AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 17 - 3/2002
   

Zum Thema: Gender Mainstreaming

 

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Gender-Fachkongress „Geschlechter Perspektiven Wechsel“ am 12. Juni 2002 in Stuttgart, Rotebühlzentrum
200 Interessierte waren erschienen, davon 20 Prozent Männer. Ein durchaus repräsentatives Bild für die Geschlechterverhältnisse in der evangelischen, katholischen, gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung und in den Volkshochschulen – Mitgliedseinrichtungen der Fachkonferenz Frauenbildung. Doch auch Teilnehmende aus Jugendbildung, Schule, Beratung, Frauenpolitik waren vertreten.

Eine lebendig von Evelyn Lattewitz vom SWR moderierte Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der Frauenbildung, Männerbildung und Frauen- und Geschlechterforschung zum Thema „Gender-Perspektiven: Neue Fragen für die Bildungsarbeit mit Männern und Frauen“ diente als Einstieg. Einigkeit bestand auf dem Podium und im Publikum darüber, dass die gleichstellungspolitische Strategie des Gender Mainstreaming eigenständige Frauenpolitik nicht überflüssig macht. Ebenso unumstritten war die Notwendigkeit eigenständiger Frauen- und Männerbildungsangebote neben geschlechterbezogenen Veranstaltungen mit Frauen und Männern. Zündstoff bot die Metapher „Wenn ihr mit ins Boot wollt …“: Diese im Blick auf die Zusammenarbeit mit Männern in der Bildungsarbeit häufig vertretene Position von langjährig in Frauen- und Geschlechterfragen engagierten Frauen kann zu erneuten Verletzungen im Geschlechterverhältnis führen. Gleichzeitig macht sie aber deutlich, dass unterschiedliche Ausgangsbedingungen und Konflikte thematisiert werden müssen. Auf der Makroebene struktureller Bedingungen wie der Verteilung von Ressourcen müssen geschlechtergerechte Veränderungen stattfinden, ohne dass Projekte von Frauen und Männern oder Gender- Projekte gegeneinander ausgespielt werden. Ebenso wichtig ist die Beachtung der Mikroebene, der geschlechterbezogenen Zuschreibungen im Handeln und Kommunizieren von Männern und Frauen im Alltag. Anschließend befassten sich vier Foren mit Ansätzen geschlechtergerechter Organisationen und Bildungsarbeit sowie den dafür erforderlichen personalen und beruflichen Qualifikationen von Bildungsarbeiterinnen und Bildungsarbeitern.

Die Workshops am Nachmittag boten konkrete praktische Erfahrungsmöglichkeiten zu Themenbereichen wie der Gender- Perspektive als Querschnittsperspektive für die Qualitäts- oder die Organisationsentwicklung und als expliziter Inhalt von Fortbildungen sowie der Standortbestimmungen von Frauen- und Männerbildungsansätzen innerhalb der Gender-Diskussion. Der Workshop „Gender Training“ führte mit mehr als 50 Teilnehmenden die Hitliste an. Auf dem Schlusspodium zum Verhältnis von Politik, Bildungspraxis und Forschung diskutierten fünf Frauen und ein Mann (Sozialministerium Baden-Württemberg, Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, Oberschulamt Tübingen, aus der Weiterbildung und der Wissenschaft). Unterschiede wurden sichtbar: Während in den Ministerien ein Gender Mainstreaming-Prozess „top-down“ beginnt, gehen im Bildungsbereich Initiativen mit dem Ziel geschlechtergerechter Bildung und Organisationen von der mittleren Ebene aus. Landesweite bildungspolitische Gremien und Führungskräfte verhalten sich bislang weitgehend Gender-abstinent‘. Hier besteht Handlungsbedarf. Trotz der kurzen Zeit gab es Ergebnisse und Statements auf dem Podium: So begrüßte Dr. Christiane Hug-von Lieven vom Sozialministerium eine Mitarbeit der FKF in einem noch zu gründenden Fachbeirat für Gender Mainstreaming in Baden-Württemberg. Das Podium befürwortete eine umsetzungsorientierte Handlungsforschung zu Gender-Perspektiven im Bildungsbereich.

Dr. Gerrit Kaschuba, tifs Tübingen
 
Informationen zum Kongressprogramm: tifs Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung e.V., Fon/Fax: 07071/31744, E-Mail: tifs-tuebingen@ t-online.de, Internet:
www.tifs.de, oder
Volkshochschulverband
Baden-Württemberg,
E-Mail: Degenhardt@ vhs-bw.de.




„Gender Training“ hat Sensibilisierung und Qualifizierung zum Ziel. Trainingselemente wie Bildbetrachtungen regten im Workshop zur Reflexion über Wahrnehmungen und Zuschreibungen zu Frausein und Mannsein an. Standortbestimmungen zu Thesen wie „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ gaben Diskussionsstoff und zeigten differente Lebensbedingungen und Sichtweisen auf. Deutlich wurde: Im Mittelpunkt steht die Beschäftigung mit Prozessen der Unterscheidung und nicht mit „den“ Unterschieden.
     

Wie alles begann!: Initiiert von der Fachkonferenz Frauenbildung (FKF) in Baden- Württemberg und von tifs, dem Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung e. V., tagte eine Kongressvorbereitungsgruppe seit 2000 regelmäßig. Diese war fifty/ fifty mit Frauen und Männern aus den Mitgliedseinrichtungen der FKF besetzt und repräsentierte somit ein breites Spektrum. Ein wichtiges Prinzip: „Gender“ ist nicht gleichzusetzen mit Frauen, ein Prinzip, das am Veranstaltungstag Früchte trug.