AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 13 - 3/2001
   

Politische Bildung – keineswegs geschlechtsneutral

Von Christine Herfel, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB)

Unsere Frage „Was hat Sie zur Teilnahme bewogen?“ beantwortete ein Teilnehmer: „Ich bin am Küchentisch überredet worden!“ 2/3 der anwesenden Männer bekannten, dass sie ohne ihre Frauen wahrscheinlich nicht teilgenommen hätten! Im Juli fand der Workshop „Geschlechterdemokratie als Herausforderung – Es gibt mindestens zwei Arten die Welt zu sehen“ im Haus auf der Alb, der Tagungsstätte der LpB, statt, und es kamen 20 Männer und 40 Frauen, eine Resonanz, die wir noch vor zwei bis drei Jahren nicht erhalten hätten. In der Ausschreibung hieß es: „In den vergangenen Jahren hat es zwischen den Geschlechtern viele Veränderungen, Missverständnisse und Verletzungen gegeben. Es ist häufig von Gleichstellung oder von Gleichheit die Rede. Der Gleichheitsansatz in der Geschlechterfrage hat wichtige Diskussionen in Gang gesetzt, uns aber vielleicht auch ein wenig den Blick auf unsere Differenz verstellt. Wir laden zum Dialog ein über Themen wie Verteilung von Arbeit oder Zeit sowie neue Lebensformen, gemeinsame Wünsche und Vorstellungen von Lebensgestaltung.“

 
Christine Herfel

 

     
Waren es Anfang der 90er-Jahre vorwiegend Seminare über den „heimlichen Lehrplan“, Mädchen- und Jungenrollen in Bilder- und Schulbüchern, Filmen und Fernsehen …, Geschlechtsspezifische Unterschiede in den Naturwissenschaften usw. verraten ab 1995 die Seminartitel einen Perspektivenwechsel, z.B. „Dialoge zwischen den Geschlechtern: Was Frauen schon immer forderten und noch nicht haben – Was Männer schon immer hatten und so schwer teilen können“ oder „Der kleine Unterschied: Frauen – Männer – Gesundheit – Politik“ und 1999 in Berlin der Kongress zum Thema: „Demokratische Geschlechterverhältnisse im 21. Jahrhundert“ mit 600 Teilnehmern. Die EU Doppelstrategie Gender Mainstreaming (GM) ist Anlass, verstärkt Themen wie „GM in der Schule, ein geschlechtsspezifischer Blick auf Schule und Unterricht“ oder „GM in der Kommunalpolitik“ zu erarbeiten. Zunehmend nachgefragt werden „Gender Trainings“. So führte für 20 hauptamtliche WeiterbildnerInnen das TIFS – Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung e.V. in Zusammenarbeit mit der LpB ein erstes dreitägiges Gender Training durch. Ohne eine Sensibilisierung durch persönliche Erfahrungen und deren kritische Reflexion ist eine Qualifikation für die eigene geschlechterbewusste Bildungsarbeit nicht denkbar.
     

Politische Frauenbildung zielt auf die Veränderung und letztlich Auflösung tradierter patriarchaler Geschlechterverhältnisse und der damit zusammenhängenden Benachteiligung von Frauen. Sie zielt auf eine Demokratisierung bestehender Geschlechterverhältnisse. So ist die „Männerfrage“ und in ihrer Folge die Geschlechterfrage seit Jahren ausdrücklich Thema von – auch geschlechtergemischten Seminaren – lange bevor die „Gender“ Debatte und damit eine neue Qualität und Chance der geschlechtergerechten Weiterbildung uns erreichte! LehrerInnen, ErzieherInnen, StudentInnen, MultiplikatorInnen der Bildungsarbeit und einfach nur aus persönlichem Weiterbildungsinteresse zu uns gekommenen Frauen und Männern aus allen Bereichen der Gesellschaft ist der Blick für die Geschlechterperspektive geöffnet worden.

Politische Bildung ist erst glaubwürdig, wenn sie die Gleichberechtigung sowohl in ihren Seminarangeboten als auch in ihren eigenen Strukturen verwirklicht. Ein LpB interner GM Prozess hat begonnen. Als Frauenbildnerin bleibt mir zu hoffen, dass mehr Kollegen sich des GM Themas annehmen und die Männer auch zu unseren Seminaren kommen, wenn sie keine Frau haben, die am häuslichen Küchentisch Vorarbeiten leistet!