AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 11 - 1/2001
   

Im Ehrenamt für zweieinhalb Millionen Frauen

 Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich?
Ich bin fest überzeugt, wenn wir wirklich gesellschaftliche Veränderungen wollen, reichen Larmoyanz und bloßes Monieren nicht aus, man muss sich selbst einbringen. Wie die meisten Aktiven bin ich in dieses Engagement hineingewachsen: Zunächst in der kirchlichen Jugendarbeit, seit 1981 bei der ÖTV, wo ich mich in der Frauenarbeit für gemeinsame Positionen zur Gleichstellung von Frauen in der Tarifpolitik, der Alterssicherung, der Gleichstellung im Berufsleben engagierte. So ergab sich meine Mitarbeit im Landesfrauenrat nahezu zwangsläufig. In meiner beruflichen seelsorgerischen Arbeit stehen Zuhören können und Empathie im Mittelpunkt, im Ehrenamt aktives Gestalten.

Was hat sie veranlasst, ein bedeutendes Ehrenamt anzunehmen?
Als mich Verbandsvorsitzende und Delegierte unterschiedlichster Mitgliedsverbände des Landesfrauenrates zur Kandidatur für den Vorsitz aufforderten, gehörte ich bereits über sechs Jahre dem Vorstand des Landesfrauenrates an. In vielen Arbeitskreisen und Ausschüssen hatte ich mitgewirkt und zur Positionsfindung entscheidend beigetragen. Nach reiflicher Überlegung (Beruf, Kind, familiäre Verpflichtungen und Ehrenamt) entschied ich mich, mich der Verantwortung zu stellen und die Arbeit des Landesfrauenrates mit all ihren Möglichkeiten aktiv zu gestalten.

Was liegt Ihnen am Herzen?
Junge Frauen für unsere Arbeit zu gewinnen, ihre Interessen bei unserer Beschlussfassung und politischen Prioritätensetzung zu berücksichtigen, ist mir ein zentrales Anliegen. Sehr wichtig sind mir die Initiierung und Fortführung von Projekten und Aktionen wie die großen Veranstaltungen zur Information von Mädchen und MultiplikatorInnen über IT-Berufe und Ausbildungswege, „Girls be cool, go for IT“, die „Qualitätsoffensive Brustkrebs“ und im Wahljahr die Gewichtung der frauenpolitischen Aktivitäten der Fraktionen. Noch wichtiger ist mir allerdings, die Bedeutung und Wahrnehmung des Landesfrauenrates in der politischen Landschaft Baden-Württembergs zu erhöhen.

Worin liegt Ihr persönlicher Gewinn aus dieser umfagreichen Tätigkeit?
Anerkennung in Form der jährlichen „Muttertagsanerkennung“ ist mir nicht wichtig. Anerkennung beziehe ich aus dem Erfolg unserer Arbeit, besonders, wenn es gelingt, von uns gesehene Veränderungsnotwendigkeiten anzustoßen, und ich freue mich, wenn ich Ideen und Visionen umsetzen kann. Die ehrenamtliche Arbeit ist oft zeitintensiv, und bei der engagierten Vertretung von Positionen sind Konflikte unumgänglich. Und doch ist sie bei weitem nicht nur belastend. Die Arbeit als Vorsitzende erfordert, mit schwierigen Situationen umzugehen und die Positionen des Landesfrauenrates und damit die Anliegen der Frauen im Land gegenüber den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft zu vertreten.Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt, über die ehrenamtliche Arbeit sind Freundschaften entstanden und ich habe mich und meine Positionen weiterentwickelt.

Wie hoch schätzen Sie gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten im Ehrenamt?
Ganz beträchtlich, wenn ich z.B.an die Einflussmöglichkeiten der Nichtstaatlichen Organisationen (NGO) auf nationaler und internationaler Ebene denke. Natürlich kommt es auf die jeweilige Position an, auf die Zahl der Mitglieder, die man vertritt oder das Gewicht, das die Politik diesen zumisst. Es hängt auch davon ab, inwieweit ehrenamtlicher Sachverstand in Gremien, Ausschüsse, Beiräte etc. eingebunden ist. Würde ich nicht an Gestaltungsmöglichkeiten glauben, könnte ich mich niemals in diesem Umfang engagieren. Wenn ich nur an die jahrzehntelangen Forderungen zum Ausbau der Kinderbetreuung denke, sehe ich jetzt endlich die ersten von uns geforderten Verbesserungen – wir bewegen also doch etwas!

 


Marion von Wartenberg ist Vorsitzende des Landesfrauenrats und ehrenamtliche Vorsitzende der ÖTV- und der DGB-Frauenarbeit Baden- Württemberg. Sie ist
43 Jahre, verheiratet und hat eine 9-jährige Tochter.