AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 15 - 1/2002
   

Zum Thema: Gender Mainstreaming

Auf seinem 6. Treffen am 8. März 2002 in Friedrichshafen greift das Städtenetzwerk Bürgerschaftliches Engagement den Ansatz des Gender Mainstreaming auf. Das Treffen steht allen Interessierten aus den Mitgliedsstädten des Netzwerkes offen.

Untersuchungen belegen, dass sich Männer und Frauen in ihrer Freizeit zunächst für das engagieren, womit sie die meisten Vorerfahrungen haben. Reproduziert das Bürgerschaftliche Engagement also die bestehenden gesellschaftlichen Ungleichheiten? Nur zum Teil, denn gerade das persönliche Engagement bietet vielfältige Ansatzmöglichkeiten, neuartige und vor allem auch gemeinsame Betätigungsfelder zu erschließen.

 

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Dem Städtetreffen in Friedrichshafen vorangestellt ist die gleichermaßen selbstverständliche wie provozierende These, dass Chancengleichheit der Geschlechter eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Selbstverständlich, weil Chancengleichheit nur zu erreichen ist, wenn die Gemeinschaft mit anpackt: durch konkrete Hilfe, langfristige Unterstützung, Motivation und Anerkennung. Provozieren muss jedoch, wenn die Gemeinschaft althergebrachte Muster infrage stellt, wenn Manager und Macher den Haushalt führen und die Windeln wechseln sollen. Geltende Rollenbilder geraten in Bewegung, und das schafft Unsicherheit. Persönlich, aber auch substanziell. Denn der Hausmann-Vater ist ja keineswegs besser gestellt als die Hausfrau-Mutter. Weder was die soziale Absicherung, noch was die Anerkennung angeht. Deshalb geht es im Sinne von Gender Mainstreaming immer darum, beiden Geschlechtern den Zugang zu Beruf und Familie und … zu ermöglichen und dies gemeinsam zu gestalten

Chancengleicheit als Gemeinschaftsaufgabe zielt sowohl auf die Verbesserung von Rahmenbedingungen als auch auf Empowerment, d. h. darauf, die einzelnen stark zu machen. Sich gegenseitig stark machen durch Bürgerschaftliches Engagement hat viele Facetten. Dazu gehören u. a. Hausaufgabenhilfe, die gegenseitige Betreuung von Kindern, die Unterstützung in Mütter- und Familienzentren und auch der interkulturelle Austausch.

 

Kontakt:
Städtetag Baden- Württemberg
Agnes Christner Relenbergstr. 12
70174 Stuttgart

ISS
Dr. Ralf Vandamme Am Stockborn 5–7
60438 Frankfurt a.M
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Zu den best-practice-Beispielen in Baden-Württemberg zählt etwa das Projekt „Wir trinken Tee und sprechen deutsch“ – ein Angebot an ausländische Mütter, in einem geeigneten Rahmen (hier der Kindergarten der eigenen Kinder) niedrigschwellig ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Gegenseitige Unterstützung im Rahmen des Bürgerschaftlichen Engagements kann auch heißen, füreinander Stellung zu beziehen. Eine Plakatserie Heidelberger Männer gegen Gewalt in der Ehe macht vor, dass Gewaltprävention nicht allein die Sache der potenziellen Opfer sein kann und darf.

Bürgerschaftliches Engagement und Gender Mainstreaming thematisieren zwangsläufig auch immer wieder die Bereiche Macht und Einfluss. Sie stoßen an bestehende Strukturen, an Dinge, die „schon immer“ so waren. Die bestehenden Strukturen müssen darauf reagieren. Im Bereich des Gender Mainstreaming wächst der politische Druck, Gleichstellung zu realisieren. Und im Bereich des Engagements zeigt die Erfahrung eindeutig die Vorteile bürgerschaftlicher Beteiligung an der Ausgestaltung der Gemeinschaft und der Lösung von Zukunftsfragen in der kommunalen Lebenswelt. Gender Mainstreaming und Bürgerschaftliches Engagement werden so selbstverständliche Querschnittsaufgaben Politik. Ihre Anliegen sind nicht in einem Frauenressort oder in einem Ehrenamtsbüro zu „parken“, sondern gehen alle etwas an. Sie werden handlungsleitende Prinzipien, die das klassische Denken modernisieren. Wenn es also vom klassischen Ehrenamt noch heißt „den Männern die Ehre, den Frauen das Amt“, dann steht das Bürgerschaftliche Engagement ganz im Einklang mit dem Gender Mainstreaming vor der Herausforderung, den Menschen unabhängig von Geschlecht oder Herkunft eine Betätigung je nach Neigung und Interesse in allen Bereichen und auf allen Ebenen zu ermöglichen.

Dr. Ralf Vandamme

   
     

Zum Thema: Gender Forschung

Klinische Psychologie der Frau – Ein Lehrbuch. Alexa Franke, Annette Kämmerer (Hrsg.), Verlag Hogrefe, ISBN 3-8017-1333-4

Dieses erste deutschsprachige Lehrbuch zum Thema schließt die Lücke der Vernachlässigung und des Übersehens von Geschlechterdifferenzen. Es enthält im Kapitel „Grundlagen“ Ausführungen zu Normen und Stereotypen, die nach der Auffassung der Redaktion von allgemeinem Interesse sind und hier auszugsweise zitiert werden:

Im Sinne statistischer Normen ist normal, wer sich möglichst nah am Mittelwert einer Population befindet und damit zur Mehrheit gehört. „Normal“ und „nicht normal“ beschreibt zunächst, wie häufig ein bestimmtes Merkmal und Verhalten vorkommt. Da sich jedes menschliche Verhalten im sozialen Raum ereignet, unterliegt es immer auch einer Wertung, was die zunächst deskriptiv statistische Aussage dann auch zu einer bewertenden Aussage macht.

Soziale Normen kennzeichnen Erwartungen, die an das Verhalten einer Person gestellt werden. Abweichend verhält sich, wer gegen die Erwartungen über das, was gesellschaftlich als allgemein gültig festgelegt ist, verstößt. Soziale Normen sind wesentlich durch männliche Wertesysteme geprägt und enthalten in der Regel explizite Vorstellungen über geschlechtertypisches Verhalten. Frauen geraten durch ihre Anwendung in folgendes Dilemma: Wird das Geschlecht nicht explizit berücksichtigt, so orientiert sich die Norm an männlichen Geschlechterrollenstereotypen, und weibliches Verhalten erscheint gleichsam per se als Abweichung. Wird jedoch das Geschlecht berücksichtigt, so geschieht dies im Allgemeinen durch einengende Normvorstellungen über typisches weibliches Verhalten und lässt Frauen, die sich in diesem Sinne unweiblich verhalten, als abweichend erscheinen. Zu dem für unseren Kulturraum kennzeichnenden Frauenstereotyp zählen Eigenschaften wie „abhängig“, „verständnisvoll“, „emotional“, „sanft“, „warmherzig“, „gesprächig“, „anlehnungsbedürftig“ und „fürsorglich“. Merkmale des Männerstereotyps sind: „unabhängig“, „dominant“, „selbstsicher“, „ehrgeizig“, „zielstrebig“, „rational“ und „willensstark“.

Die soziale Differenz zwischen den Geschlechtern erweist sich als hierarchische Differenz, d. h. in weiten Teilen des öffentlichen Lebens ist die Wertigkeit des Weiblichen dem Männlichen untergeordnet. Im beruflichen Bereich gibt es z. B. immer dann eine Veränderung der Wertigkeitszuschreibung eines Berufsbildes, wenn die berufliche Tätigkeit mit einem Geschlechterwechsel einhergeht. Findet dieser Wechsel von einem Männerberuf zu einem Frauenberuf statt (z. B. Sekretär – Sekretärin), ist eine Statusminderung die Folge, während umgekehrt (z. B. Köchin – Koch) eine Statuserhöhung zu beobachten ist. Männer unternehmen im Vergleich zu Frauen viel größere Anstrengungen, um ihr berufliches Handeln als ihrem männlichen Geschlecht angemessen zu inszenieren. Sie zeigen ein weitaus größeres Interesse als Frauen an der Aufrechterhaltung der Geschlechterdifferenz, während es für Frauen, wollen sie an Status gewinnen, umgekehrt notwendig ist, diese männlich definierte Geschlechterdifferenz zu neutralisieren und nachzuweisen, dass die in dem jeweiligen Berufsfeld erforderlichen Fähigkeiten von der Geschlechtszugehörigkeit unabhängig sind. Für Frauen können sich aus diesen widersprüchlichen Rollenanforderungen zahlreiche Konflikte ergeben: Einerseits sollen sie „ihren Mann stehen“ und andererseits nicht an „Weiblichkeit“ verlieren.

Ein Aspekt dieser Weiblichkeit ist die emotionale Expressivität von Frauen: Frauen äußern sich verbal eher über Gefühle, sie drücken Gefühle mimisch intensiver aus, halten mehr Blickkontakt und lächeln mehr in sozialen Interaktionen. Frauen haben auch ein besser Gedächtnis für Gefühle als Männer: Aus ihrer eigenen Biographie haben sie mehr Erinnerungen an Situationen, die mit – sowohl positiven als auch negativen Gefühlen verbunden waren.

Dr. Annette Kämmerer