AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 23 - 1/2004
   

Das GiG 7: ein Gründerzeit-Haus für Gründerinnen

Von Dr. Beatrix Geisel, wissenschaftliche Beraterin der Frauenbeauftragten, Mannheim

Das Gründerzeit-Haus in G 7,22, einem Straßen-Quadrat der Mannheimer Innenstadt, wird wieder seinen Ursprüngen gerecht. Seit knapp zwei Jahren ist das Gebäude von Existenzgründerinnen belebt, nachdem es unter der persönlichen Leitung von Mannheims Frauenbeauftragter Ilse Thomas ebenso sachkundig wie liebevoll originalgetreu restauriert worden ist. Insgesamt 16 Unternehmerinnen haben hier ihren – befristeten – Firmensitz gefunden. Für die ersten schwierigen Jahre nach dem Start in die Selbstständigkeit, bis zu fünf Jahre, bietet ihnen das GiG 7 – so die Abkürzung für Gründerinnenzentrum in G 7 – repräsentative und preiswerte Büro- und Besprechungsräume sowie ein gemeinsames Seminar- und Veranstaltungs- Equipment. Aber auch für den Wirtschaftsstandort Mannheim und sein gesamtes Umland erfüllt das neue Schmuckstück in Mannheims westlicher Unterstadt als Beratungszentrum unter Leitung von Diplom-Volkswirtin Susanna Selvadurai für potenzielle Unternehmerinnen eine wichtige Funktion.
 

 
 

Das GiG 7-Team (v.li.): Irmgard Kuhn-Geiselhart, Susanna Selvadurai,
Ilse Thomas, Lydia Kyas Foto: Annette Mück
   

Das GiG 7 basiert von der Idee her auf der Einsicht, dass Mannheims Strukturprobleme ohne das unternehmerische Potenzial von Frauen nicht zu bewältigen sind und dass aber künftige Unternehmerinnen höhere Hürden zu überwinden haben als männliche Existenzgründer. Zwar waren Frauen zu allen Zeiten, in denen Männer „unternommen“ und „gehandelt“ haben, im selben Metier aktiv. Trotzdem wird vielfach bezweifelt, dass sie ein Unternehmen erfolgreich führen können, nicht selten von ihrer engsten Umgebung.

 
   

Das Gründerinnenzentrum
Foto: Oliver Polmichel
   

Die Vorgeschichte des Zentrums beginnt, als die Europäische Union mit dem Programm „New Opportunities for Women“ (NOW) die Förderung von Existenzgründerinnen ermöglichte. Unter dieser Voraussetzung entstand „Prisma“, die erste Beratungsstelle für Existenzgründerinnen in Mannheim, gefördert von der EU, dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Mannheim. Nach der Beendigung der zweijährigen Modellphase konnte sie allerdings nur auf Sparflamme weitergeführt werden. Eine Chance zur nachhaltigen Verbesserung eröffnete sich erst, nachdem Mannheim in die Strukturförderung der EU (Ziel 2) aufgenommen wurde. Daraufhin stellte Mannheims Frauenbeauftragte den Antrag, ein eigenes Zentrum für Gründerinnen zu errichten.

Dass es zu Stande kam, ist vor allem der Hartnäckigkeit seiner Initiatorin zu verdanken, die – wie bei der Einweihung zu Recht gerühmt wurde – nicht nur den Umbau des maroden Gebäudes für die vergleichsweise geringe Summe von 500.000 € realisierte, sondern auch das gründerzeitliche Ambiente mit den hohen, stuckverzierten Räumen erhielt. Auch Baufachleute wie Mannheims Stadtplaner Robert Bechtel sind von dem Ergebnis des Umbauprozesses sehr angetan: „Hier hat man nicht tot-saniert, sondern vorsichtig revitalisiert“. In ästhetisch stilvollem Rahmen sind auf 800 m2 nutzbarer Fläche bis zu 18 einzeln vermietbare Büroräume, je ein Konferenz- und Seminarraum, ein Besprechungszimmer sowie eine gemeinsame bürotechnische Infrastruktur vorhanden. Durch die räumliche Nähe entstehen wichtige Synergie- Effekte: gemeinsame Projekte können ohne lange Wege miteinander geplant und angegangen werden.

Die in GiG 7 ansässigen 16 Unternehmerinnen verteilen sich auf 13 Firmen. Der Bereich Kunst und Kultur istmit einer bildenden Künstlerin, einer Galeristin, einer Fotografin, einer Autorin und Journalistin sowie einer Innenarchitektin mit Schwerpunkt Museums- und Ausstellungsgestaltung besonders gut repräsentiert. Dazu kommen je eine Übersetzerin, Linguistin, Homepage- Gestalterin, Diplom-Psychologin, Heilpraktikerin und Vertreiberin von Naturprodukten. Ein Gründerinnen- Duo beschafft und bewertet Wirtschaftsinformationen insbesondere aus dem Bereich der chemischen Industrie, ein Trio hat sich im Bereich von Telefonmarketing selbstständig gemacht, beschäftigt bereits Praktikantinnen und will expandieren. Punktuell haben sich auch schon Kooperationen im Haus ergeben, z. B. zwischen der Fotografin und der Innenarchitektin sowie zwischen der Galeristin und der Innenarchitektin. Außerdem treffen sich einmal im Monat Unternehmerinnen aus der Region im Haus, um Kontakte zu pflegen und Erfahrungen auszutauschen.

GiG 7 ist aber nicht nur ein Zentrum für Frauen, die bereits gegründet haben, sondern auch für solche, die sich mit der Idee tragen, sich beruflich auf eigene Beine zu stellen. Nach Angaben von Susanna Selvadurai kamen seit der Eröffnung des Zentrums etwa 200 Frauen zur kostenlosen Erstberatung, darunter acht Prozent Ausländerinnen. Die Tatsache, dass die Zahl derjenigen, die zum zweiten, dritten und vierten Mal kommen, wesentlich geringer ist, hat nicht nur damit zu tun, dass für diese Beratungen eine Gebühr erhoben wird – schließlich muss sich das Zentrum nach Ablauf der Förderungsphase selbst tragen –, sondern auch weil die derzeit zwei Beraterinnen die Gründungsideen mittels Markt- und Zielgruppenanalyse auf ihre realen Umsetzungschancen überprüfen und manche Frau vor einer schmerzhaften und verlustreichen Erfahrung bewahren. Wie eine erste Evaluation zeigt, beträgt der Anteil derjenigen, die sich zur Existenzgründung entschlossen haben und zum Zeitpunkt der Befragung noch selbstständig waren, knapp 40 Prozent. Die übrigen 60 Prozent haben eingesehen, dass ihre Erwartungen – höheres Einkommen, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – zu optimistisch waren, und nahmen deshalb von ihren Vorhaben wieder Abstand.

Der Großteil der Frauen, die zur Beratung kommen, sind zwischen 31 und 45 Jahre alt, haben keine oder bereits ältere Kinder und ein ziemlich hohes Bildungsniveau: Abitur und/oder Fachhochschulreife oder sogar ein abgeschlossenes Studium. Viele der potenziellen Unternehmerinnen besitzen außerdem Zusatzqualifikationen, insbesondere im medizinisch-psychotherapeutischen und im kaufmännischen Bereich. Dementsprechend konzentrieren sich viele Gründungsideen auf das Gesundheitswesen. Neben der Einzelberatung bietet ihnen das Zentrum konkrete Unterstützung bei der Ausarbeitung ihres Geschäftsplanes, Seminare, Coaching, Existenzsicherungs- und Aufbauberatung, Fortbildung und Erfahrungsaustausch bei Gründerinnentreffen.

 



„Wenn ein Mann sich selbstständig macht, hat er die Familie im Rücken, wenn eine Frau dasselbe tut, hat sie die Familie im Nacken“, eine in diesem Zusammenhang geläufige Feststellung.