AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 25 - 3/2004
   

Robota Görl und MuTO

Von Prof. Dr. Manfred Bartel, Fachhochschule Aalen, Fachbereich Elektronik und Informatik

Das Push-Pull-Prinzip
Jungen wissen mit drei Jahren, dass Mädchen und Technik (MuT) nicht zusammengehören. Dieses „Wissen“ wird frühzeitig an allen Orten und Phasen des Lebens vermittelt. Es ist für Jungen und Mädchen nicht zu übersehen und allgegenwärtig. Die Geschlechtertrennung im Bereich Technik zeigt sich und wird auch verstärkt durch bevorzugte Verhaltensweisen von Mädchen und Jungen in Konfliktfällen. Geht es z. B. im Konfliktfall darum, wer eine Spielphase steuert, so neigen Mädchen dazu, sich zurückzuziehen (pull) und Jungen, die Mädchen zu verdrängen (push) (s. u.).

Erste Aktivitäten und Modellbildung
Die Stadt Aalen veranstaltet seit mehreren Jahren Sommerferienaktivitäten, die der Studiengang Elektronik durch ein Angebot, LEGO-Mindstorms Roboter zu bauen, unterstützte. Es waren vier solcher Baukästen gekauft worden, mit denen jeweils acht Kinder innerhalb von drei Stunden, unter Anleitung Erwachsener, mobile Roboter zusammenbauen, programmieren und erproben konnten. Erwachsene waren über Lernerfolge und -geschwindigkeit der 10–14-jährigen Mädchen und Jungen immer überrascht.

Der Mädchenanteil bei diesen Veranstaltungen lag bei höchstens 15 Prozent. Sehr häufig wurden die Mädchen von einem dominanten Jungen nicht an den PC herangelassen, womit der letzte Schritt, die Programmierung der Roboter-Steuerung, von den Mädchen nicht vollzogen werden konnte (Push-Prinzip). Häufig nutzten sie dann kreative Ausweichaktivitäten und konstruierten phantasievolle Objekte (Pull-Prinzip). Das eigentliche Ziel, den Zusammenhang und die Zusammenarbeit von mechanischen, elektromechanischen und informationstechnischen Komponenten zu erproben, wurde so nicht erreicht. Festzustellen war, dass Mädchen genauso interessiert und enthusiastisch bei der „Arbeit“ waren und auch vergleichbare Ergebnisse erzielten, wenn sie die Möglichkeit bekamen.

Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich darin, wie die Kinder an den Veranstaltungsort gelangen. Mädchen werden von einer erwachsenen Begleitperson gebracht und abgeholt, Jungen kommen mit dem Roller oder zu Fuß und sie kommen auch an den darauf folgenden Tagen, obwohl sie nicht angemeldet sind, und möchten weiter konstruieren. Bei Mädchen ist dieses Verhalten nicht zu beobachten (Pull-Prinzip). Auch solche Gründe eher generell gesellschaftlicher Natur beschneiden die explorativen Möglichkeiten von Mädchen.

Juliane Wiemerslage
Prof. Dr. Manfred Bartel

 

 

 
Mädchen und Technik
Fotos: Bartel
     

MuT – Mädchen und Technik1
Damit Mädchen mehr Möglichkeit erhalten, alle Konstruktionsphasen des Roboterbaus kennen zu lernen, wurde das Projekt „MuT – Mädchen und Technik“ ins Leben gerufen. Studentinnen der Elektronik wurden als studentische Hilfskräfte für die Betreuung der Mädchen eingestellt mit dem Ziel, diesen zu zeigen, dass Frauen dieses Fach studieren. Die Kurse fanden in einem Diplomandenraum statt, d.h. die Mädchen konnten die Studierenden bei ihren Abschlussarbeiten beobachten. Aufschlussreich waren die Gespräche mit den Müttern, die mehrfach äußerten, der Bruder besäße zwar einen LEGO-Mindstorms Roboterbaukasten, versage aber seiner Schwester die Nutzung (Push-Prinzip).

MuT – Mütter und Töchter schweißen1
Das Prinzip des weiblichen Vorbildes stärker erproben und vertiefen soll auch „MuT – Mütter und Töchter schweißen“. Die Fachhochschule ist in der günstigen Situation, ein Schweißlabor zu besitzen und einen Schweißfachmann eingestellt zu haben, der alle Kinder- Förderungsmaßnahmen der Fachhochschule Aalen betreut. Die Idee war, zwei Frauen unterschiedlichen Alters, z. B. einer Mutter mit ihrer Tochter, ein gemeinsames technisch-künstlerisches Erlebnis zu ermöglichen. Im Gespräch mit diesen Teilnehmerinnen stellte sich heraus, dass häufig das Wissen vor Ort ist „ … mein Mann kann schweißen, aber er hat es mir nie gezeigt“, es aber nicht auf Frauen übertragen wird (Push-Prinzip). Zwei Studentinnen der Fachhochschule Aalen (Studienschwerpunkt Technischer Redakteur) verfassten im Rahmen ihrer Semesterarbeit eine „Einführung in das Schweißen für Mütter und Töchter“.

haecksenwerkstatt1
Im Jahr 2003 fand an der Fachhochschule Aalen eine „haecksenwerkstatt“ (eine haeckse = weiblicher Hacker) statt. Diese halbtägige Veranstaltung organisierten die Frauenbeauftragte der Stadt Aalen, sechs Frauen von haecksen.org (www. haecksen.org) und der Studiengang Elektronik. Die Teilnehmerinnen konnten sich für die Aktivitäten (Roboter bauen, Alarmanlagen zusammenlöten, Skulpturen schweißen, PCs zusammenbauen, Animationen programmieren und an einer LAN-Party teilnehmen) anmelden. Die Vorbereitung und die Betreuung am Veranstaltungstag übernahmen „haecksen“. Die technischen Vorarbeiten und die organisatorischen Erfahrungen dieser Veranstaltung wurden später für die Durchführung weiterer Veranstaltungen, wie z. B. den Girls’ Day, genutzt.

MuTO – Mädchen und Technik im Ostalbkreis – Robota Görl1
Der vorläufig letzte Schritt wurde durch die Gründung von „MuTO – Mädchen und Technik im Ostalbkreis“ vollzogen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutieren bei halbjährlichen Treffen die aktuellen Projekte und planen neue. Sie riefen das Projekt „Robota Görl“ (www.robota-goerl.de) ins Leben. Die Idee von „MuT – Mädchen und Technik“ wurde um die drei Dimensionen Ort, Zeit und Betreuerinnen erweitert. Es wurden fünf mobile Arbeitsplätze – fünf Notebooks und Roboterbaukästen – gekauft, die alle interessierten Institutionen des Ostalbkreises für lokale Kurse kostenlos ausleihen können. Damit entstand ein örtlich und zeitlich enorm ausgedehntes Angebot.

Ein Betreuer der Fachhochschule Aalen steht zur Verfügung, um Lehrerinnen die LEGO-Kurs-Betreuung zu vermitteln, damit diese die technischen Hürden überwinden. Nicht immer ist es leicht, Lehrerinnen, die einen nichttechnischen Beruf gewählt haben, davon zu überzeugen, dass sie für ihre Mädchen plötzlich ein technisches Vorbild sein sollen (Pull-Prinzip). Die Projektidee ist im Moment dabei, sich zu verselbstständigen. So fanden einige Schulen sofort Sponsoren, die ihnen eine eigene Ausrüstung finanzierten.

   
     
1 Mit Förderung des Sozialministeriums Baden-Württemberg