AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 29 - 3/2005
   

Allein Leben mit Kindern

Als die Lehrerin Luise Schöffel 1967 in Herrenberg den Verein lediger Mütter gründete, schrieb ihr eine „Stimme aus dem Volk“: „Es ist eine Schande, dass Sie als Lehrerin ein uneheliches Kind haben und eine Unverschämtheit ohnegleichen, auch noch einen Verband solchener sittenloser Weiber zu gründen...“

Nun, seit 1967 haben sich die Familienformen gewandelt. Viele Ehen halten nicht „bis dass der Tod sie scheidet“, sondern enden vor dem Scheidungsgericht. Manchen Kindern nimmt der Tod Mutter oder Vater zu früh. 1967 gab es in der damaligen Bundesrepublik 564 000 „Halbfamilien mit Kindern unter 18 Jahren“. Das waren 7% der Familien. 2004 liegt die Zahl der Alleinerziehenden in der Bundesrepublik bei zwei Millionen, in Baden-Württemberg bei 296 000 (18%). Die „ledigen Mütter“ sind in der Minderheit. Die Mehrheit der Alleinerziehenden ist geschieden (41%), getrennt lebend (13%) oder verwitwet (28%). Rund 10% der Alleinerziehenden sind Väter.

Der Verband trug dieser Entwicklung Rechnung. Er wandelte sich zum Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). Bis 1990 war der VAMV überwiegend ein Dachverband von Selbsthilfegruppen. Geschiedene und ledige Mütter und Väter, die sich aus der „heilen“ Familienwelt ausgegrenzt fühlten, suchten Rat, Kontakt und Verständnis bei anderen in gleicher Situation.

Jährlich steigende Scheidungsraten haben die Lage weiter verändert. 2005 sind in manchen Städten 20–40 % der Familien alleinerziehend. Zwar bieten Familienberatungsstellen den Familien bei Problemen oder in Trennungssituationen Hilfen, ebenso die Jugendämter im Rahmen der Beistandschaft. Das „Neue Kindschaftsrecht“ 1998 brachte die rechtliche Gleichstellung aller Kinder, ob in oder außerhalb einer Ehe geboren, und verstärkte den Trend zur Gemeinsamen Sorge getrennt lebender Eltern für ihre Kinder. Aber jede Familie hat ihre eigene Konstellation, auf die Ämter und Gesetze oft keine passgenaue Antwort finden. Viele individuelle Fragen und manchmal ausweglos scheinende Fallschilderungen erreichen den VAMV.

Lobby der Alleinerziehenden

Alle Parteien erheben „Familienfreundlichkeit“ zum 1. Gebot – aber Eltern ohne Trauschein bleiben weiterhin benachteiligt. „Das Bild, das die Öffentlichkeit von Alleinerziehenden hat – die allein erziehenden jungen Mütter mit Kleinkind in ökonomisch schwierigen Verhältnissen – trifft nur auf eine Minderheit zu“ stellt Dr. Eggen vom Statistischen Landesamt fest. Nur – wer korrigiert dieses Vorurteil? Manch eine Alleinerziehende verschweigt mittlerweile ihren Familienstatus, um die Standardantwort: „Sie sind alleinerziehend – also leben Sie von Sozialhilfe?“ zu vermeiden.

In Wirklichkeit stellen Alleinerziehende den Großteil der Frauen, die die Vereinbarung von Familie und Beruf – und dies unter erschwerten Bedingungen – leben. „Alleinerziehende sind eher älter als jünger und haben oft schon ältere Kinder. Die Einkommenssituation alleinerziehender Frauen ist sehr unterschiedlich; Vollzeiterwerb schützt nicht immer vor Einkommensarmut“, so Eggen.

In Baden-Württemberg sind 78% der Alleinerziehenden berufstätig. Aber: jede vierte lebt trotz Erwerbstätigkeit mit ihrer Familie in Einkommensarmut. Denn Teilzeitarbeit – und dies, um auch den Kindern gerecht werden zu können – führt zu niedrigem Einkommen und setzt sich fort in niedriger Rentenerwartung. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, das gilt häufig nicht. Die Frauendomänen Handel und Pflege gehören zu den Niedriglohn-Sektoren. Und viel zu oft bleiben Unterhaltszahlungen für die Kinder aus. Würden die Frauen alleine leben, könnten sie ihren eigenen Lebensunterhalt sichern und komfortabel leben. Aber zusätzlich zur Familienarbeit auch noch Alleinbeschafferin der materiellen Existenzmittel zu sein, das überlastet und kann zum körperlichen Zusammenbruch führen.

Darüber hinaus führte die Steuerreform 2002 durch Streichung des Haushaltsfreibetrags von 2871 Euro zu sinkenden Nettolöhnen Alleinerziehender (2005 ersetzt durch einen Entlastungsbetrag von 1371 Euro).

Kinderbetreuungsplätze sichern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber wenn die Kinderbetreuung zu teuer ist und diese unvermeidbare Ausgabe steuerlich nicht geltend gemacht werden kann, wird für manch eine Alleinerziehende die Berufstätigkeit zum finanziellen Nullsummenspiel. Erschwerend hinzu kommt unser „Flickenteppich Kinderbetreuung“ mit regional unterschiedlichen Organisations- und Gebührenstrukturen.

Warum die Verwunderung über sinkende Geburtenraten?

Deutschland ist aufgeschreckt durch die steigende Kinderlosigkeit vor allem gut qualifizierter Frauen. Gerade diese Frauen schätzen realistisch ein, dass Ehe nicht mehr lebenslange Versorgung sichert, dass ihre Chance, allein erziehend zu werden, 50 % beträgt. Sie wissen: Alleinerziehende besetzen seit Jahren die Spitzenplätze der Tabellen der niedrigsten Pro-Kopf- und Familien-Einkommen (alleinstehende Männer dagegen die Spitzenplätze der Höchsteinkommen). Sie wissen, wie viel Mühe, Management und Fantasie ihnen das Alleinerziehen abverlangen würde und welches Ansehen diese Gesellschaft ihnen entgegenbrächte. Wer will sich denn sehenden Auges in eine Problemgruppe einreihen? Dann verzichtet frau eben auf das „Abenteuer Kind“.

Antworten gibt es für die verwunderte Nation. So zeigt die Studie „Emanzipation oder Kindergeld“ auf: „Berufstätigkeit von Frauen und Kinder sind kein Widerspruch. Betreuungseinrichtungen für Kinder im Vorschulalter führen nicht direkt zu höheren Geburtenraten, auch nicht „stabile Familienstrukturen“. Der Rückgang der Geburtenrate auf niedrige Werte (Spanien, Griechenland, Deutschland) ist dort am stärksten ausgeprägt, wo Frauen weitgehend emanzipiert sind, der Rest der Gesellschaft aber auf traditionellem Entwicklungsstand verharrt. Gesellschaften jedoch, in denen die neue Rolle der Frauen anerkannt wird, zeichnen sich durch relativ hohe Kinderzahlen aus. Wo die Berufstätigkeit der Frau akzeptiert ist, wo Beziehungen ohne Trauschein und außereheliche Kinder als normal gelten...“, dort lassen sich auch im 3. Jahrtausend Frauen auf Kinder ein.

Sigrid grantner
Sigrid Grantner
Geschäftsführerin Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) Landesverband E-Mail: info@vamv-bw.de

 

BUCHTipp
Emanzipation oder Kindergeld?
Wie sich die unterschiedlichen Kinderzahlen in den Ländern Europas erklären, Kröhnert, S. / van Olst, N. / Klingholz, R., Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hrsg.), 2004.





MEHR Informationen
„Allein erziehend – Tipps und Informationen“, Ratgeber, 15. Aufl. 2004 „Wegweiser für den Umgang nach Trennung und Scheidung Verband alleinerziehender Mütter und Väter eV www.vamv-bundesverband.de