AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 21 - 3/2003
   

Musikerin mit Leib und Seele

  Hatten Sie weibliche Vorbilder?

Ich mochte immer die großen Jazzsängerinnen, das waren aber nicht wirklich Vorbilder, insofern frau solche Wege nicht einfach nachgehen kann. Im direkten Umfeld fanden sich nur die Lehrerinnen an der Musikschule (eher abschreckend) und eine sehr nette Musiklehrerin am Gymnasium. Im Bereich Jazz und Pop gab’s in den 70er Jahren keine Frau, die von Musik gelebt hätte oder auch nur einigermaßen bekannt gewesen wäre. Instrumentalistinnen schon gleich gar nicht. Ich musste also ziemlich viele Pfade neu trampeln und konnte mich leider nicht an Vorbildern orientieren.

   
  Fühlen Sie sich als Künstlerin gleichberechtigt?
  Da ich Freiberuflerin bin und dabei alles von meiner Eigeninitiative abhängt, fühle ich mich gleichberechtigt – niemand hindert mich daran, meine Ideen umzusetzen, und ich war damit immer recht erfolgreich, konnte von Musik leben seit ich 18 war.
   
  Wie vereinbaren Sie Beruf und Familie?

Zwischen dem 18. und 40. Lebensjahr widmete ich 90 Prozent meiner Zeit und Energie dem Beruf. Nachdem mit 40 mein erstes Kind kam, verteilte sich das auf 40 Prozent Beruf, 50 Prozent Familie und 10 Prozent Zeit für mich selbst. Das zweite Kind fügte sich problemlos in diese Struktur ein. Ich habe freie Zeiteinteilung und einen Mann, der abends und am Wochenende begeistert für seine Kinder da ist. Außerdem steht uns eine „Leihoma“ zur Verfügung, wenn ich tagsüber weg muss. Als großen Vorteil empfinde ich, dass Kinder erst kamen, nachdem meine „Karriere“ gut angelaufen und die zu ziehenden Kreise stabil waren. Auch Geld spielte zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr, da mein Mann voll verdient und ich selbst stolze Besitzerin eines über 13 Jahre hinweg von meinen Honoraren abbezahlten Häuschens war.

   
  Wo sehen Sie Handlungsbedarf in den Rahmenbedingungen?

Hauptsächlich an Basis und Mittelbau. Die guten Musikerinnen machen ihren Weg, wenn sie sich denn irgendwann ernst genug nehmen. Es ist aber immer noch – auch mangels Vorbildern – nicht üblich, dass Mädchen sich ihr Instrument völlig frei aussuchen können, sei’s Kontrabass, Schlagzeug oder sonst was. Es ist zwar etwas besser geworden, aber Mädchen sind nicht so unbefangen, dass sie einfach mit geringen Fähigkeiten mal „drauflosbolzen“, sie denken immer, sie müssten erst mal was „können“, „besser sein“, ehe sie in einer Band mitspielen dürfen.

   
  Werden Sie zunächst als Frau und dann erst als Künstlerin wahrgenommen?

Hier streifen wir ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass nämlich jede Frau, egal, was sie tut oder treibt, erst einmal nach ihrer Optik und dann erst nach ihren fachlichen Qualitäten beurteilt wird. Sehr gerne hätte ich das anders, muss dies aber als aus der Steinzeit überkommene, sehr tief im Kollektiv verwurzelte Verhaltensweise wohl hinnehmen.

 

Interview

Susanne Schempp
Susanne Schempp, geb. 1958, freiberufliche Jazz- und Gospelsängerin, Chefin von „Honey Pie“ (1985–2001) und „Salt Peanuts“ (seit 2002), Chorleiterin und Gesangslehrerin bei „Go Vocal – Schule für Popgesang“ und Arrangeurin, bei Klett und
Bosse verlegt