AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 17 - 3/2002
   

Zum Thema: Genderforschung

Geschlechtsunterschiede in der Mathematikleistung: Der Einfluss von Stereotypen in der Testsituation
Die Forschung zur Fragestellung, warum sich etwa ab der Pubertät Geschlechtsunterschiede in der Mathematikleistung zeigen, war lange Zeit von zwei Ansätzen geprägt: Auf der einen Seite stehen Modelle, die biologische Faktoren wie etwa Unterschiede in den Gehirnstrukturen als Ursache der Geschlechtsunterschiede ansehen. Auf der anderen Seite finden sich psychosoziale Modelle, die Unterschiede in bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen bzw. die unterschiedliche Erziehung von Mädchen und Jungen in den Vordergrund stellen.

Ich habe in meinen Studien einen neuen Ansatz angewandt, der dadurch gekennzeichnet ist, dass situative Merkmale der Testdurchführung als wichtige Einflussgrößen berücksichtigt werden. Dieser Ansatz, die so genannte „Stereotype Threat Theorie“ (Steele, 1997)¹, weist darauf hin, dass weiblichen Testpersonen während der Bearbeitung der Aufgaben negative Stereotype bewusst werden können, wodurch sie in ihrer Leistungsfähigkeit behindert werden. Konkret wird in diesem Ansatz angenommen, dass bei Mädchen bzw. Frauen, die einen Mathematiktest bearbeiten, die Befürchtung auftritt, sie könnten auf der Grundlage des negativen Stereotyps „Mädchen bzw. Frauen können keine Mathematik“ beurteilt werden, das in unserer Gesellschaft (noch) recht weit verbreitet ist. Diese Befürchtung wird noch dadurch verstärkt, dass die weiblichen Testpersonen die Gefahr wahrnehmen, sie selbst könnten durch eine mögliche schlechte Leistung das negative Stereotyp bezüglich ihrer Geschlechtsgruppe auch noch bestätigen. Es wird weiterhin angenommen, dass diese wahrgenommene Befürchtung und der damit verbundene besondere Leistungsdruck zu einer Absenkung der Leistungsfähigkeit bei Mädchen bzw. Frauen führt.

Abgeleitet von diesen Annahmen kann die Hypothese aufgestellt werden, dass die Leistung von weiblichen Testpersonen bei mathematischen Aufgaben ansteigt, wenn diese wahrgenommene Befürchtung aus der Testsituation entfernt wird. Diese These untersuchte ich in meinen Studien, die ich in Schulklassen der 10. Klassenstufe an Realschulen durchführte. Dabei sollte durch eine kurze schriftliche Mitteilung vor der Bearbeitung der Aufgaben die ansonsten von den Mädchen wahrgenommene Befürchtung entkräftet werden. Diese Mitteilung beinhaltete den Hinweis darauf, dass es sich bei den vorliegenden Aufgaben um eine spezielle Zusammenstellung von Aufgaben handle, bei denen sich in bisherigen Studien noch nie Geschlechtsunterschiede gezeigt hätten. Diesen Hinweis erhielt per Zufallszuweisung die eine Hälfte der teilnehmenden Schüler/innen. Die andere Hälfte der Testpersonen bekam diese Mitteilung nicht.

Die zentrale Hypothese meiner Studien lautet, dass bei Mädchen in der Bedingung ohne Befürchtung bzw. mit Hinweis auf die Fairness des Tests ein Leistungsanstieg auftritt und dadurch der Geschlechtsunterschied zwischen Mädchen und Jungen reduziert bzw. aufgehoben werden kann. Die Ergebnisse meiner Studien stützen diese Hypothese: Bei den Mädchen war durch den Hinweis auf die Fairness des Tests ein starker Anstieg in der Mathematikleistung zu erkennen, der dazu führte, dass der Geschlechtsunterschied aufgehoben wurde, der in der Kontrollgruppe weiterhin zu beobachten war. Diese Ergebnisse untermauern die Annahme, dass Merkmale der Testsituation – insbesondere die Wahrnehmung negativer stereotyper Erwartungen – einen starken Einfluss auf die Testleistung haben können.

Johannes Keller, Universität Mannheim

¹ Spencer, S., Steele, C.M., & Quinn, D. (1999). Stereotype threat and women’s math performance. Journal of Experimental Social Psychology, 35, 4-28.
Steele, C.M. (1997). A threat in the air: How stereotypes shape intellectual identity and performance. American Psychologist, 52, 613-629.
 

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