AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 20 - 2/2003
   

Gender-Forschungsinstitut tifs e.V. in Tübingen

  Frauenbildung: Was gibt es da zu forschen?

Gesellschaftliche Entwicklungen, veränderte Bildungsinteressen von Frauen und theoretische Gender-Diskurse erfordern in der Frauenbildung konzeptionelle und strukturelle Veränderungsprozesse, die wir wissenschaftlich begleiten. Es handelt sich dabei um geschlechterdifferenzierende Ansätze der Frauenbildung, aber auch der koedukativen Erwachsenenbildung.

So zeigt sich in der Evaluierung von Erfolgskriterien und -faktoren für die berufliche Förderung und Orientierung von Zielgruppen wie Frauen in schwierigen sozialen Lebenssituationen/wohnungslose Frauen, dass eine wesentliche Voraussetzung für Erfolg in den Rahmenbedingungen liegt. Dazu zählt der Standard „Bildung in einem Frauenraum“, da diese Frauen meist negative Erfahrungen in gemischtgeschlechtlichen Bereichen gemacht haben. Ein anderes – vom Förderprogramm Frauenforschung des Sozialministeriums Baden-Württemberg gefördertes – Projekt zu Geschlechterverhältnissen in der Erwachsenenbildung in Baden-Württemberg verdeutlicht den Bedarf an geschlechterbezogener Aus- und Fortbildung von Professionellen, damit sie nicht wieder Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf ihre Geschlechterrollen festlegen. Dies ist auch das Thema eines neuen Forschungsprojektes zu Selbsthilfe-Initiativen und deren Unterstützung durch Professionelle in Kontakt- und Beratungsstellen unter Gender-Gesichtspunkten. In einem transnationalen Projekt vergleichen wir europäische Frauenbildungsansätze. Das Spektrum unserer Forschungstätigkeit hat sich in den letzten Jahren vergrößert: Die Evaluierung von geschlechterdifferenzierenden Bildungsansätzen von und mit Frauen, mit Frauen und Männern sowie in der europäischen Dimension verweisen auf die wachsende Bedeutung, die der Gender-Perspektive in Praxis und Forschung zukommt. Dem entgegen läuft ein gegenwärtig zu beobachtender Trend, dass öffentliche Fördermittel für Frauenprojekte (auch für außer universitäre Frauenforschung) gestrichen werden.

   
  Ist Frauenbildung in Gender Mainstreaming-Zeiten nicht antiquiert?

Es gibt eine gewisse Verunsicherung, inwieweit die gegenwärtige Entwicklung Frauenbildung infrage stellt. Gender Mainstreaming – so auch die Vorgaben der EU – soll aber eigenständige frauenpolitische Ansätze nicht ersetzen, sondern vielmehr müssen existierende und (weiter-)zu entwickelnde geschlechterdifferenzierende Bildungskonzepte im Idealfall Hand in Hand gehen mit strukturellen Veränderungen in der Geschlechterhierarchie von Organisationen. Für die Bildungspraxis bedeutet dies, eine Variationsbreite an Ansätzen zur Verfügung zu stellen: für Frauen, für Männer, für Frauen und Männer. Hier ist die Bildungspolitik auch in Baden-Württemberg gefragt.

   
  Wie haben wir uns Gender Mainstreaming in der Erwachsenenbildung vorzustellen?
Bildungseinrichtungen, die sich dem Gender Mainstreaming verschreiben, konkretisieren Ziele wie Geschlechtergerechtigkeit für freie und angestellte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Zielgruppen und die Bildungsgprogramme. Mittels so genannter Gender- Analysen werden die Präsenz von Frauen und Männern auf allen Organisationsebenen, ihre Beteiligung an Entscheidungen, der Zugang zu Ressourcen etc. erhoben und daraus folgende Konsequenzen umgesetzt und überprüft. Alle Mitarbeitenden auf allen Ebenen bekommen regelmäßige Fortbildungen wie Gender-Trainings und erwerben Gender-Kompetenzen, an deren erster Stelle geschlechterbezogene Selbstreflexivität steht.
   
  Kann man mit Gender Mainstreaming mehr Leute begeistern als mit feministischen Ansätzen?

Derzeit sieht es so aus, wobei abzuwarten bleibt, ob sich die „Begeisterung“ als Sturm im Wasserglas erweist. Es bleibt zu hoffen, dass mit den zunehmenden Erfahrungen im Zusammenhang mit Gender Mainstreaming Vorbehalte gegenüber feministischen Perspektiven abgebaut werden.

Interview

Beate Latendorf
Dr. Gerrit Kaschuba,
tifs e.V. Tübingen.
tifs führt seit vielen Jahren geschlechter-
differenzierende Untersuchungen im Bildungsbereich durch. Dazu gehört die allgemeine, politische und berufliche Erwachsenenbildung sowie der Übergang von Schule in den Beruf.

Bildungsarbeit mit Frauen findet an vielen Orten statt, wird von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Bildungseinrichtungen organisiert. Frauengerechte Konzepte, die Inhalte, Methoden, das Leitungsverhalten und Rahmenbedingungen umfassen, haben sich mittlerweile etabliert.