AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 19 - 1/2003
   

Engagiert für Mädchen mit und ohne Behinderung

  Sie sind in der Mädchenarbeit tätig, warum engagieren Sie sich für Mädchen mit Behinderungen?

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass alle Jugendangebote allen Mädchen und Jungen unabhängig von ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten offen stehen sollten, denn nur durch gleiche Chancen kann einer immer noch stattfindenden Diskriminierung von Menschen mit Behinderung entgegengewirkt werden. Leider wird dieser integrative Aspekt in der Jugendarbeit m. E. zu wenig berücksichtigt. Das liegt zum Teil an baulichen Barrieren, doch vor allem an der fehlenden konzeptionellen Verankerung.

Der Abbau dieser Diskriminierung, die Mädchen mit einer Behinderung in besonderem Maße betrifft – zum einen als Frau, zum anderen als Behinderte – ist mir auch ein persönliches Anliegen, da ich selbst im Rollstuhl sitze. Ich denke, dass dies eine große Chance sowohl für mich, den Mädchentreff e.V. Tübingen und für unsere Nutzerinnen mit Behinderungen ist. Ich diene zum einen als Vorbild- und Identifikationsfigur, zum anderen verstehe ich sie in vielerlei Hinsicht besser, da ich gleiche oder ähnliche Erlebnisse in meiner Kindheit und Jugend gemacht habe wie sie.

   
  Wie sieht das Angebot für behinderte Mädchen aus?

Die Arbeit mit behinderten Mädchen ist fester Bestandteil der Konzeption des Mädchentreffs. Dies ermöglicht mir, auf die besonderen Fragestellungen der behinderten Mädchen einzugehen. Themen wie Ausbildung, Sexualität, Selbstständigkeit etc. sind die gleichen wie bei Mädchen ohne Behinderungen. Die Aufbereitung von Offenen Angeboten, Kursen, Workshops ist jedoch eine andere. Hierzu werden andere Räumlichkeiten, oftmals weiteres Personal und besonders der Mut benötigt, neue inhaltliche Wege zu gehen. Meine Arbeit mit behinderten Mädchen sehe ich in einem erweiterten Kontext. Dies beinhaltet Fortbildungen für Pädagoginnen und Mahnerin zu sein in Arbeitskreisen und Gremien der Jugend- und Frauenarbeit, um den Blick für Mädchen mit Behinderung zu schärfen. Nicht zuletzt müssen sich die nichtbehinderten Besucherinnen und Multiplikatorinnen mit mir als Pädagogin mit Behinderung auseinander setzen. Dies fällt ihnen nicht immer leicht, denn Menschen und besonders Frauen mit Behinderungen in einer solchen Position sind immer noch unüblich.

   
  Welches Projekt verfolgen Sie derzeit?

Unser neues großes Projekt ist ein integrativer Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurs für Mädchen mit und ohne Behinderung. Der Projektzeitraum erstreckt sich über ein Jahr, und das Projekt wird von der Aktion Mensch finanziell und der Körperbehindertenförderung Neckar-Alb organisatorisch unterstützt. Neben den Trainingseinheiten für die Mädchen liegt ein Schwerpunkt auf der Schulung von Multiplikatorinnen. Unsere Erfahrungen und unser Wissen werden wir auf einer CD-Rom aufbereiten und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

   
  Können Sie Ihre Zielsetzung umreißen, und worin bestehen Ihre Erfolgserlebnisse?

Mein Ziel ist es, Angebote für Mädchen und Frauen mit Behinderung nicht nur im baulichen Sinne zugänglich zu machen, sondern auch in den Köpfen! Ein großes Erfolgserlebnis für mich ist der Bau eines Frauenprojektehauses in Tübingen. Hier werden sieben Mädchen- und Frauenprojekte, u.a. der Mädchentreff, barrierefreie Räume erhalten. Mädchen und Frauen mit einer Behinderung werden in der Konzeption des Hauses und der einzelnen Projekte verankert und somit ist ein weiterer Schritt zur gleichberechtigten Teilhabe gegangen bzw. gerollt worden!

Interview

Borghild Strähle
Borghild Strähle,
Mädchentreff Tübingen


Das schönste Erlebnis im Herbst letzten Jahres war die 3. Mädchenkonferenz für Mädchen und junge Frauen mit Behinderung. Das Motto „Wir lassen uns nicht behindern“ wurde von den über 250 Teilnehmerinnen ganz praktisch in Workshops und abendlichen Festen umgesetzt.