
Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg unserer Arbeit
ist und bleibt, daß Gleichstellung eines der Unternehmensziele
wird. Es gilt, die Vielfalt der Talente aller Beschäftigten
zu nutzen und entsprechend zu bewerten. "Managing Diversity"
nennt man das in der Wirtschaft. Und genau darum geht es. Das braucht
einen langen Atem und vor allem die volle Unterstützung des
Top-Managements. Kompetenz und Engagement der Führungskräfte
sind Voraussetzung dafür, das Unternehmen von oben nach unten
zu verändern, im Denken und Handeln. Mitarbeiterförderung
muß eines der Kriterien sein, an denen Führungsleistung
gemessen wird.
Und
wie läßt sich dieses Ziel erreichen?
Eigentlich ist alles ganz einfach: Wer selbst gut ist, sucht sich
die besten Leute aus und fördert deren Entwicklung. Dann kommt
man auch endlich weg von dem engen Begriff der "Frauenförderung".
Dieser Begriff erweckt den Anschein, als hätten Frauen Defizite
und bräuchten eine Art Sonderförderung, um mit Männern
konkurrieren zu können. Frauen haben längst aufgeholt.
Nur überholen läßt man sie nicht. Darum aber geht
es: anhand der Kriterien Kompetenz, Eignung, Leistung und Integrität
der Persönlichkeit Aufgaben und Verantwortung neu zu verteilen,
nicht nach dem Geschlecht.
Wo
sehen Sie Chancen für Frauen im SWR?
Die Chancen der Fusion von SDR und SWF aus Frauensicht liegen im
Abbau alter Führungs- und Organisationsstrukturen: Die Verteilung
von Leitungsfunktionen im SWR ist ein Balanceakt zwischen sehr unterschiedlichen
Interessen. Hier rächt sich, daß SWF und SDR in Sachen
Chancengleichheit und Frauen in Führungspositionen in guten
Jahren so gut wie nichts getan haben. Jetzt wird Leitung zunächst
unter denen aufgeteilt, die an den entsprechenden Stellen sitzen.
Lichtblick: die Alterspyramide. Der größte Männeranteil
in beiden Häusern findet sich in der Altersgruppe 5O - 59,
der höchste Frauenanteil in der Altersgruppe 30 - 39 Jahre.
Der Generationenwechsel zwingt also zum Handeln.
Was
können die Frauenbeauftragten dazu noch beitragen?
Wir werden noch intensiver und kontinuierlich mit allen Personalverantwortlichen
an einem umfassenden Personalentwicklungskonzept arbeiten. Hier
können wir auch die Erfahrungen unserer Gleichstellungskolleginnen
der anderen Sender mit Seminaren und Trainerinnen und Trainern einbringen.
Frauen beim SWR können nur gewinnen. Und der SWR kann nur erfolgreich
sein, wenn es ihm gelingt, die neue Vielfalt an Talenten in neuen
Strukturen effizient zu nutzen. Das bringt neue Chancen für
alle, Frauen wie Männer.
Das Interview mit Frau Lipp-Krüll führte Dr. Christiane
Hug-von Lieven, Sozialministerium Baden-Württemberg.
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Interview
Frau Lipp-Krüll ist seit April 1995 Gleichstellungsbeauftragte
des Südwestfunks in Baden-Baden. 1996 wurde sie nach Inkrafttreten
des Landesgleich-
berechtigungsgetzes durch Wahl im Amt bestätigt. Anläßlich
der letztjährigen Mainzer Tage der Fernsehkritik, die unter
dem Motto "Weibsbilder und Televisionen" standen, hat
sie die Frauenbeauftragten der ARD auf einem der Podien vertreten.
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