| Frauen und Medien
von Margret Wittig-Terhardt, bis Anfang 1995 Finanzdirektorin
und Justitiarin beim SDR
1. Untersucht man die Gründe
für die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen,
so stößt man auch bei den Medien auf Rollenperspektiven
und Rollenverhalten der Geschlechter: "Als Frau" hat man
es "weit gebracht", wird man bewundert oder bedauert ob
der großen Verantwortung in einer Führungsposition; "Als
Frau" ist man "zu größerer Leistung verpflichtet",
wird deswegen gefördert, behindert oder beargwöhnt; "Als
Frau" steht man da "Wie ein Mann", wenn Durchsetzungsvermögen
erkennbar wird. Und natürlich werden auch spezifische weibliche
Eigenschaften - größeres soziales Empfinden, Einfühlungsvermögen,
der "andere Blick", aber auch besondere Empfindlichkeiten
oder Ehrgeiz der Frau im Beruf zugewiesen. Wir alle kennen das weite
Feld von Vorurteilen, von Konflikten, von Erwartungen, von Chancen
und Nachteilen, die sich potentiell und de facto an die Geschlechterrollen
und ihre Muster anschließen.
2. Es ist durchaus nützlich,
sich solcher Wirkungen auch heute noch bewußt zu sein. Das
gilt auch im Medienbereich. Auch dort ist es darüber hinaus
interessant, den Berufsgruppen nachzugehen, in denen Frauen unterrepräsentiert
sind. Ich will nur einige aufzeigen: die in dieser Ausgabe beschriebene
Untersuchung für die Landesregierung kann ich um eine interessante
Differenzierung aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ergänzen:
die größere Zahl weiblicher Redakteurinnen findet sich
in den Kulturredaktionen; in den aktuellen Informationsbereichen
und auch im Sport bleiben sie deutliche Minderheit. Ferner sticht
hervor, daß es bei der Präsentation von Sendungen recht
viele weibliche Ansagerinnen und Moderatorinnen gibt; die große
Show wird dagegen fast ausnahmslos von Männern vorgeführt.
Je mehr Technik in den Medienberufen eine Rolle spielt, desto dünner
wird die Schicht der Frauen, die in diesem Feld konkurriert; es
gibt relativ viele Cutterinnen, aber weit mehr Kameramänner,
Techniker und Produzenten. Schon bei der Ausbildung zeigen sich
solche Unterschiede. Deshalb wird sich dieser Zustand auch nicht
so schnell ändern.
3. Nichts Neues also?! Die Aufforderung
an Politik, an die gesellschaftlichen Gruppen und an die Frauen
selbst, zu unterstützen, zu fördern, Netzwerke zu bilden
und sich zu engagieren, müßten danach nach den gleichen
Voraussetzungen ablaufen wie in anderen Berufen. Von der Notwendigkeit
dieser Aufforderung hat mich mein eigener Lebensweg in den Medien
überzeugt: Hin und wieder wurde ich gewahr, wie es doch erheblicher
Anstrengungen bedurfte, um nur kleine Schritte auf dem Weg zur Gleichstellung
zu machen und wie vor allem das Bewußtsein von Rollen, von
Chancen und Pflichten sich bis heute weit komplexer gestaltet hat
als ich es mir im jugendlichen Enthusiasmus vorgestellt hatte. "Was
wollet Se denn als Frau mit so viel Geld?" Dieser Satz ist
mir hängengeblieben aus meinem Einstellungsgespräch beim
Rundfunk im Jahr 1962. Ich hatte damals - mit Kindheitserinnerungen
an den Krieg und nach einer Jugend im demokratischen Aufbau - so
selbstverständlich den Gleichheitsgrundsatz im Kopf, daß
diese Frage damals genauso unannehmbar, ja unverschämt erschien,
wie wenn sie heute einer jungen Kollegin gestellt würde.
4. Neben den persönlichen
Erfahrungen vieler Medienfrauen und in Anbetracht des nunmehr vorliegenden
Zahlenmaterials darf das Besondere nicht vergessen werden: Wir alle
wissen, daß Bewußtseinsbildung der Vermittlung, also
des Mediums bedarf. Die demokratische und gesellschaftliche Entwicklung
unserer Gemeinwesens und der Einzelnen ist in den letzten Jahrzehnten
durch nichts mehr als durch die audiovisuellen Massenmedien geprägt.
Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Rechtsprechung nicht
aufgehört, die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
als konstitutiv für die Meinungsbildung und für die Demokratie
darzustellen; es hat deshalb mit vielen verantwortlichen Wissenschaftlern,
Politikern und gesellschaftlichen Repräsentanten die Verantwortung
der Medien in ihrer wortgemäßen Rolle als Mittler in
der Gesellschaft und für den Einzelnen eindringlich anzumahnen
und einzufordern.
Niemandem in unserer "Medienwelt" ist es daher gleichgültig,
was und wie die Information, Bildung und Unterhaltung vermittelt
wird. Und so kann es auch nicht unerheblich sein, wer die Kommunikatoren
dieser Medieninhalte sind. Im Gegenteil: an den Schaltstellen zur
Vermittlung von Information und Bildung, von sozialen und ethischen
Grundlagen müßte elementar das realisiert sein, was durch
die Medien vermittelt wird. Medienwirkung stellt sich durch die
Medienmacher ein. Frauen müssen an dieser Bewußtseinsbildung
in allen Feldern beteiligt sein. So tragen sie zu unserer gesellschaftlichen
Entwicklung entscheidend bei und prägen sie.
Es wäre interessant, von den Wirkungen her einmal dem Einfluß
der tatsächlichen Repräsentanz in einzelnen Medienberufen
nachzugehen. Hat etwa die Zahl von Frauen in aktuellen Redaktionen,
von Zeitungen und beim Rundfunk etwas mit dem Zustand von politischem
Bewußtsein zu tun?
Soviel ist festzuhalten: Wie die Medien insgesamt konstitutiv die
Gesellschaft prägen und fortentwickeln, so spiegelt sich das
Ergebnis solcher Prägung entsprechend der Zusammensetzung der
Medienschaffenden wider. Die verantwortliche Mitwirkung von Frauen
hat somit weit über die persönliche Rechtsstellung der
einzelnen Frau hinaus eine eminent gesellschaftliche Funktion.
5. Das Thema Frauen und Medien
umfaßt noch einen anderen Aspekt: die Darstellung der Frauen
in den Medien. Die Pekinger Weltfrauenkonferenz und auch die Nachfolgekonferenz
in Baden-Württemberg im Herbst 1996 haben sich eingehend mit
dieser Thematik befaßt. Die Medien - allen voran das Fernsehen
- haben nicht unerheblich dazu beigetragen, ein Bild der Frau in
unserer Gesellschaft zu entwerfen, das ihrem Rang und ihrer Menschenwürde
nicht gerecht wird: Die Fernsehfrau ist nicht berufstätig;
sie ist unpolitisch; als schöne jugendliche Frau steht sie
vor allem als Werbeträger im Mittelpunkt der Darstellung; und
sie ist nicht selten Objekt entwürdigender pornographischer
Darstellungen. - Solche wissenschaftlichen Befunde sind auch heute
aktuell.
Solchen Fakten zu begegnen, wäre vornehmlich
eine Aufgabe von Aufsichtsorganen in den Medienunternehmen selbst.
In diesem Zusammenhang ist es zu bedauern, daß z.B. im privaten
Rundfunkbereich - nach Kenntnis der Landesmedienanstalt Baden-Württemberg
- so gut wie keine Frauen in den Aufsichtsgremien oder Beiräten
sitzen. Daß im Gesetz für den neuen öffentlich-rechtlichen
Südwestrundfunk die Zahl der vorgeschriebenen Frauenvertreterinnen
herabgesetzt wurde, und die Tatsache, daß die bestimmenden
Parteien und Gruppen keine nennenswerte Zahl von Frauen in die SWR-Gremien
entsandt haben (insgesamt 11 von 89 Mitgliedern), muß auch
insofern bedenklich stimmen.
Frauenpolitik mit dem Ziel der Gleichstellung bleibt
auch für die Medien - 50 Jahre nach dem Grundgesetz - ein höchst
aktuelles Thema.
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Die Repräsentanz von Frauen in den Medien
und das Ausmaß der Unterrepräsentanz von Frauen in den
Führungspositionen der Medien wird nachhaltig durch die vom Sozialministerium
in Auftrag gegebene Studie deutlich. |