|
Zum Thema: Genderforschung
Geschlechtsunterschiede in der Mathematikleistung:
Der Einfluss von Stereotypen in der Testsituation
Die Forschung zur Fragestellung, warum sich etwa ab der
Pubertät Geschlechtsunterschiede in der Mathematikleistung
zeigen, war lange Zeit von zwei Ansätzen geprägt: Auf
der einen Seite stehen Modelle, die biologische Faktoren wie etwa
Unterschiede in den Gehirnstrukturen als Ursache der Geschlechtsunterschiede
ansehen. Auf der anderen Seite finden sich psychosoziale Modelle,
die Unterschiede in bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen bzw.
die unterschiedliche Erziehung von Mädchen und Jungen in den
Vordergrund stellen.
Ich habe in meinen Studien einen neuen Ansatz angewandt,
der dadurch gekennzeichnet ist, dass situative Merkmale der Testdurchführung
als wichtige Einflussgrößen berücksichtigt werden.
Dieser Ansatz, die so genannte „Stereotype Threat Theorie“
(Steele, 1997)¹, weist darauf hin, dass weiblichen Testpersonen
während der Bearbeitung der Aufgaben negative Stereotype bewusst
werden können, wodurch sie in ihrer Leistungsfähigkeit
behindert werden. Konkret wird in diesem Ansatz angenommen, dass
bei Mädchen bzw. Frauen, die einen Mathematiktest bearbeiten,
die Befürchtung auftritt, sie könnten auf der Grundlage
des negativen Stereotyps „Mädchen bzw. Frauen können
keine Mathematik“ beurteilt werden, das in unserer Gesellschaft
(noch) recht weit verbreitet ist. Diese Befürchtung wird noch
dadurch verstärkt, dass die weiblichen Testpersonen die Gefahr
wahrnehmen, sie selbst könnten durch eine mögliche schlechte
Leistung das negative Stereotyp bezüglich ihrer Geschlechtsgruppe
auch noch bestätigen. Es wird weiterhin angenommen, dass diese
wahrgenommene Befürchtung und der damit verbundene besondere
Leistungsdruck zu einer Absenkung der Leistungsfähigkeit bei
Mädchen bzw. Frauen führt.
Abgeleitet von diesen Annahmen kann die Hypothese aufgestellt
werden, dass die Leistung von weiblichen Testpersonen bei mathematischen
Aufgaben ansteigt, wenn diese wahrgenommene Befürchtung aus
der Testsituation entfernt wird. Diese These untersuchte ich in
meinen Studien, die ich in Schulklassen der 10. Klassenstufe an
Realschulen durchführte. Dabei sollte durch eine kurze schriftliche
Mitteilung vor der Bearbeitung der Aufgaben die ansonsten von den
Mädchen wahrgenommene Befürchtung entkräftet werden.
Diese Mitteilung beinhaltete den Hinweis darauf, dass es sich bei
den vorliegenden Aufgaben um eine spezielle Zusammenstellung von
Aufgaben handle, bei denen sich in bisherigen Studien noch nie Geschlechtsunterschiede
gezeigt hätten. Diesen Hinweis erhielt per Zufallszuweisung
die eine Hälfte der teilnehmenden Schüler/innen. Die andere
Hälfte der Testpersonen bekam diese Mitteilung nicht.
Die zentrale Hypothese meiner Studien lautet, dass bei
Mädchen in der Bedingung ohne Befürchtung bzw. mit Hinweis
auf die Fairness des Tests ein Leistungsanstieg auftritt und dadurch
der Geschlechtsunterschied zwischen Mädchen und Jungen reduziert
bzw. aufgehoben werden kann. Die Ergebnisse meiner Studien stützen
diese Hypothese: Bei den Mädchen war durch den Hinweis auf
die Fairness des Tests ein starker Anstieg in der Mathematikleistung
zu erkennen, der dazu führte, dass der Geschlechtsunterschied
aufgehoben wurde, der in der Kontrollgruppe weiterhin zu beobachten
war. Diese Ergebnisse untermauern die Annahme, dass Merkmale der
Testsituation – insbesondere die Wahrnehmung negativer stereotyper
Erwartungen – einen starken Einfluss auf die Testleistung
haben können.
Johannes Keller, Universität
Mannheim
¹ Spencer, S., Steele, C.M., &
Quinn, D. (1999). Stereotype threat and women’s math performance.
Journal of Experimental Social Psychology, 35, 4-28.
Steele, C.M. (1997). A threat in the air: How stereotypes shape intellectual
identity and performance. American Psychologist, 52, 613-629. |
 |
Rubriken
|