AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 13 - 3/2001
   

Beispiel: Gender Mainstreaming in der Stadtplanung

Von Gabriele Steffen, Weeber + Partner, Institut für Stadtplanung und Sozialforschung, Geschäftsführerin

Der Lebensmitteleinkauf ist ein wesentlicher Bestandteil von Alltagsorganisation und Zeitbudget, und er ist noch immer überwiegend Frauensache. Ist die Nahversorgung nicht ausreichend, trifft das besonders die Haushalte ohne Auto, solche mit geringerem Einkommen, Allein Stehende und Allein Erziehende, Ältere - und damit wiederum Frauen stärker als Männer. Dies sind Ergebnisse einer vom Verband Region Stuttgart in Auftrag gegebenen und vom Sozialministerium und Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg geförderten Studie zur wohnungsnahen Versorgung. Anlass war die zunehmende Verlagerung des Einzelhandels an periphere Standorte, die sich rasant ausweiten und eine eigene Dynamik entfalten. Die Untersuchung umfasste Telefoninterviews bei 431 Haushalten in acht Beispielorten der Region mit unterschiedlichen Versorgungsgraden und räumlich-städtebaulichen Strukturen (je zwei urbane gemischte Stadtteile, reine Wohnsiedlungen, dörflich „gewachsene“, eingemeindete Stadtteile, kleinere selbständige Gemeinden) und Recherchen vor Ort, fundiert und begleitet durch die Aufarbeitung von Entwicklungstendenzen und Handlungsmöglichkeiten.

Das wesentliche Ergebnis: Wo das Angebot vor Ort gut ist, wird es auch genutzt – rund 40 bis 66 Prozent kaufen dort überwiegend oder gar fast ausschließlich ein, rund 70 bis 90 Prozent zumindest teilweise. Zu diesem guten Angebot gehört zusätzlich zu vielfältigen kleineren Läden und Discounter in der Regel auch ein nicht zu kleiner Vollsortimenter. Bei eingeschränktem Angebot kaufen die meisten überwiegend außerhalb – im Einkaufscenter „auf der grünen Wiese“, wo man deutlich autoorientiert ist, oder ansonsten in nahe liegenden höherwertigen Stadtteilzentren.

Die Zusammenhänge und Synergien unterschiedlicher Angebote – private und öffentliche Dienstleister, Gastronomie, soziale, kulturelle und sonstige Infrastruktur, überhaupt Arbeitsplätze im Quartier –, die sich gegenseitig stützen und nützen, sind entscheidend für die Vitalität eines Stadtteils, einer Gemeinde. Die Lebensmittelversorgung hat dabei eine Schlüsselfunktion: Dem Verbrauchermarkt folgen auch Apotheke und Sparkasse auf die „grüne Wiese“ nach. Und wer ohnehin mit dem Auto zum Einkaufen fahren muss, erledigt bei der Gelegenheit auch anderes außerhalb.

 


Gabriele Steffen

Die Studie zeigt Möglichkeiten zum Handeln auf. Dies ist nicht zuletzt im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie dringend geboten.
     

Ausschlaggebend für den Einkauf im eigenen Ort ist besonders die Erreichbarkeit zu Fuß, die Nähe zur Wohnung. Als Vorzug des Einkaufscenters werden die große Auswahl, die Verbindung unterschiedlicher Angebote unter einem Dach, die günstigen Preise genannt. Den Zeitaufwand und die Atmosphäre dort erleben dagegen viele als störend. Am Stadt- oder nahen Stadtteilzentrum wird das oft „besondere“ Angebot geschätzt und die Möglichkeit, den Einkauf mit anderen Erledigungen oder dem Arbeitsweg zu verbinden. Überhaupt versuchen über 60 Prozent – Frauen mehr als Männer –, den Einkauf mit anderen Wegen zu kombinieren: Arbeit, andere Einkäufe, Wege zu Bank, Post, Arzt, Apotheke. „Nahversorgung“ meint somit heute nicht mehr nur die wohnungsnahe, sondern auch die arbeitsortnahe Versorgung und die räumliche Nähe unterschiedlicher Angebote, die auf kurzem Weg zu erreichen und zu verbinden sind.