Dieses Jahr übersteigt zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Hochschulen der Anteil der Studienanfängerinnen den ihrer männlichen Kommilitonen. Diese Entwicklung bahnt sich schon lange an. Überraschen sollte allerdings, dass die wenigsten Absolventinnen deutscher Hochschulen nach ihrer Ausbildung einen Weg zu einer erfolgreichen Karriere finden. Die Top-Positionen in Wirtschaft und Lehre scheinen fest in männlicher Hand – oder ist es so, dass die Frauen gar nicht „wollen“? Dass sie sich ab einem bestimmten Alter lieber auf die Familienplanung konzentrieren? Oder, dass Frauen irgendwann in ihrer Karriere als Berufstätige, als Mutter, als Haushaltsmanagerin und Partnerin einfach resignieren. Dass sie sich mit beruflichen Positionen zufrieden geben, die ihnen kein Mann streitig macht, weil diese für ihn ohnehin nicht attraktiv genug sind? Sind Familie und Beruf zwei sich ausschließende Pole?
Fragestellungen und Spekulationen: Diesen Raum will die Vorlesungsreihe „Gender Brainstorming“ an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart füllen. Unsere These ist, dass der gesamte Themenkreis der Frauenpolitik, obwohl ungelöst, immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird, und dies sowohl unter den Studierenden als auch in den Rektoraten und Ministerien. Dieser Entwicklung möchten wir entgegenwirken und ein Forum für frauenrelevante Fragestellungen bieten, besonders aus der Sicht von Künstlerinnen und Künstlern und Kreativen in angewandten Berufen, gemäß dem Studienangebot der Hochschule. So soll die Reihe ein möglichst großes Publikum ansprechen. Es tut Not, die Studierenden für ein Thema zu sensibilisieren, mit dem sie in ihrer beruflichen Laufbahn zwangsläufig konfrontiert werden. Es ist wichtig, dass die Studierenden, die ja hauptsächlich von männlichen Professoren unterrichtet werden, auch weibliche Vorbilder kennen lernen und die Möglichkeit zur Netzwerkbildung erhalten. Und es tut auch Not, das Selbstbewusstsein der Studentinnen zu stärken und beschreitbare Wege für sie aufzuzeigen, berufliche Werdegänge und Erfahrungen der Referenten/Referentinnen zu diskutieren und zu hinterfragen.
Es handelt sich also um eine Plattform für die inhaltliche Diskussion „weiblicher Aktivitäten“ im Kunst- und Kulturbetrieb und um die Integration von weiblichen Werdegängen in die Lehre, weniger um die Diskussion der Rolle der Frau in der (Kunst-)Geschichte, als Muse oder Objekt. Aber es ist natürlich auch eine hochschulpolitische Notwendigkeit, diese Themen zu beleuchten und zu diskutieren, um einen eigenen Standpunkt zu finden. Dies kann gefördert werden durch die in Gang kommende Selbst-Reflexion der Hochschule sowie durch den Erfahrungsaustausch in der Diskussion mit den eingeladenen Referentinnen/ Referenten, aber auch im Vergleich und der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Es ist schließlich eine Herausforderung, das Thema „Gender Mainstreaming“ zu diskutieren - und die kann auch von einer kleinen Institution wie der Kunstakademie Stuttgart geleistet werden - besonders wenn man einen Studentinnenanteil von über 65 Prozent und einen Professorinnenanteil von unter 10 Prozent hat.





