AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 24 - 2/2004
   

Leben und Arbeiten in einer vernetzten Welt

Von Prof. Dr.-Ing. Peter Kern und Dr.-Ing. Rolf Ilg, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) Stuttgart

Auf unserer Welt gibt es immer wieder Epochen, in denen die Koordinaten unserer Lebens- und Arbeitswelt einer massiven Veränderung unterworfen sind. Zur Zeit könnte die Globalisierung als Verursacher einer solchen Veränderung herangezogen werden. Aber erst die rasanten Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnik haben diese Globalisierung möglich gemacht.

Globalisierung bedeutet Intensivierung des internationalen Wettbewerbs
Arbeits- und Absatzmärkte waren bisher eher national ausgerichtet und abgeschottet. Seit Jahren werden sie in einen immer intensiveren globalen Wettbewerb eingebunden. Damit einher geht die schonungslose Aufdeckung nationaler Defizite und Schwächen. Im Gegenzug entstehen aber auch neue Chancen für Kooperationen und länderübergreifende Geschäftsmodelle.

Durch die globale Verfügbarkeit von Produkten werden die Unternehmen zu einem fundamentalen Überdenken ihrer Marktaktivitäten gezwungen. Die Produkte haben sich in Qualität, Leistungsvermögen und Technologie weltweit angeglichen. Um sich zukünftig nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, steht zum einen die Gestaltung von effizienten Geschäftsprozessen gegebenenfalls durch Fusion oder im Netzwerk mit anderen Unternehmen im Vordergrund. Zum anderen sind die Unternehmen gezwungen, nachhaltig Innovationen voranzutreiben. Zusätzlich ist durch die Privatisierung großer staatlicher Monopolisten und die damit verbundene Deregulierung eine große Unruhe in den Markt gekommen. Für die Unternehmen gilt es nun, die Strategien auf Flexibilität und das konsequente Management der Kundenbeziehungen auszurichten sowie Innovations- und Kompetenznetzwerke aufzubauen, um damit die Turbulenzen beherrschen zu lernen.

Information und Wissen als Produktionsfaktor
Wissen ist zu einem entscheidenden Faktor für Wachstum und Beschäftigung geworden. Erkennen lässt sich das u. a. daran, dass neben den weniger qualifizierten Bevölkerungsgruppen auch die hoch- aber offensichtlich fehlqualifizierten Fachkräfte in den Arbeitslosenstatistiken erscheinen. Es ist also nicht ausreichend, Fach- und Expertenqualifikation aufzubauen, sondern es gilt vielmehr, die vom Markt geforderten Kompetenzen schnell und zielorientiert bereitstellen zu können. Damit wird die Fähigkeit zum flexiblen, schnellen und marktorientierten Wissensaufbau zur Schlüsselkompetenz in der Wissensgesellschaft. Der Begriff Wissensgesellschaft entstand, weil insbesondere die wertschöpfenden Prozesse so vom Wissen einzelner Personen bzw. Unternehmen abhängen, dass die Bewirtschaftung dieses Wissens gegenüber anderen Faktoren vorrangig wird. Den Mittelpunkt gesellschaftlicher und unternehmerischer Anstrengungen bildet damit die kontinuierliche Weiterentwicklung des Wissens (Stichwort: Lifelong Learning) und dessen Anwendung.

Informations- und Kommunikationstechniken entwickeln sich rasant
Der Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechniken hat heutzutage vor allem das Ziel, eine weltweite, schnelle und qualitativ hochwertige Verfügbarkeit von Informationen sicherzustellen und Geschäftsprozesse elektronisch zu unterstützen. Electronic Business steht heute als Ausdruck für eine ganze Reihe von Aktivitäten, die mittels der Internet- Technologie zu neuen Abwicklungen geschäftlicher Transaktionen im Unternehmen und zwischen Unternehmen geführt haben und noch führen werden.

Die Potenziale des Internet werden nach wie vor noch nicht voll ausgeschöpft. Zum einen hängt das mit der noch zu geringen Geschwindigkeit des Internet- Verkehrs und der teilweise niedrigen Verfügbarkeit zusammen. Zum anderen benötigen die Unternehmen Zeit, um sich über virtuelle Marktplätze mit ihren Zulieferern und Wettbewerbern zusammenzufinden. Mit dem schneller werdenden Internet der zweiten Generation kann sicherlich von hohen Akzeptanz- und Zuwachsraten ausgegangen werden. Wichtig sind in diesem Zusammenhang Standardisierungen, die einen Datenaustausch aller relevanten Produktdaten zwischen Unternehmen ermöglichen. Hier spielt Deutschland eine wichtige Rolle und treibt die Standardisierung international voran.

Produktionsarbeit nimmt ab und wissensintensive Dienstleistung nimmt zu
Die wachsende Bedeutung von Dienstleistungen ist herausragendes Merkmal des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandels. Der Dienstleistungssektor hat das größte Potenzial für wirtschaftliches Wachstum und Beschäftigungszunahme. In Deutschland wird die Produktionsarbeit noch unter 25 % sinken (gemessen an der Zahl aller Erwerbstätigen), während die wissensintensiven Dienstleistungen überproportional steigen. Zahlreiche amerikanische, aber auch immer mehr europäische Unternehmen machen vor, wie systematisch und kundenorientiert entwickelte Dienstleistungen zum Schlüssel für den Erfolg werden. Dabei steht häufig nicht die alleinige Dienstleistung im Interesse der Unternehmen, sondern vielmehr der Mix eines Hardware-Produkts mit einem oder mehreren dazu passenden Dienstleistungsangeboten. Man spricht hierbei von hybriden Produkten.

Nur wenige Unternehmen haben frühzeitig erkannt, dass angesichts der zunehmenden Globalisierung die entsprechenden Wettbewerbsvorteile in der Zukunft nicht mehr allein durch Technologievorsprünge, Kostenführerschaft oder Produktqualität erzielt werden können. Vielmehr wird gerade die Differenzierung über innovative Dienstleistungen zu einem Alleinstellungsmerkmal gegenüber Wettbewerbern und damit zu einer Erfolg versprechenden Strategie zur Erschließung neuer Marktpotenziale.

Demografische Entwicklung: Belegschaften werden immer älter
Die Betrachtung der demografischen Entwicklung zeigt, dass es durch sinkende Geburtenraten und eine kontinuierliche Steigerung der Lebensdauer mittelbis langfristig zu einer erheblichen Veränderung der Altersstrukturen in Deutschland kommt. Die Prognosen gehen von einem Bevölkerungsrückgang aus, der eine Abnahme der Zahl jüngerer Erwerbsfähiger zur Folge hat. Vor diesem Hintergrund sind vor allem Engpässe bei der Rekrutierung von qualifiziertem betrieblichen Nachwuchs und ein erhöhtes Durchschnittsalter der Belegschaften zu erwarten.

Die Unternehmen müssen deshalb heute schon Maßnahmen ergreifen und sich auf diese veränderten Rahmenbedingungen einstellen. Besonders gravierend ist in diesem Zusammenhang immer noch das weit verbreitete Vorurteil, dass ältere Menschen weniger leistungs- und innovationsfähig seien. Hierzu liegen aktuelle Forschungsergebnisse vor, die belegen, dass Leistungskraft und Innovationsfähigkeit weniger mit dem biologischen Alter(n) als vielmehr damit zusammenhängen, ob die Menschen in ihren individuellen Lebens-, Erwerbs- und Berufsverläufen fördernden oder hemmenden Bedingungen unterliegen (siehe auch BMBF-Förderschwerpunkt „Demografischer Wandel und Zukunft der Erwerbsarbeit am Standort Deutschland“).

Für die Unternehmen bedeutet dies, dass in nächster Zukunft verstärkte Investitionen in die Personalentwicklung und Weiterbildung der alternden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter notwendig werden. Eine Wissensbeschaffung über die Rekrutierung Junger wird nicht mehr ausreichen. Es zeigt sich jedoch, dass sich unterschiedliche Qualifikationsprofile und Erfahrungen Jüngerer und Älterer ausgesprochen sinnvoll ergänzen können.

Forderung nach Mobilität
Die zeitliche, räumliche und strukturelle Mobilitätsforderung ist für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits Realität geworden. Vorreiter dieser Entwicklung war die Flexibilisierung der Arbeitszeit, die mit der Einführung der Gleitzeit begann. Hinzu kam Anfang der neunziger Jahre die räumliche Mobilität.

Das Arbeiten zu Hause, beim Kunden oder unterwegs gehört für viele schon jetzt zum Alltag. Dazu kommt die Auflösung starrer Unternehmensstrukturen hin zum virtuellen Unternehmen, einem temporären Netzwerk unabhängiger Firmen, die mittels moderner Informations- und Kommunikationstechniken eine Aufgabenstellung gemeinsam bearbeiten. Auf die Industrie- und Büro-Baustrukturen wird sich dieser Trend zur Mobilität und Flexibilisierung genauso auswirken wie auf den privaten Wohnungsbau.

Das Büro der Zukunft wird z. B. von der architektonischen Dimension her nicht Büro an einem zentralen Ort, im klassischen Bürohaus, sondern als ein Knotenpunkt im Netzwerk der Arbeitsprozesse zu begreifen sein. Es wird sich den wechselnden Anforderungen des Marktes, der Organisation und der Technik anpassen müssen. Hierzu ist räumliche Flexibilität notwendig. Nur so lassen sich unterschiedliche Büroformen für unterschiedliche Arbeitsszenarien verwirklichen.

Die „richtige“ Qualifikation als Türöffner in die vernetzte Welt
Ein wichtiger Faktor, sowohl für den Erfolg eines Unternehmens als auch für die Verbesserung der individuellen Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, ist die „richtige“ und zukunftsfähige Qualifizierung. Zukünftig werden mehr Hochqualifizierte und fast ebenso viele Facharbeiter wie heute benötigt. An diese Fachkräfte werden jedoch zunehmend speziellere und höhere Anforderungen gestellt: Der Anteil körperlicher Tätigkeiten nimmt ab und dafür wird die Fähigkeit, mit Wissen und Informationen umgehen zu können, immer wichtiger. Hier kann eine große Chance für Frauen im Arbeitsmarkt liegen, sofern denn zu der richtigen Qualifizierung auch die flexiblen Arbeitsformen vorhanden sind. Das heißt, es müssen die entsprechenden flexibilisierenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, z.B. in Form einer gesicherten Kinderbetreuung oder durch die Möglichkeit zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt nach einer Baby-Pause. Wenn es darum geht, die berufliche Position zu sichern oder zu verbessern sollte jedenfalls durch Familienarbeit keine bzw. keiner benachteiligt werden.

Ein Baustein für die richtige Qualifizierung kann die betriebliche Weiterbildung sein. Die Möglichkeit zur Weiterbildung ist zwar in vielen Betrieben gegeben, oftmals scheitert die Teilnahme jedoch an der bereits bestehenden hohen Beanspruchung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Weiterbildung wird oft als zusätzliche Belastung empfunden. Trotzdem wird in einer sich kontinuierlich wandelnden Arbeitswelt der Wettbewerb über qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entschieden. Richtige Qualifizierung und berufliche Bildung entwickeln sich zum Türöffner in die Erwerbsarbeit. Eine regelmäßige Weiterbildung wird notwendige Bedingung zum Erhalt der individuellen Arbeitsmarktchancen. Eine komplexe Arbeitswelt in einer Zeit zunehmender Globalisierung erfordert für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter außerdem den Aufbau zusätzlicher Kompetenzen für das erfolgreiche Agieren in einer vernetzten Welt. Ergebnisse einer Betriebsbefragung (1545 Unternehmen, Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung, 2001) über ihren aktuellen Qualifikationsbedarf haben gezeigt, dass über 50 % der Nennungen auf Schlüsselqualifikationen entfielen. Zu den am häufigsten genannten Fachqualifikationen zählten EDV-/IT-Kenntnisse für unterschiedliche Anwendungen.

 

Peter Kern
Prof. Dr.-Ing. Peter Kern, Institutsdirektor am Fraunhofer- Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) Stuttgart, stellvertretender Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Universität Stuttgart

Rolf Ilg
Dr.-Ing. Rolf Ilg,
Mitglied im Führungskreis und Leiter des Competence Centers Wissenstransfer am Fraunhofer IAO/IAT Universität Stuttgart.