AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 27 - 1/2005
   

Lauter Frauen – eine Serie in der SWR-Landesschau

Von Karin Theis-Sina, Südwestrundfunk Stuttgart

Hermann Hesse, Graf Zeppelin und Ferdinand Porsche, ohne Zweifel große Männer, die in der Landesschau- Serie „Tüftler, Stars und Denker“ zu Recht porträtiert wurden. Aber, so fragten die Kolleginnen in der Redaktion, wo bleiben die Frauen? Unvorstellbar, dass außer der Pythia vom Bodensee, Elisabeth Noelle-Neumann, und der Verlegerin Aenne Burda keine Frauen in die nähere Auswahl dieser Männer-Serie kamen. „Es gibt halt keine“, wurde uns lapidar beschieden. Wir bewiesen mit unserer Serie „Lauter Frauen – aufgespürt in Baden-Württemberg“ im Jahr darauf das Gegenteil. Nach nur wenigen Recherchetagen in der Stuttgarter Landesschauredaktion und einer Aufforderung der Kolleginnen und Kollegen in den acht SWR-Außenstudios, in ihrem Gäu nach interessanten Frauen Ausschau zu halten, lagen uns 150 Vorschläge für Frauenportraits vor. Frauen von heute ebenso wie herausragende historische Frauengestalten. Und nahezu alle wären einFilmportrait wert gewesen. Es gab und gibt sie, ungewöhnliche und erfolgreiche Frauen.

 

 

 

     

Viele von ihnen waren bis dato nahezu unbekannt, schliefen als kurze Aktennotiz einen Dornröschenschlaf und schienen nur darauf zu warten, von uns wieder zum Leben erweckt zu werden. Eine Herausforderung für uns als Filmemacherinnen. Wie erzählt man das Leben einer Frau wie Gerta Taro, die als erste Kriegsberichterstatterin im Spanischen Bürgerkrieg sehr jung von einem Panzer überrollt wurde? Und wie erzählt man diese Geschichte in Bildern, optisch spannend? Anders als unsere Kolleginnen von den Printmedien oder vom Hörfunk sind wir Fernsehjournalistinnen auf Bilder angewiesen. Welch Glück, wenn bei der Recherche eine engagierte Biografin wie Irme Schaber auftaucht, die eine private Erbschaft und drei Jahre ihrer Zeit eingesetzt hat, um auf den Spuren der mutigen Stuttgarterin zu wandeln und ein wunderbares Buch über sie zu schreiben. Und die nicht zögerte, uns ihre Erkenntnisse und ihr Fotomaterial zur Verfügung zu stellen.

Wir trafen eine Auswahl von 50 Frauen, die Hälfte von ihnen quicklebendig und uns meistens wohlbekannt, die andere Hälfte Frauen aus der Vergangenheit, berühmte wie Clara Zetkin, die rote Emanze, weniger bekannte wie Emilie Zumsteeg, eine hervorragende Musikerin aus dem 19. Jahrhundert.

Begonnen haben wir mit der Serie am 8. März 2000, dem Internationalen Frauentag, natürlich mit einem Portrait von Clara Zetkin, die den Frauentag in Deutschland eingeführt hat. Ein Jahr lang lief die Serie jeden Mittwoch in der Landesschau, rund fünf Minuten standen uns pro Frau zur Verfügung. Das ist die übliche Länge für einen Magazinbeitrag in der Landesschau, und tatsächlich kann man in fünf Minuten ein relativ komplexes Bild einer Person zeichnen.

Dennoch wollten wir es nicht bei diesen kurzen Magazinbeiträgen belassen, sondern unsere Rechercheergebnisse noch in eine andere Form gießen. Ein Nachschlagewerk für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer schwebte uns vor, etwas „Bleibendes“, das nicht in fünf Minuten im Äther verpufft. „Lauter Frauen – aufgespürt in Baden-Württemberg“ kam beim Conrad Theiss Verlag heraus, ein Kaleidoskop ganz unterschiedlicher Frauen, ein spannender Bilderbogen, der deutlich macht, dass es weder früher noch heute einfach war, einen eigenen, ungewöhnlichen Weg zu gehen.

Bei unserer Pressekonferenz waren 150 Frauen und einige Männer. Die Karikaturistin Marie Marcks, die Komponistin Fanny Solter und Helga Breuninger saßen neben uns Macherinnen auf dem Podium. Als Gäste kamen Mascha Riepl-Schmidt, die Clara Zetkin Expertin, Irme Schaber, die Taro-Biografin und Welf Schröter, der in seinem Thalheimer Verlag die Schriften von Carola Bloch herausgibt und noch zu ihren Lebzeiten daran gedacht hatte, stundenlange Interviews mit ihr aufzuzeichnen. All diese Menschen haben uns großzügig an ihren eigenen Arbeitsergebnissen partizipieren lassen. Und es kamen Journalistinnen, die über unser Projekt berichtet haben.

  Gerta Taro
Gerta Taro
     

„Lauter Frauen – aufgespürt in Baden-Württemberg“:
Monika Auweter-Kurtz, Raumfahrtprofessorin Julie Bassermann, Vorreiterin der Frauenbildung Bertha Benz, erste Fernfahrerin der Welt Karola Bloch, Kommunistin und Bürgerrechtlerin Helga Breuninger, Psychologin und Impulsgeberin Annette von Droste-Hülshoff, Dichterin am Bodensee Cora E., Rapperin aus Heidelberg Gudrun Ensslin, Studentin und Terroristin Claudia Gehrke, Verlegerin in Tübingen Monika Gerstendörfer, Menschenrechtlerin Christiane Wilhelmine Friederike von Grävenitz, Mätresse des Herzogs Agnes Günther, Pfarrfrau und Schriftstellerin Ursula Haffner, Bodygard . Regina Halmich, Profiboxerin Lilo Herrmann, alleinerziehend im Widerstand Elly Heuss-Knapp, Politikerin und Werbefachfrau Nina Hoss, Schauspielerin Marie Luise Kaschnitz, Schriftstellerin Katharina Kepler, überlebt langen Hexenprozess Königin Katharina von Württemberg, Begründerin der Sozialpolitik Ida Kerkovius, Künstlerin

Maren KroymannMaren Kroymann, Kabarettistin und Schauspielerin: Als Pfarrersgattin Claudia Wiegand kennt man sie, schwäbisch-intellektuell, alternativ- gesittet, unheilig-verführerisch aus der ARD-Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“. Wenn sie nicht schauspielert, hält sie ihrem Publikum als Kabarettistin einen Spiegel vor. Nicht nur, aber mit besonderer Vorliebe geht’s dabei um weibliche Rollenklischees. Aufgewachsen ist Maren Kroymann in Tübingen, in einem Zuhause mit vier älteren Brüdern. Der Vater ist Professor für klassische Philologie, die Mutter promovierte Romanistin, die sich ausschließlich um Mann und Kinder kümmert. Sie sorgt dafür, dass ihre einzige Tochter ein humanistisches Gymnasium besucht. Weil „das Kind“ so schüchtern ist, schickt die Mutter es ins Ballett, nach Stuttgart zum großen John Cranko.

Felicia Langer, Menschenrechts-Anwältin Sophie von La Roche, Schriftstellerin vor 1800 Gabi Lauton, Modemacherin Maria von Linden, erste Studentin in Württemberg Friederike Luise Löffler, Köchin als Bestsellerautorin Löwenfrau von der Schwäbischen Alb Marie Marcks, Lady Courage der Karikatur Mechthild von der Pfalz, Mutter der Universitäten Elisabeth Moltmann-Wendel, feministische Theologin Ingrid Noll, Krimiautorin rosalie, Erfolgsstory einer „artaholic“ Gundi Scharpf, Tierpflegerin und Affenmutter Maria Sara Schemann, Tänzerin und Tanzpädagogin Helene Schoettle, Fürsprecherin der Armen Sophie Scholl, Mitglied der „Weißen Rose“ Schwester Simone, Mutter der Obdachlosen Fany Solter, Pianistin, Pädagogin, Rektorin Agata Streicher, Ärztin ohne Universitätsstudium Gerta Taro, Fotoreporterin im Bürgerkrieg Frieda Unger, die „Rosa Luxemburg von Lahr“ Leonore Volz, Pfarrerin der ersten Generation

Herta Maria WitzemannHerta Maria Witzemann, Innenarchitektin: Sie hat es genossen, die Star- Innenarchitektin Deutschlands zu sein. Gern ließ sie sich feiern und als ihr 1994 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, nahm sie es ohne falsche Bescheidenheit freudig entgegen. Auf Du und Du stand sie nicht nur in Stuttgart mit jedem von Rang und Namen, auch Bundeskanzler Erhard richtete sie seinen Bungalow ein, dem saudiarabischen König seinen Palast. Ihr gern zitierter Leitsatz, „man muss einem Raum dienen können“, steht zu ihrem kraftvollen, extrovertierten Wesen dabei keineswegs im Widerspruch. Allerdings hat sie sich ihr Selbstbewusstsein hart erarbeiten müssen, denn, so bedauerte sie, „wir Mädchen haben davon in der Kindheit viel zu wenig mitbekommen“

Margarete von Wrangell, erste deutsche Professorin Clara Zetkin, „rote Emanze“ und Leitfigur Emilie Zumsteeg, Musikerin im 19. Jahrhundert.1


1Aus: „Lauter Frauen – aufgespürt in Baden-Württemberg“, Theiss Verlag, Stuttgart 2000, in zweiter Auflage lieferbar, 18,90 Euro. Alle Fotos auf dieser Seite sind aus diesem Buch.