AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 3 - 2/1998
   

Frauen und Medien

von Margret Wittig-Terhardt, bis Anfang 1995 Finanzdirektorin und Justitiarin beim SDR

1.  Untersucht man die Gründe für die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen, so stößt man auch bei den Medien auf Rollenperspektiven und Rollenverhalten der Geschlechter: "Als Frau" hat man es "weit gebracht", wird man bewundert oder bedauert ob der großen Verantwortung in einer Führungsposition; "Als Frau" ist man "zu größerer Leistung verpflichtet", wird deswegen gefördert, behindert oder beargwöhnt; "Als Frau" steht man da "Wie ein Mann", wenn Durchsetzungsvermögen erkennbar wird. Und natürlich werden auch spezifische weibliche Eigenschaften - größeres soziales Empfinden, Einfühlungsvermögen, der "andere Blick", aber auch besondere Empfindlichkeiten oder Ehrgeiz der Frau im Beruf zugewiesen. Wir alle kennen das weite Feld von Vorurteilen, von Konflikten, von Erwartungen, von Chancen und Nachteilen, die sich potentiell und de facto an die Geschlechterrollen und ihre Muster anschließen.

2.  Es ist durchaus nützlich, sich solcher Wirkungen auch heute noch bewußt zu sein. Das gilt auch im Medienbereich. Auch dort ist es darüber hinaus interessant, den Berufsgruppen nachzugehen, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Ich will nur einige aufzeigen: die in dieser Ausgabe beschriebene Untersuchung für die Landesregierung kann ich um eine interessante Differenzierung aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ergänzen: die größere Zahl weiblicher Redakteurinnen findet sich in den Kulturredaktionen; in den aktuellen Informationsbereichen und auch im Sport bleiben sie deutliche Minderheit. Ferner sticht hervor, daß es bei der Präsentation von Sendungen recht viele weibliche Ansagerinnen und Moderatorinnen gibt; die große Show wird dagegen fast ausnahmslos von Männern vorgeführt. Je mehr Technik in den Medienberufen eine Rolle spielt, desto dünner wird die Schicht der Frauen, die in diesem Feld konkurriert; es gibt relativ viele Cutterinnen, aber weit mehr Kameramänner, Techniker und Produzenten. Schon bei der Ausbildung zeigen sich solche Unterschiede. Deshalb wird sich dieser Zustand auch nicht so schnell ändern.

3.  Nichts Neues also?! Die Aufforderung an Politik, an die gesellschaftlichen Gruppen und an die Frauen selbst, zu unterstützen, zu fördern, Netzwerke zu bilden und sich zu engagieren, müßten danach nach den gleichen Voraussetzungen ablaufen wie in anderen Berufen. Von der Notwendigkeit dieser Aufforderung hat mich mein eigener Lebensweg in den Medien überzeugt: Hin und wieder wurde ich gewahr, wie es doch erheblicher Anstrengungen bedurfte, um nur kleine Schritte auf dem Weg zur Gleichstellung zu machen und wie vor allem das Bewußtsein von Rollen, von Chancen und Pflichten sich bis heute weit komplexer gestaltet hat als ich es mir im jugendlichen Enthusiasmus vorgestellt hatte. "Was wollet Se denn als Frau mit so viel Geld?" Dieser Satz ist mir hängengeblieben aus meinem Einstellungsgespräch beim Rundfunk im Jahr 1962. Ich hatte damals - mit Kindheitserinnerungen an den Krieg und nach einer Jugend im demokratischen Aufbau - so selbstverständlich den Gleichheitsgrundsatz im Kopf, daß diese Frage damals genauso unannehmbar, ja unverschämt erschien, wie wenn sie heute einer jungen Kollegin gestellt würde.

4.  Neben den persönlichen Erfahrungen vieler Medienfrauen und in Anbetracht des nunmehr vorliegenden Zahlenmaterials darf das Besondere nicht vergessen werden: Wir alle wissen, daß Bewußtseinsbildung der Vermittlung, also des Mediums bedarf. Die demokratische und gesellschaftliche Entwicklung unserer Gemeinwesens und der Einzelnen ist in den letzten Jahrzehnten durch nichts mehr als durch die audiovisuellen Massenmedien geprägt. Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Rechtsprechung nicht aufgehört, die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als konstitutiv für die Meinungsbildung und für die Demokratie darzustellen; es hat deshalb mit vielen verantwortlichen Wissenschaftlern, Politikern und gesellschaftlichen Repräsentanten die Verantwortung der Medien in ihrer wortgemäßen Rolle als Mittler in der Gesellschaft und für den Einzelnen eindringlich anzumahnen und einzufordern.

Niemandem in unserer "Medienwelt" ist es daher gleichgültig, was und wie die Information, Bildung und Unterhaltung vermittelt wird. Und so kann es auch nicht unerheblich sein, wer die Kommunikatoren dieser Medieninhalte sind. Im Gegenteil: an den Schaltstellen zur Vermittlung von Information und Bildung, von sozialen und ethischen Grundlagen müßte elementar das realisiert sein, was durch die Medien vermittelt wird. Medienwirkung stellt sich durch die Medienmacher ein. Frauen müssen an dieser Bewußtseinsbildung in allen Feldern beteiligt sein. So tragen sie zu unserer gesellschaftlichen Entwicklung entscheidend bei und prägen sie.

Es wäre interessant, von den Wirkungen her einmal dem Einfluß der tatsächlichen Repräsentanz in einzelnen Medienberufen nachzugehen. Hat etwa die Zahl von Frauen in aktuellen Redaktionen, von Zeitungen und beim Rundfunk etwas mit dem Zustand von politischem Bewußtsein zu tun?

Soviel ist festzuhalten: Wie die Medien insgesamt konstitutiv die Gesellschaft prägen und fortentwickeln, so spiegelt sich das Ergebnis solcher Prägung entsprechend der Zusammensetzung der Medienschaffenden wider. Die verantwortliche Mitwirkung von Frauen hat somit weit über die persönliche Rechtsstellung der einzelnen Frau hinaus eine eminent gesellschaftliche Funktion.

5.  Das Thema Frauen und Medien umfaßt noch einen anderen Aspekt: die Darstellung der Frauen in den Medien. Die Pekinger Weltfrauenkonferenz und auch die Nachfolgekonferenz in Baden-Württemberg im Herbst 1996 haben sich eingehend mit dieser Thematik befaßt. Die Medien - allen voran das Fernsehen - haben nicht unerheblich dazu beigetragen, ein Bild der Frau in unserer Gesellschaft zu entwerfen, das ihrem Rang und ihrer Menschenwürde nicht gerecht wird: Die Fernsehfrau ist nicht berufstätig; sie ist unpolitisch; als schöne jugendliche Frau steht sie vor allem als Werbeträger im Mittelpunkt der Darstellung; und sie ist nicht selten Objekt entwürdigender pornographischer Darstellungen. - Solche wissenschaftlichen Befunde sind auch heute aktuell.

Solchen Fakten zu begegnen, wäre vornehmlich eine Aufgabe von Aufsichtsorganen in den Medienunternehmen selbst. In diesem Zusammenhang ist es zu bedauern, daß z.B. im privaten Rundfunkbereich - nach Kenntnis der Landesmedienanstalt Baden-Württemberg - so gut wie keine Frauen in den Aufsichtsgremien oder Beiräten sitzen. Daß im Gesetz für den neuen öffentlich-rechtlichen Südwestrundfunk die Zahl der vorgeschriebenen Frauenvertreterinnen herabgesetzt wurde, und die Tatsache, daß die bestimmenden Parteien und Gruppen keine nennenswerte Zahl von Frauen in die SWR-Gremien entsandt haben (insgesamt 11 von 89 Mitgliedern), muß auch insofern bedenklich stimmen.

Frauenpolitik mit dem Ziel der Gleichstellung bleibt auch für die Medien - 50 Jahre nach dem Grundgesetz - ein höchst aktuelles Thema.



Die Repräsentanz von Frauen in den Medien und das Ausmaß der Unterrepräsentanz von Frauen in den Führungspositionen der Medien wird nachhaltig durch die vom Sozialministerium in Auftrag gegebene Studie deutlich.