AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 19 - 1/2003
   

Gemeinsame Strategien – Netzwerkarbeit des Multiplikatorinnen-Treffs Tübingen/Reutlingen

Von Dr. Elke Schön und Antonie Platz, Tübingen

Interessen und Belange von Frauen und Mädchen mit so genannter geistiger Behinderung in Projekten, Programmen, Angeboten und Planungskonzepten aufzugreifen, sie strukturell zu berücksichtigen und ihnen einen Stellenwert zu geben, ist keine Selbstverständlichkeit. Aus dieser Erkenntnis heraus gründeten Frauen aus Initiativen und Einrichtungen im Jahre 1991 ein autonomes Netzwerk, den „Multiplikatorinnen- Treff Tübingen/Reutlingen“.

Zunächst ging es den Fachfrauen aus der Region Tübingen – Reutlingen, die u. a. in Erwachsenenbildung, Werkstätten für Behinderte, Heimen, Wohngruppen, begleitenden Diensten und Sonderschulen arbeiten, um Selbstreflexion ihres beruflichen Tuns. Das Entwickeln von Solidarität und Parteilichkeit und eine Lobbybildung für Frauen und Mädchen mit so genannter geistiger Behinderung standen im Vordergrund. In einer ersten gemeinsamen Bestandsaufnahme zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen und Mädchen mit so genannter geistiger Behinderung in der Region wurde sichtbar, wie wichtig aus frauenpolitischer Perspektive zur Eröffnung realer Teilhabechancen eine berufliche Förderung ist. Schnell erweiterte sich der Multiplikatorinnenkreis: Fachfrauen aus Einrichtungen weiterer Landkreise (Balingen, Böblingen, Calw) beteiligen sich an Erfahrungsaustausch und gemeinsamen Aktionen. Die Frauenbeauftragte der Stadt Tübingen, Betriebsrätinnen, Frauen aus der Frauenforschung, der Frauen- und Selbsthilfebewegung und Politikerinnen unterstützen Podiumsdiskussionen, gemeinsame Veranstaltungen, Fortbildungen und Veröffentlichungen.

Arbeitsfelder und Themen der Multiplikatorinnenarbeit sind:
  berufliche Situation: Welche Alternativen gibt es zur Werkstatt für Behinderte? Wie lässt sich das Berufsspektrum erweitern und eine Zurichtung auf hausarbeitsnahe Tätigkeiten vermeiden?
  Lebenslagen und Lebensformen: Bewältigung von Krankheit, Sterben und Tod,
  Mädchen- und Frauenbildungsarbeit unter dem Aspekt der Förderung von Selbstbestimmungspotenzialen,
  präventive Konzepte und Strukturen gegen sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen in Einrichtungen/ Diensten der Behindertenhilfe sowie
  Qualitätsentwicklung in Einrichtungen/Diensten der Behindertenhilfe unter frauenfördernden und Partizipation eröffnenden Aspekten.

Im Rahmen ihres unterstützenden Netzwerks eröffnen (Fach)Frauen heute auf einer zweiten Ebene als „Mittlerinnen“ den Frauen und Mädchen eigene Räume, in denen Prozesse der Verständigung und eigene Handlungspotenziale entwickelt werden können. So gibt es seit Mitte der 90er Jahre regionale Treffen von Frauen mit so genannter geistiger Behinderung für eigenen Dialog und eigene Initiative. Symbolisch institutionalisiert haben sich so z. B. gemeinsame Treffen am 8. März/Internationaler Frauentag, Selbstbehauptungsgruppen, Frauen-Wochenenden und Frauen-Reisen. Frauen mit so genannter geistiger Behinderung treten als Referentinnen auf und bringen auf Fachtagungen ihre eigenen frauenpolitischen Interessen und Forderungen ein. Sie gründen eigene Frauengruppen.

Diese Ansätze in Richtung Partizipation und Selbstbestimmung erfahren jedoch immer wieder Rückschläge und bedürfen eigentlich langfristig begleitender Prozesse durch Multiplikatorinnen.

Dr. Elke Schoen
Dr. Elke Schön

Antonie Platz
Antonie Platz,
Ansprechpartnerin für den Multiplikatorinnentreff,
Fon: 07071/94 40 51 lebenshilfe@
tuebingen.netsurf.de

Der Multiplikatorinnen- Treff tagt in den Räumen der Lebenshilfe Tübingen e.V., Friedrich-Dannenmann- Straße 69, 72070 Tübingen.

 

     
„Berufliche Teilhabe von Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen – zur Umsetzung des SGB IX“,
ein vom Bundesarbeitsministerium gefördertes Forschungsprojekt (10/02–05/04), hat einen seiner regionalen Schwerpunkte in Baden-Württemberg. Die Soziologin Dr. Elke Schön erhebt mit Kolleginnen der Sozialforschungsstelle Dortmund auf Landesebene Erfahrungen mit den neuen Leistungsmöglichkeiten sowie mit Hemmnissen bei der Umsetzung des SGB IX. Befragt werden Frauen mit Betreuungspflichten, Frauen aus ländlichen Regionen und Berufsanfängerinnen als Expertinnen ihrer Berufsbiografie sowie Professionelle aus den zuständigen Verwaltungen, Leistungs- und Handlungsfeldern, von Interessenvertretungen und Selbsthilfegruppen. Eine Bestandsaufnahme beispielhafter frauen- und mädchenfördernder Projekte, Modelle, Angebote und Betriebsvereinbarungen ist im Entstehen. E-Mail: elke.schoen@supra-net.net