AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 27 - 1/2005
   

Höfische Damen als Vorbilder?

  Was hat Sie als Historikerin bewogen, sich auf das Thema Frauen zu spezialisieren?

Während meines Referendariats nahm ich als Beobachterin an einer Unterrichtseinheit zur Deutschen Revolution von 1918/19 teil. Der Lehrer stellte die Standardfrage, welche Errungenschaften diese Revolution gebracht habe. Mit allgemeinen Antworten – wie Abschaffung der Monarchie und Konstituierung der Republik – gab er sich nicht zufrieden. Vielmehr wollte er genauer wissen, wer von dieser Zäsur besonders profitiert habe. Ratlosigkeit breitete sich im Klassenraum aus, auch ich wusste nicht, vorauf er hinauswollte, bis er uns schließlich mit einer gezielten Provokation auf die Sprünge half: „Ihr Mädchen, ihr solltet es eigentlich wissen!“ Na klar, er meinte das allgemeine passive und aktive Frauenwahlrecht! An diesem einprägsamen Beispiel ist mir damals– anfangs der 1980er Jahre – aufgegangen, was heute zum Allgemeingut der historischen Frauen- und Geschlechterforschung gehört, dass nämlich historische Ereignisse auf Männer und Frauen ganz unterschiedliche Auswirkungen haben können und dass die Berücksichtigung der Kategorie „Geschlecht“ nicht nur eine wesentliche Bereicherung für die wissenschaftliche Erkenntnis bedeutet, sondern ganz allgemein auch für das gesellschaftliche Bewusstsein.

   
  Spielen die Leistungen von Frauen in den Vorlesungen eine Rolle?

Die Frauen- und Geschlechtergeschichte hat auch an den deutschen Universitäten Einzug gehalten. Es gibt vereinzelt Professuren für Frauen- und Geschlechtergeschichte (leider aber nicht in Baden-Württemberg!) und so genannte Denominationen von Professuren, d.h. die jeweilige Stelleninhaberin oder der jeweilige Stelleninhaber ist dazu verpflichtet, neben anderem auch diese historische Disziplin zu betreuen. Darüber hinaus gibt es mittlerweile Professorinnen „klassischer“ historischer Disziplinen, deren Hochschulkarriere bereits die Frauen- und Geschlechtergeschichte begleitete und die nun frauen- und geschlechtergeschichtliche Aspekte ganz stillschweigend und selbstverständlich in ihr „allgemeines“ Lehrangebot einfließen lassen.

Dies könnte zu der Schlussfolgerung verleiten, die Frauen- und Geschlechtergeschichte habe sich innerhalb der letzten dreißig Jahre akademisch etabliert. Tatsächlich ist keine Euphorie angesagt. Vielmehr sehe ich die Gefahr, dass sie angesichts der schwierigen ökonomischen Situation zum verzichtbaren „Orchideenfach“ mit Forschungsinhalten von nachgeordneter Priorität abqualifiziert wird. Auch sind wir noch weit von der Frauen- und Geschlechtergeschichte als Querschnittsfach der Geschichtswissenschaft entfernt. Um dieses Ziel zu erreichen, wird mitentscheidend sein, dass sie endlich – und nicht nur alibihalber – in den Kreislauf Universität und Schule eingespeist wird. Mit ihrer umfassenden Verankerung in den Lehrplänen müsste sich auch das Lehrangebot an den Universitäten einschneidend verändern. Vergleichbares gilt für die Kreisläufe Universität und Museumswesen sowie Universität und Archivwesen, denn auch eine verstärkte Einbeziehung der Kategorie „Geschlecht“ in die Arbeit und die Angebot von Museen und Archiven trüge wesentlich zur wirksamen universitären Verankerung bei.

   
  Was fasziniert Sie an den „höfischen Damen“, Ihrem Forschungsschwerpunkt?

Während meines Geschichtsstudiums an der Universität Tübingen, bei dem ich den Schwerpunkt auf die Landesgeschichte gelegt hatte, stieß ich auf die „Landverderberin“ Grävenitz. Dieser Mätresse des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg wurde vorgeworfen, die Politik des absolutistischen Herzogtums sehr negativ beeinflusst zu haben. Erstaunlicherweise korrespondierte der Bekanntheitsgrad dieser Frau jedoch in keiner Weise mit einer profunden Forschungslage. So beschäftigte ich mich schließlich im Rahmen meiner Dissertation an der Universität Stuttgart mit den Macht-, oder richtiger den Einflussmöglichkeiten von Frauen am Hof und ihren Handlungsspielräumen und mit der Konstruktion des Mythos, der sie umgibt.

   
  Können Frauen, die vor 200 Jahren lebten, in unserer heutigen Zeit Vorbilder sein?

Ja durchaus, sofern Sie unter „Vorbild“ kein unkritisch konstruiertes, „starkes“ weibliches Identifikationsmuster meinen. Dazu taugen die Frauen bei Hof als Angehörige einer kleinen, elitären Bevölkerungsgruppe für unser demokratisches Zeitalter wirklich nicht! Aber wir können aus ihren faszinierenden Biografien einiges lernen, womit sie zu Vorbildern im Sinne von Anschauungsobjekten werden. Etwa, dass es für Frauen im Laufe der Geschichte sehr unterschiedliche Phasen gab, was ihre Möglichkeit anbelangt, Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen; dass ihre Geschichte von Errungenschaften und Verlusten geprägt ist und dass wohl der Persönlichkeitsfaktor eine wichtige Rolle spielt, aber nicht weniger die jeweiligen rechtlichen, ökonomischen und sozialen Umstände, unter denen Frauen zu unterschiedlichen Zeiten lebten.

   
  Wie können wir die Leistungen von Frauen stärker ins öffentliche Bewusstsein bringen?

Wir sollten über die Erinnerung an einzelne Frauen hinausgehend die Frauen- und Geschlechtergeschichte umfassend ins öffentliche Bewusstsein rücken. Ansatzpunkte dazu gibt es verschiedene, wie die bereits genannte Einbindung der Frauen- und Geschlechtergeschichte in den universitären Wissens- und Lehrkanon. Oder die beginnende Öffnung der schulischen Lehrpläne für diese Disziplin. Oder eine verstärkte Verankerung von Frauen im kollektiven Gedächtnis. Um diesen abstrakten Begriff etwas anschaulicher zu machen: Benennung von Forschungsprogrammen nach Frauen oder Straßenbenennungen sind dazu eine Möglichkeit. Entscheidend wird aber sein, dass engagierte Wissenschaftlerinnen institutionell und finanziell auf Dauer abgesichert werden. Das gilt für Schulen und Universitäten gleichermaßen wie für Archive und Museen - und für die Wissensvermittlung über die Medien.

   
  Sie waren in Stuttgart Gründungsmitglied eines der ersten Frauengeschichtsvereine. Welche Impulse sind von dem Verein ausgegangen?

Der Verein Stuttgarter Frauenmuseum e.V. hat die in den 1980er Jahren beginnende Beschäftigung mit der lokalen Frauengeschichte erstmals institutionalisiert. Mit Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen hat er zur Popularisierung der Lokalgeschichte aus weiblicher Perspektive beigetragen. Aus seiner Mitte ging darüber hinaus der Impuls zur Gründung des äußerst aktiven Netzwerks Frauen & Geschichte Baden-Württemberg hervor. Nach über 15 Jahren ist allerdings Wehmut angebracht: Momentan hat sich das weit gehend ehrenamtliche Engagement erschöpft und es sieht – bewusst pathetisch ausgedrückt - ganz danach aus, als ob die lokalen Fürsprecherinnen der Frauen- und Geschlechtergeschichte verstummen. Ob der rege Einsatz auf Landesebene diesen Verlust auszugleichen vermag, wage ich zu bezweifeln.

Interview

Sybille Oßwal-Bardende
Dr. Sybille Oßwald-Bargende, Stuttgart, ist Autorin des Buches „Die Mätressen, der Fürst und die Macht. Christina Wilhelmina von Grävenitz und die höfische Gesellschaft“, Frankfurt/Main 2000