AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 21 - 3/2003
   

FRAU UND MUSIK – warum eigentlich?

Von Susanne Geiger, Leonberg, Vorsitzende der Landesgruppe Baden-Württemberg FRAU UND MUSIK

In einem Interview im SWR mit einer sehr erfolgreichen Komponistin sagte diese auf die Frage des Journalisten, ob es für Frauen schwieriger sei, diesen Beruf auszuüben, dass das Geschlecht niemals eine Rolle in ihrem Berufsleben gespielt habe... Also – warum eigentlich einen Arbeitskreis FRAU UND MUSIK? Warum Konzerte, in denen ausschließlich oder hauptsächlich Werke von Frauen gespielt werden? Warum ein Archiv, in dem Noten, Tonträger, Bücher etc. von und über Komponistinnen gesammelt werden? Warum eine Internetpräsentation über Komponistinnen?

Vielleicht gehen wir ein paar Jahre zurück. Das erste „Aha-Erlebnis“ diesbezüglich hatte ich mit elf Jahren im Musikunterricht. Es wurde die Frage gestellt (ich weiß nicht mehr, von wem und weshalb), ob Frauen komponieren könnten. Der Musiklehrer reagierte sehr amüsiert und fragte ironisch: „Na, wer von euch kennt denn eine Komponistin?“ Ich hatte gerade ein Buch über Clara Schumann gelesen und meldete mich mutig: „Clara Schumann!“ Der Lehrer fand das sehr komisch, lachte und meinte: „Sie konnte Klavier spielen, aber komponieren konnte sie nicht.“ Rund zehn Jahre später (1978) hing am schwarzen Brett der Musikhochschule, wo ich inzwischen Musik studierte, ein Aushang: „In Düsseldorf wurde der Arbeitskreis FRAU UND MUSIK gegründet. Wer hat Lust, in Stuttgart eine Gruppe zu bilden?“ Da fiel mir Clara Schumann wieder ein und mir wurde klar, dass ich in den letzen Jahren weder in den unzähligen Konzerten, die ich besucht hatte, geschweige denn in Vorlesungen oder Seminaren eine Komponistin kennen gelernt hatte.

Nun können Sie einwenden, dass das schon sehr lange her ist und dass wir heute doch immer wieder Komponistinnen begegnen. Aber wissen Sie, wie groß die Chance ist, eine zeitgenössische Komponistin im Konzert zu hören? 1 zu 33! Immerhin sind inzwischen 25 Prozent der Kompositionsstudenten Frauen, aber wo sind sie nach dem Studium? In den Rundfunkprogrammen, bei Orchesterkonzerten, an der Oper, bei Professorenstellen jedenfalls sind sie kaum zu finden.

Und eine ganz andere Frage gilt es zu klären: Wie kommt ein Mädchen überhaupt auf die Idee, Komponistin zu werden? Ist es egal, ob die Vorbilder, an denen ich mich als junge Musikerin orientiere, Männer oder Frauen sind? Die oben zitierte Komponistin würde diese Frage wahrscheinlich mit Ja beantworten. Vielleicht stimmt das, aber vielleicht gilt es halt nicht für alle Menschen. Und ich möchte meinen Schülerinnen die Chance geben, sich eine oder sogar mehrere Komponistinnen als Vorbilder zu wählen, wenn sie wollen. Und ich möchte den Komponistinnen, die Wertvolles in der Vergangenheit geleistet haben, ein Denkmal setzen, und ich möchte, wenn ich Neue Musik spiele, den Anteil von drei Prozent ein klein wenig erhöhen... Und dabei hilft mir ein Archiv, in dem ich Noten finde, die es nicht zu kaufen gibt, dabei hilft mir auch ein Arbeitskreis, in dem ich mich mit Kolleginnen austauschen kann.

 

Susanne Geiger
Susanne Geiger ist Klavierpädagogin, Pianistin im Artemis- Ensemble, Vorsitzende der Lgr. Baden-Württemberg des Internationalen Arbeitskreises FRAU UND MUSIK

Kontakt:
geiger.dieterle@t-online.de



„Als der kleine Sohn der Dirigentin Gisèle Ben-Dor nach einem Konzert seiner Mutter gefragt wurde, ob er auch einmal Dirigent werden wolle, antwortete er: ,Nein, das ist doch was für Mädchen‘.“ (Zitat aus EMMA 4/2003, Artikel von Mascha Blankenburg)